Entlang der Milchstraße

  1. März 2014, Hasnerstraße, 1160 Wien

Von einem ehemaligen Milchgeschäft erzählen mattrote Rollbalken, vier rote Buchstaben und ein fehlendes L.  MI CH. Ein weiterer Schriftzug für meine Stadtschrift-Sammlung, denke ich. Und fotografiere. Schaue auf diese vier und den fehlenden Buchstaben, bleibe wie angewurzelt stehen. Plötzlich die Erkenntnis, dass mich genau das, die nächsten Jahre beschäftigen wird. Von MILCH zu MICH.  Mit einer Leerstelle dazwischen.

  1. September 2015, Grado, Aquilea

Zwischen den Bergen und dem Meer suchen Thomas und ich das Weite, feiern unseren 25. Hochzeitstag, flanieren durch Städte und über die Lande. Viel Himmel, viel Wind. „Durch den Wind“ – so fühle ich mich auch. Ich bin glücklich. Ich bin traurig. Habe Sehnsucht nach meinen Kindern.  Aber Ruth ist in Paris und Agnes in Wien wird uns nicht allzu sehr vermissen …

  1. Februar 2017, ein Café am Flughafen Wien

Noch einmal eine Reise zu viert. Schon vor dem Abflug nach Madrid ist die Stimmung schlecht. Wir trinken einen Kaffee und ziehen dann, mehr oder weniger schweigend weiter zu unserem Gate. Im Café, beim Ausgang, sitzt eine ältere Frau, mit kurzen grauen Haaren, einem bunten Schal, alleine bei einem Kaffee, in ein Heft schreibend. Ich schaue sie sehnsüchtig an, drehe mich noch einmal nach ihr um. Auch sie schaut mir nach, mit einem unbestimmten Blick.

  1. April 2017, Werkstatt Babsi Daum, 1020 Wien

Bei Babsi Daum in der Werkstatt hängt ein Zitat aus der „Wolfsfrau“ von Clarissa Pinkola Estes. Was zu tun ist. „Essen, Ruhen, spielerisch arbeiten und herumstreunen, loyal sein, Kinder großziehen, im Mondlicht tanzen, Ohren haarfein einstimmen, Knochen ausgraben, lieben und sich lieben lassen, oft und laut aufheulen.“  Auf dem Heimweg mit dem Fahrrad machen sich Freiheit und Leichtigkeit in mir breit, die Gewissheit „das Kinder Großziehen“ ist geschafft!

  1. Mai 2017, Ausstellung „Weggefährtinnen“, Club Alpha, 1010 Wien

Genau dieselbe Situation fühlt sich plötzlich traurig und schwer an. Und wieder einmal ist es die Kunst, die Poesie, die hilft, die rettet! In einer Ausstellung begegnet mir eine Keramikfrau, sie steht in einem Boot. Die Künstlerin Elisabeth Temnitschka nennt sie „Gefährtin“. Fährfrau in Übergangszeiten.

  1. August 2017, Ruprechtskirche, 1010 Wien

Eine Tänzerin kommt mit einem roten Seil, um für eine Performance den Raum zu vermessen und Schritte zu üben. Sie befestigt das Seil an der Kirchenbank.
Langsam wickelt sie sich ein, zögernd, und dann mit luftigen Schritten wieder aus,
hinein in den Raum:
verstricken
verbinden
entbinden
entwickeln
und dazwischen ein Tanz.

  1. November 2017

Das Haus weniger halten
die Sprünge sein lassen
Licht herein lassen
den Kühlschrank leer lassen
im „Tanzen anders“ schreiben.

25. Jänner 2018, Pizzeria Disco Volante, 1060 Wien

Agnes wird 19, Ruth zieht aus. Weiter auf der Milchstraße, von MILCH zu MI CH. Zwischen den Buchstaben eine Leere, eine Fülle. Einmal so, einmal so. Manchmal beides gleichzeitig.

26.Jänner 2018, BOeS Atelier, 1120 Wien

Die Künstlerin Erika Kronabitter schenkt mir einen gemalten Hagebuttenhimmel.
Hagebuttenhimmel ist Natur, ist Kunst, ist Poesie, ist Literatur, ist Freundschaft, ist Freundlichkeit, ist Wohlwollen, ist Verbundenheit.

  1. März 2018

Aufbrechen zu mir
Gedankenschritte gehen
Fortbewegungen

  1. November 2018

Mein Text macht die Runde. „Wir sitzen alle im selben Boot“ schreibt mir eine Freundin. „Vielleich auch nicht“, denke ich.

Unsere Kinder ziehen in ihr Leben, fliegen los. Wir lachen, wir weinen. Wir spüren Schwere und Freiheit. Auch wir brechen auf, sind unterwegs. Weggefährtinnen.

  1. Dezember 2018

Aneinandergereihte Passagen in diesem Text, Momentaufnahmen von Übergängen.
Spannend, einen Text gleichzeitig zu leben und zu schreiben.
Was ist zuerst?

  1. August 2019

In der Buchhandlung in Altaussee fällt mir ein frühes Buch von Barbara Frischmuth zu:

„Und was für ein Segen für die Familie, dass die Maschine Mutter umzufunktionieren ist. Dass die Fürsorge und die Zuwendung auf ganz natürliche Weise zurück geht, wie die Milch, wenn der Säugling abgestillt wird.“ (Barbara Frischmuth, Kai oder die Liebe zu den Modellen).

  1. August 2019

Ein Hochzeitsfest in Seebarn. Barfuß tanze ich in der Scheune in unseren 29. Hochzeitstag hinein. Unbändiges Augenblicksglück.

  1. September 2019

Als ich von diesem Augenblick erzähle, weiß ich plötzlich, dass dieser Text zu Ende geschrieben ist. Bin bei MICH.

 

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  • Text und Raum, Weben und Wirken

    Diese Begriffe sind meine Arbeit, meine Sehnsucht, mein Zuhause, mein Weg, meine Gestaltungsmöglichkeit, meine Begabung, meine Herausforderung.