Abfallendes aufgelesen – zum Stadtschreiben 2019

Was aus unserem Leben so abfällt: Dinge, die wir nicht mehr brauchen, nicht mehr schätzen, die zu Ende verwendet sind, für die wir nicht mehr sorgen (wollen, können) – wir entsorgen sie.
Gibt es Zwischenstationen im Entsorgen?
Wird Abfallendes zwingend zu Abfall, also zu Müll?
Wohin kommen die abfallenden Dinge?
Es gibt Orte, wie CARLA, das Caritaslager am Mittersteig, oder die 48er Tandler an verschiedenen Plätzen in der Stadt.
Umschlagplätze der Dinge, der Erinnerungen und Geschichten.
Gut erhaltene Altwaren vom Mistplatz, nicht abgeholte Sachen vom Fundservice, nicht mehr gebrauchte Gegenstände der Stadt Wien finden in der großen Halle im 5. Bezirk in neuen Arrangements zusammen.
Sie lassen sich suchen, auflesen, lesen. Jeder Gegenstand hat seine innewohnende Geschichte, kann die Fantasie beflügeln, kann Schreibanlass sein.

Ausrangierte Schriften in der Stadt, von aufgelassenen Geschäften und Betrieben, wo landen sie?
In einem Müllcontainer aufgelesene Buchstaben waren jedenfalls der Beginn des Vereins Stadtschrift, mit dem Anliegen, die Buchstaben und die Handschrift der Stadt zu retten.
Sie werden im Textgewebe der Stadt nur verschoben, von ihren ursprünglichen Orten auf Feuermauern, die ohnehin wie ein leeres Blatt Papier bereit sind, bemalt oder beschrieben zu werden.
Textfortsetzungen finden sich dann am dem je eigenen weißen Blatt beim Stadtschreiben.

Natalie Deewan arbeitet als Schrift-hin-und-her-Stellerin in Wien und betreibt angewandte Literatur, unter anderem auch mit ausgedienten Geschäfts- und Reklameaufschriften. Aus den vorhandenen Buchstaben entstehen durch annagramatische Umstellung ganz eigene poetische Handlungsanweisungen. Auch eine Art, Abfallendes neu zu lesen.

Um eine Stadt gut zu bewohnen, braucht es Sitzplätze und Bücherschränke im öffentlichen Raum.
So eine Art „rund-um-die-Uhr-Freiluftbücherei“ für unkomplizierten literarischen Austausch.
Auflesen und Weiterschreiben lautet die Devise für’s Stadtschreiben!

Dinge aller Art bei den 48er Tandlern, 1050 Wien, 10. Mai 2019
Schriftzüge an der Feuermauer, 1060 Wien, 14. Juni 2019
Anagramme rund um den Meidlinger Markt, 1120 Wien, 5. Juli 2019
Bücher am Margarethenplatz, 1050 Wien, 13. September 2019

 

 

 

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    Diese Begriffe sind meine Arbeit, meine Sehnsucht, mein Zuhause, mein Weg, meine Gestaltungsmöglichkeit, meine Begabung, meine Herausforderung.