Andere Bilder nicht mit Grenze

IMG_0218-11 Ein Bildhauer zieht seine Linie in den Stein. „Des Unterbrechens Sinn ist das Weiterführen“. Sebastian Prantl geht mit uns über den Hügel von St. Margarethen, zieht mit Worten Erinnerungslinien von Stein zu Stein und darüber hinaus – sie verbinden Zeiten und Kontinente.

2 Im Regen gehen wir über den Hügel, Bilder tauchen auf, in die ich immer tiefer eintauche: Prag, im Dezember 89, gleich nach der Revolution; die Steine der Bildhauer in der Wüste Negev. Im freilegen der er-innerten Bilder und Geschichten wird Schicht für Schicht abgetragen.

3 Pfingsten 1993, ein Picknick in St. Margarethen. Der Philosoph Rudolf zur Lippe steht vor dem Bildhauerhaus unter einem blühenden Hollerstrauch. Er spricht davon, dass wir nichts besitzen und festhalten können, nicht Menschen und Beziehungen, nicht Kunst oder Natur. Wir können nur den Augenblick erleben.

4 Im Bildhauerhaus sitzen wir um einen großen Holztisch, vor uns leere Blätter. Wir lassen uns überraschen vom Ort, den Worten, Begegnungen und Berührungen. Wir erleben den lateinischen Wort-Ursprung von „Text“ ganz unmittelbar: texere – verweben, verbinden, verknüpfen. Wir bewegen uns in einem gemeinsamen Textfeld weit über das Blatt Papier hinaus.

5 Am Abend, bei einem Glas Wein, spinnen wir die Fäden weiter und erzählen einander: vom Aufwachsen in einem burgenländischen Dorf an der Grenze, von einer Klassenfahrt nach Russland, von einer betrunkenen russischen Freundin, von Filmen und einer Übersetzerin, von bedrohlichen und offenen Grenzen, von einem Stipendium in Bratislava, von Reisen in den Osten, von Ferne und Nähe, von der Arbeit für einen ungarischen Schriftsteller. Wir begegnen einander und berühren einander. Die Texte wirken in die Gespräche und die Gespräche in die Texte – verweben, verbinden, verknüpfen.

6 Der Text verändert sich durch das Erleben überraschend schnell, auch aufgeschriebene Worte lassen sich nicht festhalten, sie sind nomadisch und beweglich. Anders als die Steine.  Und doch, ob Worte oder Steine „wir besitzen nichts“.

7 Wir versuchen, uns in diesen Ort einzuschreiben, ihn ein Stück weiterzuschreiben. Ihn zu übersetzen, von einer Sprache in die andere, um zu verstehen, zu begreifen. Die Sprache der Steine, der Landschaft, der Bienen, der Gräser, der Bäume, der Architektur, der Bilder, der Menschen.

8 Das alte Kinderspiel „Schere Stein Papier“ fällt mir ein. Ist der Stein stärker oder das Papier? Was bleibt vom Stein und was von den aufgeschriebenen, was von den gesprochenen Worten?

9 „des Unterbrechens Sinn ist das Weiterführen“. Andere Bilder nicht mit Grenze.

Soundspaziergang über den Hügel von St. Margarethen, August 2014

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Allgemein, Kunst, Räume, Schreiben. Bookmarken: Permanent-Link. Kommentieren oder ein Trackback hinterlassen: Trackback-URL.

Ein Kommentar

  1. Erstellt am 23. Oktober 2014 um 21:13 | Permanent-Link

    Schön geschrieben, man ist voll dabei… Natürlich denke ich bei Burgenland und den Namen Prantl an Karl. Grüße aus dem Gebirge.

Ihr Kommentar

Ihre E-Mail wird niemals veröffentlicht oder verteilt. Benötigte Felder sind mit * markiert

*
*

Du kannst diese HTML Tags und Attribute verwenden: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

  • Text und Raum, Weben und Wirken

    Diese Begriffe sind meine Arbeit, meine Sehnsucht, mein Zuhause, mein Weg, meine Gestaltungsmöglichkeit, meine Begabung, meine Herausforderung.