barock bewegt

Wenn ich durch Städte flaniere, gehe ich üblicherweise in Kirchen. Vielleicht ein Kunsthistorikerinnen-Reflex, mehr aber die Sehnsucht nach Stille, nach Unterbrechung. Kirchen sind für mich Refugien. Dort bin ich ungestört, kann fraglos einfach da sein.

Die Barockkirchen lasse ich auf meinen Wegen allerdings weitgehend aus. Zu viel Prunk, zu viel Gold, zu viel Schein. Zu viel katholisch-kaiserliche Machtdemonstration, göttliche und weltliche Hierarchie, zu viel Gegenreformation und Jenseits-Vertröstungen.

Hätte ich vorher einen Reiseführer gelesen, wüsste ich, dass Bra eine kleine piemontesische Barockstadt mit vielen Kirchen ist. Die Kirchen habe ich durch ihre Türme schnell wahrgenommen, die Suche nach einer romanischen oder gotischen hätte ich mir ersparen können …

Allerdings hatte ich ohnehin nichts anderes zu tun als zu flanieren, zu schauen, zu entdecken, zu denken, zu träumen, zu erinnern, Espresso zu trinken, zu schreiben, zu lesen. Und in Kirchen zu sitzen.

Die erste Kirche hat mich noch ein wenig bedrückt, bis mir aufgefallen ist, dass gedrehte Marmorsäulen die Schwere aufheben. In der nächsten Kirche dachte ich, dass große Gesten immer auch große Emotionen ausdrücken, – nicht immer ist alles rational erklärbar. In Santa Chiara schließlich habe ich sicher eine Stunde verbracht.

Der Raum hat etwas sanft Schwingendes, etwas Helles, Heiteres. Täuschend echt gemalte Scheinarchitektur, Verschmelzung von Malerei, Plastik und Architektur, lichtdurchflutete Grenzaufhebungen. Bewegte Linien, die in Spiralen enden. Goldene Flügel heben die Schwerkraft auf. Überbordende Fülle und Sinnlichkeit. Beinahe körperlich erfahrene Raumbewegungen. Nach und nach fühle ich mich, als hätte ich mitten am Tag ein Glas Barolo auf leeren Magen getrunken …

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  • Text und Raum, Weben und Wirken

    Diese Begriffe sind meine Arbeit, meine Sehnsucht, mein Zuhause, mein Weg, meine Gestaltungsmöglichkeit, meine Begabung, meine Herausforderung.