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Aus der Stadt gefallen – eine Montage im März 2020

„In dem Augenblick aber, wo sie den Stich empfand, fiel sie auf das Bett nieder, das dort stand, und lag in einem tiefen Schlaf. Und dieser Schlaf verbreitete sich über das ganze Schloss. Der König und die Königin, die eben heimgekommen und in den Saal getreten waren, fingen an, einzuschlafen, und der ganze Hofstaat mit ihnen. Da schliefen auch die Pferde im Stall, die Hunde im Hof, die Tauben auf dem Dach, die Fliegen an der Wand, ja das Feuer auf dem Herd flackere, wurde still und schlief ein. Der Braten hörte auf zu brutzeln, der Koch, der den Küchenjungen, weil er etwas versehen hatte, an den Haaren ziehen wollte, ließ ihn los und schlief. Und der Wind legte sich, und auf den Bäumen vor dem Schloss regte sich kein Blättchen mehr.“

(Dornröschen, Brüder Grimm)

 Dornröschenschlaf

Erstarrt die Geschäfte, Cafés, Bars, Restaurants, Kinos, Hotels, Würstelstände, Galerien, Büchereien, Universitäten, Werkstätten, Theater, Frisiersalons, Musiksäle, Nachtclubs, Copy-Shops, Änderungsschneidereien, … nicht durch einen Stich in den Finger, sondern durch eine Verordnung:

„Nur Geschäfte für Grundversorgung dürfen noch offenhalten“. Und weiter: „Verordnung des Gesundheitsministers gemäß § 2 Z 1 des Covid-19-Maßnahmengesetzes“ wird ausgesprochen: „Zur Verhinderung der Verbreitung von Covid-19 ist das Betreten öffentlicher Orte verboten.“

Die Espressomaschinen hören auf zu heizen, die Kuchenvitrinen zu kühlen, die Musik zu spielen. Die Gläser und Flaschen, die Frühlingskleidung, der Schmuck, die Bücher, die Handys, … all die Dinge unseres Lebens, die wir brauchen oder glauben zu brauchen, verstauben langsam in den Auslagen und Geschäften. Ein Prinz wird nicht kommen und uns erlösen …. der Kuss wird die Aufhebung einer Verordnung sein. Bleibt die Frage, ob dann alle wieder aufwachen können.

Füchse und Fische

Jemand hat einen Uhu im 1. Bezirk gesehen. Füchse schleichen durch die Gärten in den Randbezirken. „Wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen, da sind auch Wölfe und Bären nicht weit.“ Das Sprichwort verweist auf menschenleere Einsamkeit – also das genaue Gegenteil von Stadt. Wächst die Dornröschenhecke langsam in die Stadt hinein? Auch die Künstlerin Maria Peters erzählt im Standard-Wohngespräch, dass sich die Tiere offenbar von Tag zu Tag wohler fühlen, die Vögel und die Marder den Park zurückerobern.

„Wie schön wäre Wien ohne Wiener. Der Stadtpark wär sicher viel grüner und die Donau endlich so blau“ singt Georg Kreisler. Dann gäbe es Bilder und Nachrichten von Delphinen in der Donau und klarem Wasser und Fischen im Donaukanal, so wie von Venedig und Triest. Sind aber angeblich ohnehin fake news. Ich brauche es nicht grüner und blauer, mir würde ein Steckerlfisch in der Hafenkneipe reichen ….

Leere

… „und die lauschigen Gassen wärn leer“ … Ob Georg Kreisler sich annähernd vorstellen konnte, dass leere Gassen und Straßen alles andere als lauschig sind?

Die stille, leere Stadt wirkt wie eine Kulisse, die auf das nächste Stück wartet.

Ich wohne doch nicht mitten in der Stadt, um nur mehr die Vögel zwitschern zu hören! Mir fehlt das Knallen der Bälle gegen das Gitter des Fußballplatzes, die Klangkulisse spielender, lachender, schreiender, streitender Kinder im Kindergarten, auf dem Spielplatz. Die Gesprächsfetzen der Menschen im Park. Das Rattern der Züge in der Ferne.

Die Künstlerin Maria Peters sprich davon, wie das Licht und die Soundkulisse vor ihrem Fenster ihr Leben rhythmisieren, „denn die Interaktion mit dem Sonnenverlauf und den Kindern im Innenhof und auf dem Spielplatz gibt mir Orientierung über Jahreszeit, Wochentag und Uhrzeit. … Jetzt ist alles anders. Die Kinderspielplätze sind still, die Straßen fast ausgestorben, und wenn ab und zu jemand durch die Gasse geht, erkennt man von hier oben eine gewisse Anspannung, durch die Ansteckungsgefahr, wie ich vermute. Die Zeit fühlt sich an wie ein ewiger Sonntag.“

Ich fühle mich nicht in der Wohnung eingesperrt, sondern aus der Stadt ausgesperrt. Was wahrscheinlich auf dasselbe hinausläuft. Und zum ersten Mal fühle ich mich unsicher in der Stadt. Einerseits durch die Verordnung und die Polizei – was darf ich, was darf ich nicht -, andererseits spät abends durch die menschleeren Straßen und geschlossenen Lokale.

In der Stadt nicht mehr zuhause sein, die Stadt nicht mehr bewohnen können/dürfen. Sozusagen aus der Stadt gefallen.

Michael Hausenblas schreibt im „Rondo“ über die Wiener Innenstadt, „die von einem mühsamen Wimmelbuch zu einer Geisterstadt wurde“.

Und ich ertappe mich schon bei unsinnigen Gelübden (und stelle mir die entsprechenden Votivbilder dazu vor): Nie mehr wieder werde ich mich über Menschenmassen aufregen, die Touristen auf den Mond oder sonst wohin wünschen. Nie mehr wieder werde ich den ersten Bezirk ein k&k Disneyland nennen … wenn nur das Leben wieder in die Stadt kommt, mit allen Facetten und Ambivalenzen.

Vereinzelung

„Zerstreuen sie sich. Halten sie Abstand von mindestens einem Meter“. Die Polizei fordert uns mit dem Megaphon dazu auf. Auf der Straße machen die Menschen einen großen Bogen umeinander, oft wird dabei ein verzweifelt-entschuldigendes Lächeln ausgetauscht. Manche tragen Schutzmasken, die verdecken jedes Lächeln. Wenn ich mich auf der Straße beobachte und die momentane Sinnhaftigkeit dieser Maßnahmen ausblende, komme ich mir völlig gestört vor. Und ich habe wirklich Sorge, was diese Angst voreinander mit uns allen macht.

Das Konzept Stadt ist nicht Vereinzelung. Stadt ist das, was unterschiedliche Menschen alleine und miteinander tun. Stadt ist Nähe und Austausch.

 Rituale

Das tägliche 18-Uhr-Klatschen auf den Balkonen und an den offenen Fenstern für alle, die jetzt „das System erhalten“, wie es so schön heißt, wird zu Recht auch als zynisch empfunden, denn es braucht etwas ganz anderes: viel bessere Arbeitsbedingungen und Gehälter.

Allerdings brauchen wir alle dieses tägliche Ritual: ein gemeinsames in den Stadtraum treten. Etwas miteinander machen. Einander wahrnehmen, anschauen, zuwinken. Der Sehnsucht nach Begegnung folgen …  neue Räume finden.

Wie schön wäre Wien ohne Wiener
So schön wie a schlafende Frau!
Der Stadtpark wär sicher viel grüner
Und die Donau wär endlich so blau!

Wie schön wäre Wien ohne Wiener –
Ein Gewinn für den Fremdenverkehr!

Die Autos ständen stumm
Des Riesenrad fallet um

Und die lauschigen Gassen wärn leer
In Grinzing endlich Ruh

Und’s Burgtheater zu –
Es wär herrlich, wie schön Wien dann wär!

Keine Baustölln, keine Schrammeln
Und im Fernsehn kein Programm!

Nur die Vogerln und de Pferderln
Und de Hunderln und de Baam.

(Georg Kreisler)

 

 

Brüder Grimm, Dornröschen
Wien ohne Wiener, Lied und Text Georg Kreisler, 1964
Wohngespräch, Wojciech Czaja mit Maria Peters, Der Standard, 21./22. März
Michael Hausenblas, Daheim ist das neue Fremde, Rondo 1064, 27. März 2020

Hafenkneipe, Donaukanal, bei der Franzensbrücke

Das Foto habe ich vor drei Jahren an einem Frühsommerabend in Alba, Piemont aufgenommen.

 

 

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All die Tage, Orte, Worte. Herbst 2019

  1. Oktober 2019, Sveti Jakov

Noch bewege ich mich entlang meiner Erinnerungen.
Aber bald darüber hinaus.
‚Worte sind Handlungen‘, sagt Marica Bodrozic, ‚Brücken zum Bleibenden.‘
Ich hänge meine Bilder in den Wind.
Die Grillen sind stumm.
Auf den Bäumen Granatäpfel und sich färbende Oliven.
Der Tag spiegelt sich, wie unzählige zuvor, in der braunen, bauchigen Teekanne.

  1. Oktober 2019, Vsetin

Die Bäume, wenn sie sich entblättern und ihre Linien ziehen.

  1. Oktober 2019

Die Donau beständig wandelbar spiegelnd ostwärts fließend.
So etwas wie Heimat für mich.

  1. November 2019, Hauptbahnhof

Ich mag Bahnhöfe. Das Kommen und Gehen. Das Warten. Das Reisen. Augenblicksheimat für viele. Zumindest früher. Als die Bahnhöfe noch Namen hatten, nach Himmelsrichtungen, Orten, oder Heiligen. „Haupt“ ist ein wenig austauschbar, so wie die Geschäfte und Kaffeehausketten. Ich vermisse den Markuslöwen, die Säulen mit den Fahrplänen, das Restaurant Rosenkavalier, die Trafik, das Blumengeschäft. Das klickende Auge in der Halle, die süd-östlichen Reiseversprechungen. Der Südbahnhof bleibt Sehnsuchtsort und überlagert alle meine Bahnhöfe, vor allem die Namenlosen.

1.Dezember 2019, Nürnberg

Der Fluss. Die Kerze. Der Vogel. Das Grün. Der Zweig. Die Vase. Das Schreiben. Der Espresso. Das Heft. Die Füllfeder. Das Antibiotikum. Die Gedanken. Der Körper. Die Linien. Die Wurzeln. Die Fragen. Die Gespräche. Die Freundschaft. Das Buch. „Eine kleine Vernetzung der alltäglichen Dinge“.

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Entlang der Milchstraße

  1. März 2014, Hasnerstraße, 1160 Wien

Von einem ehemaligen Milchgeschäft erzählen mattrote Rollbalken, vier rote Buchstaben und ein fehlendes L.  MI CH. Ein weiterer Schriftzug für meine Stadtschrift-Sammlung, denke ich. Und fotografiere. Schaue auf diese vier und den fehlenden Buchstaben, bleibe wie angewurzelt stehen. Plötzlich die Erkenntnis, dass mich genau das, die nächsten Jahre beschäftigen wird. Von MILCH zu MICH.  Mit einer Leerstelle dazwischen.

  1. September 2015, Grado, Aquilea

Zwischen den Bergen und dem Meer suchen Thomas und ich das Weite, feiern unseren 25. Hochzeitstag, flanieren durch Städte und über die Lande. Viel Himmel, viel Wind. „Durch den Wind“ – so fühle ich mich auch. Ich bin glücklich. Ich bin traurig. Habe Sehnsucht nach meinen Kindern.  Aber Ruth ist in Paris und Agnes in Wien wird uns nicht allzu sehr vermissen …

  1. Februar 2017, ein Café am Flughafen Wien

Noch einmal eine Reise zu viert. Schon vor dem Abflug nach Madrid ist die Stimmung schlecht. Wir trinken einen Kaffee und ziehen dann, mehr oder weniger schweigend weiter zu unserem Gate. Im Café, beim Ausgang, sitzt eine ältere Frau, mit kurzen grauen Haaren, einem bunten Schal, alleine bei einem Kaffee, in ein Heft schreibend. Ich schaue sie sehnsüchtig an, drehe mich noch einmal nach ihr um. Auch sie schaut mir nach, mit einem unbestimmten Blick.

  1. April 2017, Werkstatt Babsi Daum, 1020 Wien

Bei Babsi Daum in der Werkstatt hängt ein Zitat aus der „Wolfsfrau“ von Clarissa Pinkola Estes. Was zu tun ist. „Essen, Ruhen, spielerisch arbeiten und herumstreunen, loyal sein, Kinder großziehen, im Mondlicht tanzen, Ohren haarfein einstimmen, Knochen ausgraben, lieben und sich lieben lassen, oft und laut aufheulen.“  Auf dem Heimweg mit dem Fahrrad machen sich Freiheit und Leichtigkeit in mir breit, die Gewissheit „das Kinder Großziehen“ ist geschafft!

  1. Mai 2017, Ausstellung „Weggefährtinnen“, Club Alpha, 1010 Wien

Genau dieselbe Situation fühlt sich plötzlich traurig und schwer an. Und wieder einmal ist es die Kunst, die Poesie, die hilft, die rettet! In einer Ausstellung begegnet mir eine Keramikfrau, sie steht in einem Boot. Die Künstlerin Elisabeth Temnitschka nennt sie „Gefährtin“. Fährfrau in Übergangszeiten.

  1. August 2017, Ruprechtskirche, 1010 Wien

Eine Tänzerin kommt mit einem roten Seil, um für eine Performance den Raum zu vermessen und Schritte zu üben. Sie befestigt das Seil an der Kirchenbank.
Langsam wickelt sie sich ein, zögernd, und dann mit luftigen Schritten wieder aus,
hinein in den Raum:
verstricken
verbinden
entbinden
entwickeln
und dazwischen ein Tanz.

  1. November 2017

Das Haus weniger halten
die Sprünge sein lassen
Licht herein lassen
den Kühlschrank leer lassen
im „Tanzen anders“ schreiben.

25. Jänner 2018, Pizzeria Disco Volante, 1060 Wien

Agnes wird 19, Ruth zieht aus. Weiter auf der Milchstraße, von MILCH zu MI CH. Zwischen den Buchstaben eine Leere, eine Fülle. Einmal so, einmal so. Manchmal beides gleichzeitig.

26.Jänner 2018, BOeS Atelier, 1120 Wien

Die Künstlerin Erika Kronabitter schenkt mir einen gemalten Hagebuttenhimmel.
Hagebuttenhimmel ist Natur, ist Kunst, ist Poesie, ist Literatur, ist Freundschaft, ist Freundlichkeit, ist Wohlwollen, ist Verbundenheit.

  1. März 2018

Aufbrechen zu mir
Gedankenschritte gehen
Fortbewegungen

  1. November 2018

Mein Text macht die Runde. „Wir sitzen alle im selben Boot“ schreibt mir eine Freundin. „Vielleich auch nicht“, denke ich.

Unsere Kinder ziehen in ihr Leben, fliegen los. Wir lachen, wir weinen. Wir spüren Schwere und Freiheit. Auch wir brechen auf, sind unterwegs. Weggefährtinnen.

  1. Dezember 2018

Aneinandergereihte Passagen in diesem Text, Momentaufnahmen von Übergängen.
Spannend, einen Text gleichzeitig zu leben und zu schreiben.
Was ist zuerst?

  1. August 2019

In der Buchhandlung in Altaussee fällt mir ein frühes Buch von Barbara Frischmuth zu:

„Und was für ein Segen für die Familie, dass die Maschine Mutter umzufunktionieren ist. Dass die Fürsorge und die Zuwendung auf ganz natürliche Weise zurück geht, wie die Milch, wenn der Säugling abgestillt wird.“ (Barbara Frischmuth, Kai oder die Liebe zu den Modellen).

  1. August 2019

Ein Hochzeitsfest in Seebarn. Barfuß tanze ich in der Scheune in unseren 29. Hochzeitstag hinein. Unbändiges Augenblicksglück.

  1. September 2019

Als ich von diesem Augenblick erzähle, weiß ich plötzlich, dass dieser Text zu Ende geschrieben ist. Bin bei MICH.

 

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All die Tage, Orte, Worte. Sommer 2019

  1. Juli 2019, Altaussee

Der See. Der Berg. Der Wald.
Der Hirsch. Die Stutzen. Das Dirndl.
Die Alteingesessenen. Die Neueingesessenen.
Das Sehen. Das Gesehen werden.
Das Konservieren. Das Verschwinden. Das Verkleiden.
Die Kulisse. Die Eindringlinge. Das Hallstadt-Gespenst.

  1. August 2019

In der Früh, noch im Bett, ist mir Biaggio Marin eingefallen. Der gradesische Dichter. Sein Haus am Meer. Sein Gedanke: „Schon beim Aufwachen brauche ich das Schreiben einiger Zeilen, um in den Tag zu finden.“ Die Sätze, die Wege legen, in die Nächte, in die Tage. Die Sätze, die Tage und Nächte verbinden.

  1.  August 2019, Seebarn

Das Sommerhaus dehnt sich mit uns allen aus.
Speichert die Hitze und die gelebten Sommer.
Das Sommerhaus umfängt mich, verwurzelt mich
und lässt mich über das Dach hinaus wachsen.
Die Füße fest auf dem Boden.
Barfuss auf den warmen Steinen.

  1. August 2019

Brombeeren. Kletten. Äpfel. Holler. Zyklamen. Lichtwechsel. Etwas Färbendes, Entblätterndes. Sommerliche Herbsteinfälle. Oder umgekehrt.

  1. September 2019, Schönau/Donau

Sonnensturmgetränkte Spätsommerträgheit im Radlertreff zur Beichtmutter.

 

 

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Zeitspuren

1
Alle diese Jahre, Monate, Tage, Augenblicke, Gedanken, Worte.
Alle diese Schritte, Wege, Orte.

 

2
Schreiben: verdichten, ausdehnen, festhalten. Entlang des gemeinsamen Wortursprungs von Text und Textil, lateinisch texere, verbinden, verknüpfen. Beobachtungen, Gedanken, Gefühle, Worte, Sätze verweben.

 

3
Meine Großmutter hat Tag für Tag in ein kariertes Heft mit blauem Kugelschreiber notiert, wie das Wetter war, was sie gekocht hat.

1. April, den ganzen Tag trüb, Grießnockerlsuppe, Erbsenreis, Salat
2. April, 16 Grad Regen, um 11 Uhr Gewitter, Kürbis, Erdäpfel, Fleisch
3. April, Sonntag, waren essen, um 11 Uhr kam die Sonne
4. April, klares Wetter, Paprikaschnitzel mit Heurigen, Salat

Und so weiter ….

 

4
Wenn alle Tag
Montag Knödeltag,
Dienstag Nudeltag,
Mittwoch Strudeltag,
Donnerstag Fleischtag,
Freitag Fasttag,
Samstag Zahltag,
Sonntag Lump’ntag wär,
dann wär ma lust’ge Leut.

 

5
Die Pflanzenbezeichnung „Zeitlose“ meinte ursprünglich sehr frühe Frühlingsblumen und bedeutet eigentlich „nicht zur richtigen Zeit blühende Blumen“. Seit dem 16 Jahrhundert wurde der Name auf die spät blühende Herbstblume übertragen, die seit dem 18. Jahrhundert Herbstzeitlose genannt wird.

 

 

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Wenn aus Orten Räume werden. Zum Beispiel der Kulturbahnhof Altenmarkt

Immer wieder frage ich mich, wie – abseits physikalischer Gesetzmäßigkeiten – Raum entsteht. Immer wieder finde ich Räume, wo das gelungen ist. Immer wieder suche ich diese atmosphärischen Raumfaktoren aufzuspüren und zu benennen.

Die Gedanken anderer helfen beim Denken, wie überhaupt Kunst, Literatur und Musik in meinem Leben immer wieder Hilfe sind.

Michel de Certeau denkt, dass „Raum ein Geflecht von beweglichen Elementen ist, ein Resultat von Aktivitäten, die ihn mit einer Geschichte verbinden. Dass der Raum insgesamt ein Ort ist, an dem man etwas macht.“

Gustav Schörghofer lädt ein, „die Erde als einen Ort der Rast zu gestalten. Mit Musik, mit Kunst, mit Dichtung. Mit Essen und Trinken. Mit Gespräch. Mit Aufmerksamkeit. Mit Demut. Mit Vertrauen. Mit Wissen. Mit Können“.

Ianinina Ilitcheva schreibt, „dass sich so vieles bewegen kann, wenn man sich austauscht, wenn man Gemeinsamkeiten findet, wenn man Diskussionen führen kann, die Anregen zu denken, zu fühlen, auf neue Ideen zu stoßen.“

Das alles sind für mich raumbildende Faktoren, die etwas verändern, etwas bewirken. Menschen, die einen Ort gestalten, die etwas miteinander machen, die andere dazu einladen. Menschen, die mit Orten Möglichkeiten eröffnen, für Gespräche und Begegnungen – mit sich selbst, mit anderen, mit Kunst, mit Musik, mit Literatur. Mit Poesie im mehrfachen Wortsinn: der poetische, magische Augenblick. Und der griechische Wortursprung, poiesis, etwas erschaffen.

So einen Möglichkeitsraum haben Daniela und Matthias Schorn mit dem aufgelassenen Bahnhof Altenmarkt-Thenneberg entdeckt und gestaltet. Ein Ort, der für sie „eine Energie des Begegnens und des Haltmachens“ hat.

Der Kaffee im umgebauten Schienenbus ist stark und köstlich. Die Scheiben sind beschlagen, es lässt sich ein Herz malen. Der Wein kommt aus der Familie. Das Bier aus einem der Nachbarorte. Die Musiker und Musikerinnen kommen aus allen Richtungen. Die Musik berührt in der verdichteten Atmosphäre des ehemaligen Warteraums den ganzen Körper.

So werden aus Orten Räume, von denen es nicht genug geben kann!

 

Michel de Certeau, Kunst des Handelns, aus dem Französischen von Ronald Vouillié, Merve Verlag Berlin 1988
Gustav Schörghofer, Drei im Blau, Residenz Verlag, Salzburg 2013
Ianina Ilitcheva, 183 Tage, Kremayr & Scheriau, Wien 2015

 

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Abfallendes aufgelesen – zum Stadtschreiben 2019

Was aus unserem Leben so abfällt: Dinge, die wir nicht mehr brauchen, nicht mehr schätzen, die zu Ende verwendet sind, für die wir nicht mehr sorgen (wollen, können) – wir entsorgen sie.
Gibt es Zwischenstationen im Entsorgen?
Wird Abfallendes zwingend zu Abfall, also zu Müll?
Wohin kommen die abfallenden Dinge?
Es gibt Orte, wie CARLA, das Caritaslager am Mittersteig, oder die 48er Tandler an verschiedenen Plätzen in der Stadt.
Umschlagplätze der Dinge, der Erinnerungen und Geschichten.
Gut erhaltene Altwaren vom Mistplatz, nicht abgeholte Sachen vom Fundservice, nicht mehr gebrauchte Gegenstände der Stadt Wien finden in der großen Halle im 5. Bezirk in neuen Arrangements zusammen.
Sie lassen sich suchen, auflesen, lesen. Jeder Gegenstand hat seine innewohnende Geschichte, kann die Fantasie beflügeln, kann Schreibanlass sein.

Ausrangierte Schriften in der Stadt, von aufgelassenen Geschäften und Betrieben, wo landen sie?
In einem Müllcontainer aufgelesene Buchstaben waren jedenfalls der Beginn des Vereins Stadtschrift, mit dem Anliegen, die Buchstaben und die Handschrift der Stadt zu retten.
Sie werden im Textgewebe der Stadt nur verschoben, von ihren ursprünglichen Orten auf Feuermauern, die ohnehin wie ein leeres Blatt Papier bereit sind, bemalt oder beschrieben zu werden.
Textfortsetzungen finden sich dann auf dem je eigenen weißen Blatt beim Stadtschreiben.

Natalie Deewan arbeitet als Schrift-hin-und-her-Stellerin in Wien und betreibt angewandte Literatur, unter anderem auch mit ausgedienten Geschäfts- und Reklameaufschriften. Aus den vorhandenen Buchstaben entstehen durch annagramatische Umstellung ganz eigene poetische Handlungsanweisungen. Auch eine Art, Abfallendes neu zu lesen.

Um eine Stadt gut zu bewohnen, braucht es Sitzplätze und Bücherschränke im öffentlichen Raum.
So eine Art „rund-um-die-Uhr-Freiluftbücherei“ für unkomplizierten literarischen Austausch.
Auflesen und Weiterschreiben lautet die Devise für’s Stadtschreiben!

Dinge aller Art bei den 48er Tandlern, 1050 Wien, 10. Mai 2019
Schriftzüge an der Feuermauer, 1060 Wien, 14. Juni 2019
Anagramme rund um den Meidlinger Markt, 1120 Wien, 5. Juli 2019
Bücher am Margarethenplatz, 1050 Wien, 13. September 2019

 

 

 

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Trnava

Ich sitze neben der Kirche des heiligen Michael.
Die Glocken läuten.
Die Sonne wärmt.
Ich warte auf Thomas.
Die Krokusse blühen,
erinnern mich an meinen Kindheitsgarten.
Meine Hüfte tut weh.
Das Licht ist milchig.
Die Glocken läuten noch immer.
Ich weiß nicht, ob die Säule vor mir
eine Pest,- Dreifaltigkeits- oder sonstige Säule ist.
Wozu haben wir dich Kunstgeschichte studieren lassen?
Ich erkenne keine Heiligen.
Wahrscheinlich interessieren sie mich zu wenig.
Einer hält eine goldene Lilie in den Himmel.
Die Mülltonnen sind blau.
Worte auf Papier geben mir sofort ein Dach über dem Kopf.
Ich freue mich auf Thomas,
In der Kirche wird gebetet,
in der ehemaligen Synagoge Kaffee getrunken.
Die Menschen gehen ihre Wege.
Nach sieben Stunden in dieser Stadt habe ich auch meine Wege,
von der Mitte an die Ränder.
Der Tag dehnt sich aus.
Langsam wird es kalt.
Ich bin hier und alles ist jetzt.
Gedanken an Edith Eva Eger und Kosice.
Thomas kommt.

 

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Worte finden

Worte finden für das, was ich erlebt, erfahren, gefühlt, gedacht habe,
was ich gesehen, gerochen, geschmeckt, gehört habe.
Worte finden für das, was mich beschäftigt, mich freut, mich ängstigt,
tröstet, aufregt, beruhigt, langweilt, mir Herzklopfen macht.

Worte finden für die Menschen in meinem Leben.
Worte finden für die Orte an denen ich war, die Behausungen, die ich bewohnt habe,
die Landschaften, die ich durchstreift habe, die Städte, in denen ich flaniert bin,
die Kleidung, die ich getragen, Texte die ich gelesen, Musik, die ich gehört habe,
Dinge, die ich brauche, die mich erfreuen, die mich belasten.

Auf dem Blatt Papier unterschiedliche Formen für meine Erlebnisse,
Gedanken, Gefühle, Erinnerungsfragmente finden.

Worte finden – benennen, klären, ordnen, in neue Zusammenhänge stellen.
Für meine Eindrücke einen Ausdruck finden.
Worte finden, um loszulassen, festzuhalten, fortzusetzen.

„Worte finden – Möglichkeiten des autobiografischen Schreibens“
Schreibworkshop in Kooperation mit linchpin
Dienstag, 6. November 2018,
14 – 20 Uhr, 1040 Wien

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Herbstwärts

Bei Sturm und Schmalzbrot, die Septembersonne im Gesicht, fühle ich mich aus der vergehenden Zeit gefallen.
Im Lusthauswasser spiegeln sich die leicht verfärbten Bäume so wie letzten Herbst, und vorletzten und vorvorletzen und so weiter.

„Alle sechs Flaschen Sturm sind explodiert“ erzählt die Frau am Nebentisch.
Ein wenig „durch den Sturm sein“ und weiter die Zeit anhalten wollen. In den Reiseskizzen von Andrej Stasiuk lesen: „denn ich begann zu begreifen, dass wir im Leben nichts bekommen als das, was wir schon haben.“

Erinnerungen ziehen durch meinen Kopf. Spätsommerübergänge. Herbstwärts.
In diesen Tagen wird die Wehmut körperlich.

Drei ältere Frauen am Tisch in der Ecke, blond übertünchte Haare, einen Hund am Schoß. „Mimi frisst alles außer mürbe Kipferl.“

Wenn ich jetzt aufstehe und gehe, ist die Zeit vergangen.

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  • Text und Raum, Weben und Wirken

    Diese Begriffe sind meine Arbeit, meine Sehnsucht, mein Zuhause, mein Weg, meine Gestaltungsmöglichkeit, meine Begabung, meine Herausforderung.