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All die Tage, Orte, Worte. Herbst 2019

  1. Oktober 2019, Sveti Jakov

Noch bewege ich mich entlang meiner Erinnerungen.
Aber bald darüber hinaus.
‚Worte sind Handlungen‘, sagt Marica Bodrozic, ‚Brücken zum Bleibenden.‘
Ich hänge meine Bilder in den Wind.
Die Grillen sind stumm.
Auf den Bäumen Granatäpfel und sich färbende Oliven.
Der Tag spiegelt sich, wie unzählige zuvor, in der braunen, bauchigen Teekanne.

  1. Oktober 2019, Vsetin

Die Bäume, wenn sie sich entblättern und ihre Linien ziehen.

  1. Oktober 2019

Die Donau beständig wandelbar spiegelnd ostwärts fließend.
So etwas wie Heimat für mich.

  1. November 2019, Hauptbahnhof

Ich mag Bahnhöfe. Das Kommen und Gehen. Das Warten. Das Reisen. Augenblicksheimat für viele. Zumindest früher. Als die Bahnhöfe noch Namen hatten, nach Himmelsrichtungen, Orten, oder Heiligen. „Haupt“ ist ein wenig austauschbar, so wie die Geschäfte und Kaffeehausketten. Ich vermisse den Markuslöwen, die Säulen mit den Fahrplänen, das Restaurant Rosenkavalier, die Trafik, das Blumengeschäft. Das klickende Auge in der Halle, die süd-östlichen Reiseversprechungen. Der Südbahnhof bleibt Sehnsuchtsort und überlagert alle meine Bahnhöfe, vor allem die Namenlosen.

1.Dezember 2019, Nürnberg

Der Fluss. Die Kerze. Der Vogel. Das Grün. Der Zweig. Die Vase. Das Schreiben. Der Espresso. Das Heft. Die Füllfeder. Das Antibiotikum. Die Gedanken. Der Körper. Die Linien. Die Wurzeln. Die Fragen. Die Gespräche. Die Freundschaft. Das Buch. „Eine kleine Vernetzung der alltäglichen Dinge“.

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Entlang der Milchstraße

  1. März 2014, Hasnerstraße, 1160 Wien

Von einem ehemaligen Milchgeschäft erzählen mattrote Rollbalken, vier rote Buchstaben und ein fehlendes L.  MI CH. Ein weiterer Schriftzug für meine Stadtschrift-Sammlung, denke ich. Und fotografiere. Schaue auf diese vier und den fehlenden Buchstaben, bleibe wie angewurzelt stehen. Plötzlich die Erkenntnis, dass mich genau das, die nächsten Jahre beschäftigen wird. Von MILCH zu MICH.  Mit einer Leerstelle dazwischen.

  1. September 2015, Grado, Aquilea

Zwischen den Bergen und dem Meer suchen Thomas und ich das Weite, feiern unseren 25. Hochzeitstag, flanieren durch Städte und über die Lande. Viel Himmel, viel Wind. „Durch den Wind“ – so fühle ich mich auch. Ich bin glücklich. Ich bin traurig. Habe Sehnsucht nach meinen Kindern.  Aber Ruth ist in Paris und Agnes in Wien wird uns nicht allzu sehr vermissen …

  1. Februar 2017, ein Café am Flughafen Wien

Noch einmal eine Reise zu viert. Schon vor dem Abflug nach Madrid ist die Stimmung schlecht. Wir trinken einen Kaffee und ziehen dann, mehr oder weniger schweigend weiter zu unserem Gate. Im Café, beim Ausgang, sitzt eine ältere Frau, mit kurzen grauen Haaren, einem bunten Schal, alleine bei einem Kaffee, in ein Heft schreibend. Ich schaue sie sehnsüchtig an, drehe mich noch einmal nach ihr um. Auch sie schaut mir nach, mit einem unbestimmten Blick.

  1. April 2017, Werkstatt Babsi Daum, 1020 Wien

Bei Babsi Daum in der Werkstatt hängt ein Zitat aus der „Wolfsfrau“ von Clarissa Pinkola Estes. Was zu tun ist. „Essen, Ruhen, spielerisch arbeiten und herumstreunen, loyal sein, Kinder großziehen, im Mondlicht tanzen, Ohren haarfein einstimmen, Knochen ausgraben, lieben und sich lieben lassen, oft und laut aufheulen.“  Auf dem Heimweg mit dem Fahrrad machen sich Freiheit und Leichtigkeit in mir breit, die Gewissheit „das Kinder Großziehen“ ist geschafft!

  1. Mai 2017, Ausstellung „Weggefährtinnen“, Club Alpha, 1010 Wien

Genau dieselbe Situation fühlt sich plötzlich traurig und schwer an. Und wieder einmal ist es die Kunst, die Poesie, die hilft, die rettet! In einer Ausstellung begegnet mir eine Keramikfrau, sie steht in einem Boot. Die Künstlerin Elisabeth Temnitschka nennt sie „Gefährtin“. Fährfrau in Übergangszeiten.

  1. August 2017, Ruprechtskirche, 1010 Wien

Eine Tänzerin kommt mit einem roten Seil, um für eine Performance den Raum zu vermessen und Schritte zu üben. Sie befestigt das Seil an der Kirchenbank.
Langsam wickelt sie sich ein, zögernd, und dann mit luftigen Schritten wieder aus,
hinein in den Raum:
verstricken
verbinden
entbinden
entwickeln
und dazwischen ein Tanz.

  1. November 2017

Das Haus weniger halten
die Sprünge sein lassen
Licht herein lassen
den Kühlschrank leer lassen
im „Tanzen anders“ schreiben.

25. Jänner 2018, Pizzeria Disco Volante, 1060 Wien

Agnes wird 19, Ruth zieht aus. Weiter auf der Milchstraße, von MILCH zu MI CH. Zwischen den Buchstaben eine Leere, eine Fülle. Einmal so, einmal so. Manchmal beides gleichzeitig.

26.Jänner 2018, BOeS Atelier, 1120 Wien

Die Künstlerin Erika Kronabitter schenkt mir einen gemalten Hagebuttenhimmel.
Hagebuttenhimmel ist Natur, ist Kunst, ist Poesie, ist Literatur, ist Freundschaft, ist Freundlichkeit, ist Wohlwollen, ist Verbundenheit.

  1. März 2018

Aufbrechen zu mir
Gedankenschritte gehen
Fortbewegungen

  1. November 2018

Mein Text macht die Runde. „Wir sitzen alle im selben Boot“ schreibt mir eine Freundin. „Vielleich auch nicht“, denke ich.

Unsere Kinder ziehen in ihr Leben, fliegen los. Wir lachen, wir weinen. Wir spüren Schwere und Freiheit. Auch wir brechen auf, sind unterwegs. Weggefährtinnen.

  1. Dezember 2018

Aneinandergereihte Passagen in diesem Text, Momentaufnahmen von Übergängen.
Spannend, einen Text gleichzeitig zu leben und zu schreiben.
Was ist zuerst?

  1. August 2019

In der Buchhandlung in Altaussee fällt mir ein frühes Buch von Barbara Frischmuth zu:

„Und was für ein Segen für die Familie, dass die Maschine Mutter umzufunktionieren ist. Dass die Fürsorge und die Zuwendung auf ganz natürliche Weise zurück geht, wie die Milch, wenn der Säugling abgestillt wird.“ (Barbara Frischmuth, Kai oder die Liebe zu den Modellen).

  1. August 2019

Ein Hochzeitsfest in Seebarn. Barfuß tanze ich in der Scheune in unseren 29. Hochzeitstag hinein. Unbändiges Augenblicksglück.

  1. September 2019

Als ich von diesem Augenblick erzähle, weiß ich plötzlich, dass dieser Text zu Ende geschrieben ist. Bin bei MICH.

 

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All die Tage, Orte, Worte. Sommer 2019

  1. Juli 2019, Altaussee

Der See. Der Berg. Der Wald.
Der Hirsch. Die Stutzen. Das Dirndl.
Die Alteingesessenen. Die Neueingesessenen.
Das Sehen. Das Gesehen werden.
Das Konservieren. Das Verschwinden. Das Verkleiden.
Die Kulisse. Die Eindringlinge. Das Hallstadt-Gespenst.

  1. August 2019

In der Früh, noch im Bett, ist mir Biaggio Marin eingefallen. Der gradesische Dichter. Sein Haus am Meer. Sein Gedanke: „Schon beim Aufwachen brauche ich das Schreiben einiger Zeilen, um in den Tag zu finden.“ Die Sätze, die Wege legen, in die Nächte, in die Tage. Die Sätze, die Tage und Nächte verbinden.

  1.  August 2019, Seebarn

Das Sommerhaus dehnt sich mit uns allen aus.
Speichert die Hitze und die gelebten Sommer.
Das Sommerhaus umfängt mich, verwurzelt mich
und lässt mich über das Dach hinaus wachsen.
Die Füße fest auf dem Boden.
Barfuss auf den warmen Steinen.

  1. August 2019

Brombeeren. Kletten. Äpfel. Holler. Zyklamen. Lichtwechsel. Etwas Färbendes, Entblätterndes. Sommerliche Herbsteinfälle. Oder umgekehrt.

  1. September 2019, Schönau/Donau

Sonnensturmgetränkte Spätsommerträgheit im Radlertreff zur Beichtmutter.

 

 

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Zeitspuren

1
Alle diese Jahre, Monate, Tage, Augenblicke, Gedanken, Worte.
Alle diese Schritte, Wege, Orte.

 

2
Schreiben: verdichten, ausdehnen, festhalten. Entlang des gemeinsamen Wortursprungs von Text und Textil, lateinisch texere, verbinden, verknüpfen. Beobachtungen, Gedanken, Gefühle, Worte, Sätze verweben.

 

3
Meine Großmutter hat Tag für Tag in ein kariertes Heft mit blauem Kugelschreiber notiert, wie das Wetter war, was sie gekocht hat.

1. April, den ganzen Tag trüb, Grießnockerlsuppe, Erbsenreis, Salat
2. April, 16 Grad Regen, um 11 Uhr Gewitter, Kürbis, Erdäpfel, Fleisch
3. April, Sonntag, waren essen, um 11 Uhr kam die Sonne
4. April, klares Wetter, Paprikaschnitzel mit Heurigen, Salat

Und so weiter ….

 

4
Wenn alle Tag
Montag Knödeltag,
Dienstag Nudeltag,
Mittwoch Strudeltag,
Donnerstag Fleischtag,
Freitag Fasttag,
Samstag Zahltag,
Sonntag Lump’ntag wär,
dann wär ma lust’ge Leut.

 

5
Die Pflanzenbezeichnung „Zeitlose“ meinte ursprünglich sehr frühe Frühlingsblumen und bedeutet eigentlich „nicht zur richtigen Zeit blühende Blumen“. Seit dem 16 Jahrhundert wurde der Name auf die spät blühende Herbstblume übertragen, die seit dem 18. Jahrhundert Herbstzeitlose genannt wird.

 

 

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Wenn aus Orten Räume werden. Zum Beispiel der Kulturbahnhof Altenmarkt

Immer wieder frage ich mich, wie – abseits physikalischer Gesetzmäßigkeiten – Raum entsteht. Immer wieder finde ich Räume, wo das gelungen ist. Immer wieder suche ich diese atmosphärischen Raumfaktoren aufzuspüren und zu benennen.

Die Gedanken anderer helfen beim Denken, wie überhaupt Kunst, Literatur und Musik in meinem Leben immer wieder Hilfe sind.

Michel de Certeau denkt, dass „Raum ein Geflecht von beweglichen Elementen ist, ein Resultat von Aktivitäten, die ihn mit einer Geschichte verbinden. Dass der Raum insgesamt ein Ort ist, an dem man etwas macht.“

Gustav Schörghofer lädt ein, „die Erde als einen Ort der Rast zu gestalten. Mit Musik, mit Kunst, mit Dichtung. Mit Essen und Trinken. Mit Gespräch. Mit Aufmerksamkeit. Mit Demut. Mit Vertrauen. Mit Wissen. Mit Können“.

Ianinina Ilitcheva schreibt, „dass sich so vieles bewegen kann, wenn man sich austauscht, wenn man Gemeinsamkeiten findet, wenn man Diskussionen führen kann, die Anregen zu denken, zu fühlen, auf neue Ideen zu stoßen.“

Das alles sind für mich raumbildende Faktoren, die etwas verändern, etwas bewirken. Menschen, die einen Ort gestalten, die etwas miteinander machen, die andere dazu einladen. Menschen, die mit Orten Möglichkeiten eröffnen, für Gespräche und Begegnungen – mit sich selbst, mit anderen, mit Kunst, mit Musik, mit Literatur. Mit Poesie im mehrfachen Wortsinn: der poetische, magische Augenblick. Und der griechische Wortursprung, poiesis, etwas erschaffen.

So einen Möglichkeitsraum haben Daniela und Matthias Schorn mit dem aufgelassenen Bahnhof Altenmarkt-Thenneberg entdeckt und gestaltet. Ein Ort, der für sie „eine Energie des Begegnens und des Haltmachens“ hat.

Der Kaffee im umgebauten Schienenbus ist stark und köstlich. Die Scheiben sind beschlagen, es lässt sich ein Herz malen. Der Wein kommt aus der Familie. Das Bier aus einem der Nachbarorte. Die Musiker und Musikerinnen kommen aus allen Richtungen. Die Musik berührt in der verdichteten Atmosphäre des ehemaligen Warteraums den ganzen Körper.

So werden aus Orten Räume, von denen es nicht genug geben kann!

 

Michel de Certeau, Kunst des Handelns, aus dem Französischen von Ronald Vouillié, Merve Verlag Berlin 1988
Gustav Schörghofer, Drei im Blau, Residenz Verlag, Salzburg 2013
Ianina Ilitcheva, 183 Tage, Kremayr & Scheriau, Wien 2015

 

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Abfallendes aufgelesen – zum Stadtschreiben 2019

Was aus unserem Leben so abfällt: Dinge, die wir nicht mehr brauchen, nicht mehr schätzen, die zu Ende verwendet sind, für die wir nicht mehr sorgen (wollen, können) – wir entsorgen sie.
Gibt es Zwischenstationen im Entsorgen?
Wird Abfallendes zwingend zu Abfall, also zu Müll?
Wohin kommen die abfallenden Dinge?
Es gibt Orte, wie CARLA, das Caritaslager am Mittersteig, oder die 48er Tandler an verschiedenen Plätzen in der Stadt.
Umschlagplätze der Dinge, der Erinnerungen und Geschichten.
Gut erhaltene Altwaren vom Mistplatz, nicht abgeholte Sachen vom Fundservice, nicht mehr gebrauchte Gegenstände der Stadt Wien finden in der großen Halle im 5. Bezirk in neuen Arrangements zusammen.
Sie lassen sich suchen, auflesen, lesen. Jeder Gegenstand hat seine innewohnende Geschichte, kann die Fantasie beflügeln, kann Schreibanlass sein.

Ausrangierte Schriften in der Stadt, von aufgelassenen Geschäften und Betrieben, wo landen sie?
In einem Müllcontainer aufgelesene Buchstaben waren jedenfalls der Beginn des Vereins Stadtschrift, mit dem Anliegen, die Buchstaben und die Handschrift der Stadt zu retten.
Sie werden im Textgewebe der Stadt nur verschoben, von ihren ursprünglichen Orten auf Feuermauern, die ohnehin wie ein leeres Blatt Papier bereit sind, bemalt oder beschrieben zu werden.
Textfortsetzungen finden sich dann auf dem je eigenen weißen Blatt beim Stadtschreiben.

Natalie Deewan arbeitet als Schrift-hin-und-her-Stellerin in Wien und betreibt angewandte Literatur, unter anderem auch mit ausgedienten Geschäfts- und Reklameaufschriften. Aus den vorhandenen Buchstaben entstehen durch annagramatische Umstellung ganz eigene poetische Handlungsanweisungen. Auch eine Art, Abfallendes neu zu lesen.

Um eine Stadt gut zu bewohnen, braucht es Sitzplätze und Bücherschränke im öffentlichen Raum.
So eine Art „rund-um-die-Uhr-Freiluftbücherei“ für unkomplizierten literarischen Austausch.
Auflesen und Weiterschreiben lautet die Devise für’s Stadtschreiben!

Dinge aller Art bei den 48er Tandlern, 1050 Wien, 10. Mai 2019
Schriftzüge an der Feuermauer, 1060 Wien, 14. Juni 2019
Anagramme rund um den Meidlinger Markt, 1120 Wien, 5. Juli 2019
Bücher am Margarethenplatz, 1050 Wien, 13. September 2019

 

 

 

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Trnava

Ich sitze neben der Kirche des heiligen Michael.
Die Glocken läuten.
Die Sonne wärmt.
Ich warte auf Thomas.
Die Krokusse blühen,
erinnern mich an meinen Kindheitsgarten.
Meine Hüfte tut weh.
Das Licht ist milchig.
Die Glocken läuten noch immer.
Ich weiß nicht, ob die Säule vor mir
eine Pest,- Dreifaltigkeits- oder sonstige Säule ist.
Wozu haben wir dich Kunstgeschichte studieren lassen?
Ich erkenne keine Heiligen.
Wahrscheinlich interessieren sie mich zu wenig.
Einer hält eine goldene Lilie in den Himmel.
Die Mülltonnen sind blau.
Worte auf Papier geben mir sofort ein Dach über dem Kopf.
Ich freue mich auf Thomas,
In der Kirche wird gebetet,
in der ehemaligen Synagoge Kaffee getrunken.
Die Menschen gehen ihre Wege.
Nach sieben Stunden in dieser Stadt habe ich auch meine Wege,
von der Mitte an die Ränder.
Der Tag dehnt sich aus.
Langsam wird es kalt.
Ich bin hier und alles ist jetzt.
Gedanken an Edith Eva Eger und Kosice.
Thomas kommt.

 

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Worte finden

Worte finden für das, was ich erlebt, erfahren, gefühlt, gedacht habe,
was ich gesehen, gerochen, geschmeckt, gehört habe.
Worte finden für das, was mich beschäftigt, mich freut, mich ängstigt,
tröstet, aufregt, beruhigt, langweilt, mir Herzklopfen macht.

Worte finden für die Menschen in meinem Leben.
Worte finden für die Orte an denen ich war, die Behausungen, die ich bewohnt habe,
die Landschaften, die ich durchstreift habe, die Städte, in denen ich flaniert bin,
die Kleidung, die ich getragen, Texte die ich gelesen, Musik, die ich gehört habe,
Dinge, die ich brauche, die mich erfreuen, die mich belasten.

Auf dem Blatt Papier unterschiedliche Formen für meine Erlebnisse,
Gedanken, Gefühle, Erinnerungsfragmente finden.

Worte finden – benennen, klären, ordnen, in neue Zusammenhänge stellen.
Für meine Eindrücke einen Ausdruck finden.
Worte finden, um loszulassen, festzuhalten, fortzusetzen.

„Worte finden – Möglichkeiten des autobiografischen Schreibens“
Schreibworkshop in Kooperation mit linchpin
Dienstag, 6. November 2018,
14 – 20 Uhr, 1040 Wien

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Herbstwärts

Bei Sturm und Schmalzbrot, die Septembersonne im Gesicht, fühle ich mich aus der vergehenden Zeit gefallen.
Im Lusthauswasser spiegeln sich die leicht verfärbten Bäume so wie letzten Herbst, und vorletzten und vorvorletzen und so weiter.

„Alle sechs Flaschen Sturm sind explodiert“ erzählt die Frau am Nebentisch.
Ein wenig „durch den Sturm sein“ und weiter die Zeit anhalten wollen. In den Reiseskizzen von Andrej Stasiuk lesen: „denn ich begann zu begreifen, dass wir im Leben nichts bekommen als das, was wir schon haben.“

Erinnerungen ziehen durch meinen Kopf. Spätsommerübergänge. Herbstwärts.
In diesen Tagen wird die Wehmut körperlich.

Drei ältere Frauen am Tisch in der Ecke, blond übertünchte Haare, einen Hund am Schoß. „Mimi frisst alles außer mürbe Kipferl.“

Wenn ich jetzt aufstehe und gehe, ist die Zeit vergangen.

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barock bewegt

Wenn ich durch Städte flaniere, gehe ich üblicherweise in Kirchen. Vielleicht ein Kunsthistorikerinnen-Reflex, mehr aber die Sehnsucht nach Stille, nach Unterbrechung. Kirchen sind für mich Refugien. Dort bin ich ungestört, kann fraglos einfach da sein.

Die Barockkirchen lasse ich auf meinen Wegen allerdings weitgehend aus. Zu viel Prunk, zu viel Gold, zu viel Schein. Zu viel katholisch-kaiserliche Machtdemonstration, göttliche und weltliche Hierarchie, zu viel Gegenreformation und Jenseits-Vertröstungen.

Hätte ich vorher einen Reiseführer gelesen, wüsste ich, dass Bra eine kleine piemontesische Barockstadt mit vielen Kirchen ist. Die Kirchen habe ich durch ihre Türme schnell wahrgenommen, die Suche nach einer romanischen oder gotischen hätte ich mir ersparen können …

Allerdings hatte ich ohnehin nichts anderes zu tun als zu flanieren, zu schauen, zu entdecken, zu denken, zu träumen, zu erinnern, Espresso zu trinken, zu schreiben, zu lesen. Und in Kirchen zu sitzen.

Die erste Kirche hat mich noch ein wenig bedrückt, bis mir aufgefallen ist, dass gedrehte Marmorsäulen die Schwere aufheben. In der nächsten Kirche dachte ich, dass große Gesten immer auch große Emotionen ausdrücken, – nicht immer ist alles rational erklärbar. In Santa Chiara schließlich habe ich sicher eine Stunde verbracht.

Der Raum hat etwas sanft Schwingendes, etwas Helles, Heiteres. Täuschend echt gemalte Scheinarchitektur, Verschmelzung von Malerei, Plastik und Architektur, lichtdurchflutete Grenzaufhebungen. Bewegte Linien, die in Spiralen enden. Goldene Flügel heben die Schwerkraft auf. Überbordende Fülle und Sinnlichkeit. Beinahe körperlich erfahrene Raumbewegungen. Nach und nach fühle ich mich, als hätte ich mitten am Tag ein Glas Barolo auf leeren Magen getrunken …

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  • Text und Raum, Weben und Wirken

    Diese Begriffe sind meine Arbeit, meine Sehnsucht, mein Zuhause, mein Weg, meine Gestaltungsmöglichkeit, meine Begabung, meine Herausforderung.