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Worte finden

Worte finden für das, was ich erlebt, erfahren, gefühlt, gedacht habe,
was ich gesehen, gerochen, geschmeckt, gehört habe.
Worte finden für das, was mich beschäftigt, mich freut, mich ängstigt,
tröstet, aufregt, beruhigt, langweilt, mir Herzklopfen macht.

Worte finden für die Menschen in meinem Leben.
Worte finden für die Orte an denen ich war, die Behausungen, die ich bewohnt habe,
die Landschaften, die ich durchstreift habe, die Städte, in denen ich flaniert bin,
die Kleidung, die ich getragen, Texte die ich gelesen, Musik, die ich gehört habe,
Dinge, die ich brauche, die mich erfreuen, die mich belasten.

Auf dem Blatt Papier unterschiedliche Formen für meine Erlebnisse,
Gedanken, Gefühle, Erinnerungsfragmente finden.

Worte finden – benennen, klären, ordnen, in neue Zusammenhänge stellen.
Für meine Eindrücke einen Ausdruck finden.
Worte finden, um loszulassen, festzuhalten, fortzusetzen.

„Worte finden – Möglichkeiten des autobiografischen Schreibens“
Schreibworkshop in Kooperation mit linchpin
Dienstag, 6. November 2018,
14 – 20 Uhr, 1040 Wien

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Herbstwärts

Bei Sturm und Schmalzbrot, die Septembersonne im Gesicht, fühle ich mich aus der vergehenden Zeit gefallen.
Im Lusthauswasser spiegeln sich die leicht verfärbten Bäume so wie letzten Herbst, und vorletzten und vorvorletzen und so weiter.

„Alle sechs Flaschen Sturm sind explodiert“ erzählt die Frau am Nebentisch.
Ein wenig „durch den Sturm sein“ und weiter die Zeit anhalten wollen. In den Reiseskizzen von Andrej Stasiuk lesen: „denn ich begann zu begreifen, dass wir im Leben nichts bekommen als das, was wir schon haben.“

Erinnerungen ziehen durch meinen Kopf. Spätsommerübergänge. Herbstwärts.
In diesen Tagen wird die Wehmut körperlich.

Drei ältere Frauen am Tisch in der Ecke, blond übertünchte Haare, einen Hund am Schoß. „Mimi frisst alles außer mürbe Kipferl.“

Wenn ich jetzt aufstehe und gehe, ist die Zeit vergangen.

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barock bewegt

Wenn ich durch Städte flaniere, gehe ich üblicherweise in Kirchen. Vielleicht ein Kunsthistorikerinnen-Reflex, mehr aber die Sehnsucht nach Stille, nach Unterbrechung. Kirchen sind für mich Refugien. Dort bin ich ungestört, kann fraglos einfach da sein.

Die Barockkirchen lasse ich auf meinen Wegen allerdings weitgehend aus. Zu viel Prunk, zu viel Gold, zu viel Schein. Zu viel katholisch-kaiserliche Machtdemonstration, göttliche und weltliche Hierarchie, zu viel Gegenreformation und Jenseits-Vertröstungen.

Hätte ich vorher einen Reiseführer gelesen, wüsste ich, dass Bra eine kleine piemontesische Barockstadt mit vielen Kirchen ist. Die Kirchen habe ich durch ihre Türme schnell wahrgenommen, die Suche nach einer romanischen oder gotischen hätte ich mir ersparen können …

Allerdings hatte ich ohnehin nichts anderes zu tun als zu flanieren, zu schauen, zu entdecken, zu denken, zu träumen, zu erinnern, Espresso zu trinken, zu schreiben, zu lesen. Und in Kirchen zu sitzen.

Die erste Kirche hat mich noch ein wenig bedrückt, bis mir aufgefallen ist, dass gedrehte Marmorsäulen die Schwere aufheben. In der nächsten Kirche dachte ich, dass große Gesten immer auch große Emotionen ausdrücken, – nicht immer ist alles rational erklärbar. In Santa Chiara schließlich habe ich sicher eine Stunde verbracht.

Der Raum hat etwas sanft Schwingendes, etwas Helles, Heiteres. Täuschend echt gemalte Scheinarchitektur, Verschmelzung von Malerei, Plastik und Architektur, lichtdurchflutete Grenzaufhebungen. Bewegte Linien, die in Spiralen enden. Goldene Flügel heben die Schwerkraft auf. Überbordende Fülle und Sinnlichkeit. Beinahe körperlich erfahrene Raumbewegungen. Nach und nach fühle ich mich, als hätte ich mitten am Tag ein Glas Barolo auf leeren Magen getrunken …

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Viktor Adler Markt, 1100 Wien

Hellblaue Bademäntel hängen zwischen gemusterten Haushaltsschürzen, falschen Leder- und verzierten Jeansjacken.

Ein Kilogramm Kuheuter kostet zwei Euro, das Kopffleisch vier Euro. Einer will einen Pansen, der andere nimmt lieber ein Herz.

Aus Liebe zur Tradition, alarmgesichert und videoüberwacht. Personalalarm und Panikalarm sind heute im Angebot (mit drei Rufzeichen) und kosten nur zwölf Euro. Auch der österreichische Jungwein wird kontrolliert und steirische Hühner sind pipifein.

Für Qualität und Frische bürgen die Kaufleute des Viktor Adler Markts während Plakate zur Demonstration gegen Überwachung und Kontrolle aufrufen und Freiheit für Aaron und Balu fordern.

Safran macht den Kuchen gelb, Henna färbt die Haare rot, türkische Küche schmeckt gut und am Aschermittwoch essen wir Hering.

Die Zeit der besten Krapfen ist dann auch bei Ströck vorbei.

Der Fisch(t)raum serviert zum Fisch einen Traum auf weißen Stofftischtüchern und ein Glas Sekt zu drei Austern.

Faschingsschlangen und Luftballons hängen tief im Zigarettendunst, – wenig Raum, wenig Traum, viel Alkohol in Lilys Café.

Ich ziehe meine Kreise immer tiefer in die Worte, Klänge, Gerüche, Farben, Orte – Syrisches Haus, 1001 Nacht, Wurst- und Käsehütte, Mekka Halal Fleisch, Fischoase, Sushi, KebabAcht Schätze – und finde meinen Platz an einem der vier kleinen Tische in einem türkischen Lokal. Ich verbrenne mir die Zunge an schwarzem Tee und bestelle Manti, mit Faschiertem gefüllte Nudeln. Von der Unterhaltung der Wirtin mit zwei türkischen Männern verstehe ich Finanzpolizei, Bank Austria, facebook und schwarz-weiß. 

„Worüber schreiben Sie? fragt mich die Wirtin, „über die Flüchtlinge oder über die Österreicher?“

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Biografische Einschreibungen in Wiener Kaffeehäuser

Meine Biografie könnte ich – wie wahrscheinlich viele Menschen in Wien – in großen Teilen entlang von Kaffeehäusern erzählen.

Der Schriftsteller Herbert J. Wimmer entwirft im Gedicht „café gerstl“ ein Gesprächsnetz mit  Elfriede Gerstl „im café-gedicht als mindmap einer kommunikation und ihrer verteilung über die stadt der gesprächsorte mit elfriede erscheinen cafés die es noch gibt und solche die es nicht mehr gibt im stadtzeitraum von sechsunddreissig jahren.“ (Herbert J. Wimmer, Ganze Teile, Gedichte, Klever Literatur, Wien, 2010, Seite 118 – 120) Eine Auflistung vorhandener und verschwundener Cafés …

Ich weiß nicht mehr, welches mein erstes Café war, aber die stärkste Erinnerung ist an das Havelka, mit sechzehn, ein Ort, der mir schnell die Illusion von „erwachsen sein“ gab. Wie übrigens danach noch viele weitere Cafés in unterschiedlichen Lebensphasen …

Schule habe ich im Tirolerhof und Tanzschule im Bräunerhof geschwänzt. Und da gab es auch noch den Krugerhof und das Salzgries, die Cafeteria am Dach des NIG und das Café Stein, für hektisches Lernen knapp vor den Prüfungen. Im Café Eiles waren die Redaktionssitzungen des „Kunsthistoriker aktuell“, ausgedehnt waren die Abende im Café Engländer und zeitlos die Schreibvormittage im Café Heumarkt.

Mich würde nicht wundern, wenn das erste Wort meiner jüngeren Tochter „Aida“ war, – der Kaffee dort schmeckt mir nicht mehr, aber die Topfengolatschen lieben wir beide noch immer.

Oft waren Kaffeehäuser notwendig für mich, im wahrsten Sinn des Wortes: ich arbeite zu Hause und mein Schreibtisch steht in der Mitte der Wohnung, ohne dass ich eine Tür schließen könnte. Genauso wollte ich es – mitten aus meinem Leben „mit Kindern und allem“ heraus arbeiten und schreiben. Ein Blatt Papier als Raum für mich alleine war genug, ich fühlte mich unabhängig und frei von Forderungen nach „einem Zimmer für mich alleine“ (Virginia Woolf). An guten Tagen. An schlechten Tagen war das schnell ganz anders und ich bin ins Kaffeehaus geflüchtet.

Eine Zeit lang war das „Radlager“ mein Arbeits- und Wohnzimmer, jetzt schreibe ich gerne im „Tanzen anders“. Im Café Menta hat mich der französische Fotograf Alain Barbero für den Blog Café Entropy beim Schreiben und in die Luft schauen fotografiert. An und für sich werde ich gar nicht gerne fotografiert, der Nachmittag mit Alain war allerdings besonders vergnüglich, und das Projekt Café Entropy besonders inspirierend. Entstanden aus der Begegnung des französischen Fotografen Alain Barbero mit der Autorin, Schreibpädagogin und Deutschtrainerin Barbara Rieger. Alain wollte in unterschiedlichen Wiener Cafés mit Barbara Deutsch lernen. Bald verbinden sich Barbaras Begeisterung für Literatur und Alains Leidenschaft für Fotografie zum Blog „Café entropy“: Schreibende Menschen in ihrem Lieblingscafé fotografiert, kombiniert mit ortsbezogenen Texten der Porträtierten – Augenblickspoesie.

Der Blog ist übersetzt ins Englische und Französische, weitet sich aus, zieht seine Kreise und führt – unzählige Begegnungen später – zu dem Buchprojekt „Melange der Poesie – Wiener Kaffeehausmomente in Schwarzweiß“.  Melange der Poesie ist Fotografie, Literatur, Wiener Kaffeehaustopographie; ist eine Mischung, ein Streifzug, eine Erzählung: 55 Wiener Cafés, 57 Schriftsteller und Schriftstellerinnen, 110 schwarz-weiß Fotos. Das Buch verbindet Menschen, Orte und Worte.

 

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Eine Begehung, eine Beschreibung

„Die Spiele der Schritte sind
Gestaltungen von Räumen.
Sie weben die Grundstrukturen von Orten.“

(Michel de Certeaux)

Die Topographie einer Landschaft (Topos, griechisch der Ort; grefein, schreiben) ist

Beschreibung
Einschreibung
Umschreibung
Durchschreibung
Abschreibung
das in Orte eingeschriebene, eingegangene

Wege sind Gewohnheiten einer Landschaft, gemeinschaftliches, einvernehmliches Tun, – alleine einen Weg anlegen ist schwierig.
Wege sind Verbindungen zwischen Menschen, zwischen Orten.

Feldwege
Viehwege
Pilgerwege
Handelswege
Hohlwege
Kirchenwege
Schulwege
Fußwege
Gebirgswege

Wege und Geschichten entsprechen einander: sie verbinden, sie erzählen.
Text leitet sich vom lateinischen texere, verbinden, verweben, verknüpfen ab.
Wegnetze verbinden Orte, Menschen, Landschaften. Die im Gehen entstandenen Linien.
Möglicherweise kommt das englische Wort book vom germanischen bok, Buche, der Baum, in dessen glatte Rinde oft Zeichen geritzt wurden. Das englische Verb to write wurde zu einer bestimmten Zeit tatsächlich speziell für die Markierung von Wegen genutzt.

Wegzeichen
Wegstrecken
Wegkreuzung
Weggefährte
Weggefährtin
Wegbeschreibung

Gehen und Schreiben. Eine Fußbewegung. Eine Handbewegung. Eine Gedankenbewegung. Eine Gemütsbewegung. Ein Abheben des Stiftes zwischen den Worten, des Fußes zwischen den Schritten. Ein kurzes „in der Luft sein“ vor der Weiterführung, dem Weiterschreiben, dem Weitergehen.

Weiter gehen.
Das Weite suchen, das Weite finden, die Weite spüren.

Im Gehen, im Schreiben.
In der Landschaft, auf  dem Blatt Papier.
Ziehe ich meine Linien mit Schritten, mit Worten.
Lege Fährten, folge Fährten, lese Fährten.
Mache Pausen.
Die Leerräume zwischen den Worten, den Zeilen machen einen Text erst lesbar.

Im Schreiben bewege ich mich im weißen Möglichkeitsraum.
Im Gehen spüre ich festen Boden unter den Füßen.

Nachdenkwege
Erinnerungswege
Trostwege
Abwege
Umwege
Heimwege

Das Eingeschriebene, Eingegangene.

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Gehen lernen – zum Fotoprojekt MovingForward von Maria Wipplinger

„Wie geht’s dir?“ „Danke, es geht“. Vielleicht sollten wir besser antworten: „Danke, ich gehe“. Ich bewege mich vorwärts.

MOVING FORWARD nennt Maria Wipplinger ihr Fotoprojekt, begonnen im Frühling 2016, basierend auf ihren Erlebnissen des Gehens, von dem sie heute hier in der Gruppe 94 Fotos zeigt. 21 x 21 cm, auf Karton aufkaschiert, zu Serien zusammengestellt. Im Gegensatz zu ihren früheren Fotoserien mit dem i-phone aufgenommen.

Auf der Einladung hat Maria geschrieben:

„Im Frühling, Sommer, Herbst und Winter
Gehen Schneller und langsamer
Freudig und traurig
Den Atem spüren Dann ankommen.
Auf einer Wiese, in einem Wald, auf einem Gipfel, am Meer
oder auch an einem gedeckten Tisch, bei Freunden.“

Der gedeckte Tisch knüpft an frühere Fotoserien an, wie „Amici italiani“ oder Tische, an denen gegessen wurde, von oben fotografiert. Vieles, was Maria an der Fotografie interessiert, findet sich auch in diesen kleinen Fotos: Landschaften, Kontraste, Schatten, graphische Strukturen. Ihre Fotoseren entstehen aus dem Augenblick heraus, aus Reisen, Begegnungen, Erlebnissen, aus dem, was ihr zufällt. So hat sie im Frühling 2016 begonnen, ihre Füße beim Gehen zu fotografieren. Begleitet von David Whytes Gedicht LEARNING TO WALK/GEHEN LERNEN.

„dann ging ich einfach geradeaus aus dem Tor durch den Wald am Fluss entlang in Richtung der Berge und dachte an die Zukunft, die ich in der Welt schaffen könnte, wenn ich auf sie zuging. … So gehen lernen im Morgenlicht, wieder wie jetzt, werden wir unseren ersten vorsichtigen Schritt in Richtung Sterblichkeit nehmen“.

Gehen lernen – auf vielerlei Arten, aus unterschiedlichen Gründen. Aus Notwendigkeit, im wahrsten Sinn des Wortes: not-wendend. Dann, wenn einem der Boden unter den Füßen weggezogen wird, ihn nach und nach, Schritt für Schritt wieder spüren.  Gehen bringt Bewegung in eine Erstarrung, Gehbewegung bringt Gedanken- und Gemütsbewegung.

Gehen lernen – einen Fuß vor den anderen setzen. Niemand, der das nicht selbst erlebt hat, kann sich vorstellen, wie schwierig die ersten Schritte sind, nach einer Operation, nach längerer Krankheit, nach längerer Zeit im Bett. Wie viel Kraft es kostet, Mut es braucht, den ersten Schritt zu machen. Gehen können – was für ein Geschenk!

Gehen lernen – den eigenen Rhythmus finden, atmen, schauen, hören riechen. Den unterschiedlichen Untergrund spüren, in der Natur, in der Stadt. Gehen lernen ist Wahrnehmen lernen. Gehen ist ein Ausdruck unserer Lebendigkeit, ist Dasein, eine direkte Art und Weise, mich in der Welt wahrzunehmen. Ein Schritt folgt dem nächsten. Im Gehen spüre ich den Grund, der mich trägt. Im Gehen lassen sich Schwere und Traurigkeit abhängen. Den Weg gehen, weg gehen. Davon gehen.

Wege, Schritt für Schritt begangen, führen nicht nur durch eine Gegend, eine Landschaft, eine Jahreszeit, sondern auch zum Sehen, zum Fühlen, zum Da-Sein.

Gehen als eine explizite Art des Widerstands, gegen politische Verhältnisse (auf die Straße gehen), gegen persönliche, einengende Lebensumstände.

Gehen hat auch mit Rasten zu tun, mit Pausen, selbst gewählten oder erzwungenen. Die Partitur meiner Schritte braucht ihre Leerstellen, so wie die Leerstellen einen Text erst lesbar machen.

Gehen als WEITER gehen.  Im weiter gehen das Weite suchen und finden, und auch im Inneren weiter werden.  Das Gehen eröffnet Sehen, Denken und Spüren und ist mehr als Flucht und entkommen. Sich selbst kann man sowieso nicht davon gehen, so wie man seinen Schatten nicht abhängen kann.

Trotzdem vorwärts gehen. Keine kleinen weißen Steine oder Brotkrumen ausstreuen, um wie Hänsel und Gretel den Weg zurückzufinden, sondern auf der anderen Seite des Waldes herauskommen.

In den letzten Jahren wurde das Gehen auch immer mehr zum Thema in der Kunst, der britische Künstler Hamish Fulton begründete die WALKING ART: Gehen ist zentraler Bestandteil seiner Kunst, übersetzt in Fotos, Texte, Bild-Text-Collagen.

Der Land- und Walking Art Künstler Richard Long signierte seine Briefe mit einem roten Stempel, die Umrisse zweier Füße, die den Betrachter mit eingesetzten Augen ansehen. Die Landschaft sozusagen durch sehende Sohlen erfassen …

Poesie, Gedichte begleiten Maria immer wieder.  Bei ihrer ersten Fotoausstellung 2002 das Gedicht „Ithaka“ von Konstantinos Kavafis, jetzt David Whyte. Aber auch ihr Gehen ist Poesie, im ursprünglichen, griechischen Wortsinn poiesis, etwas erschaffen, schöpferisch tätig sein. In dem Sinn, dass auf ihren Wegen Neues entsteht.

 

Fotos: © Maria Wipplinger

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Bratislavaflanerie

Nur ein wenig die Donau ostwärts. Mit der Schnellbahn, mit dem Auto keine Stunde entfernt: Bratislava. Und überhaupt sehr nahe. Eine Vertrautheit, ein Gefühl von „Zu-Hause-sein“ stellt sich ein, das ich schon aus Ljubljana und Zagreb kenne.

In einem Interview zum 60-jährigen Bestehen der EU machte sich der Schriftsteller Peter Menasse in einem Interview Gedanken über die sogenannte nationale Identität: „Ich sehe nicht ein, warum ich zu Menschen in Bludenz eine tiefere Beziehung haben soll, nur weil sie denselben Pass haben wie ich, aber acht Stunden entfernt leben, während ich mit Menschen die in Bratislava leben und 40 Minuten entfernt sind, keine gemeinsamen Interessen haben soll, weil das die Hauptstadt einer anderen Nation ist.“ Mir ist jedenfalls Bratislava in vielerlei Hinsicht näher als Bludenz oder Bregenz, Ljubljana oder Zagreb näher als München.

Was macht diese Vertrautheit, dieses „Zu-Hause-Gefühl“ aus? Ist es die gemeinsame, durchaus problematische k und k-Vergangenheit? Die Architektur? Sind es unbewusste Unterströmungen? (als sogenannte „echte“ Wienerin habe ich natürlich böhmische und mährische Vorfahren). Ist es eine gewisse, durchaus entspannte „Schlampigkeit“?

Beim zweiten, beim dritten Besuch gibt es schon Lieblingsorte und -wege. Die ganz selbstverständlich begangen werden.

Zum Beispiel der Námestie SNP (slovenského národneho povstania), der politisch und architektonisch interessante Platz, benannt nach dem slowakischen Nationalaufstand vom 8. August 1944 gegen die NAZI Diktatur und Kollaboration des Tiso Regimes. Dazu ein Denkmal, und viel Architektur, quer durch die Zeiten. Besonders gern mag ich die Schalterhalle der Post, die Markthalle und die Genossenschaftshäuser von Emil Bellus, das Gebäude für Bata-Schuhe von Vladimir Karfik.

Dann das Viertel um die „blaue Kirche“ von Ödön Lechner. Reste der ehemaligen Poliklinik gegenüber sind noch zu erkennen, ein paar Ecken weiter das imposante Portal der Eisenbahndirektion. Und Wohnhäuser, historistisch, kubistisch, funktionalistisch. Viele Details sind zu entdecken.

Der Architekturtheoretiker Friedrich Achleitner: „Wir hatten in Österreich schon früh mit Neid nach Bratislava geblickt und bereits in den Sechziger Jahren die Architektur der Zwanziger und Dreißiger Jahre dort bewundert. Der Funktionalismus hatte in Wien, im Gegensatz zu Bratislava, keine Chance.“

Die Bar im Hotel Devin (Emil Bellus, 1954) bietet Rückzug. In den braunen Clubsesseln aus Leder versinken, und die Zeit für einen Augenblick anhalten.

Matej Krens Installation „Passage“ in der Stadtgalerie im Palais Pallfy ist eine Einladung, sich über die Abgründigkeit und unendliche Weite von Büchern zu bewegen.

Mehrsprachigkeit, schon immer in dieser Stadt. Ungarisch, Deutsch, Slowakisch sind die Grabinschriften (auf dem verwunschenen Nikolaifriedhof), und noch manchmal alte Geschäftsbezeichnungen. Englisch und Deutsch in der kleinen, feinen Second-Hand-Buchhandlung „Eleven books and coffee“, mit köstlichem Kaffee.

Mit der Straßenbahn durch die Stadt gondeln, über die Donaubrücke nach Petrzalka und an die Ränder der Stadt.

Und bald wieder kommen!

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Wiedner Wege

Das langsame Hineinwachsen in die Stadt, so ein Gefühl, in der Stadt zu Hause zu sein, beginnt früh – in einem Hof im 4. Bezirk, unter einem Kastanienbaum an der Klopfstange hängend, kopfüber schaukelnd, bis das Kastaniengrün, das Häusergrau und das Himmelblau verschmelzen und die Welt sich dreht.

Erste Wege, alleine gegangen, führen über die efeubewachsene Mauer hinüber in den Nachbargarten, in die Trafik an der Ecke (Wunderwelten zwischen Blättern), zur Greisslerei (Pezfiguren die Sehnsuchtsobjekte unter all den Lebensmitteln). Ein Geflecht von Wegen entfaltet sich, meine Wien-Topographie. Topographie, topos, der Ort, graféin, schreiben, zeichnen. Ortsbegehungen, Ortsbeschreibungen. Schritt für Schritt erschließt sich die Stadt. Einkaufswege, Schulwege, Freundinnenwege, Umwege, – ein mäandrieren in immer größeren Kreisen, Raum der sich sich mit Wahrnehmungen, Erlebnissen, Begegnungen und Geschichten füllt. „Denn woraus besteht eine Stadt? Aus allem, was in ihr gesagt, geträumt, zerstört, geschehen ist. Aus dem Geplanten, dem Verschwundenen, dem Geträumten, das nie verwirklicht wurde“, (Cees Nooteboom, Die Dame mit dem Einhorn, Europäische Reisen, Suhrkamp, 2000)

Heute, fast 45 Jahre später, sind die meisten Wege im Bezirk Erinnerungswege. Viele Orte sind verschwunden, andere sind noch zu entdecken, das Textgewebe der Stadt ist weiterzuspinnen. Die Trafik und Greißlerei wurden zu einer Sprachschule und einem Übersetzungsbüro, das Handarbeitsgeschäft steht leer.

Der Südbahnhof wurde zum Hauptbahnhof, die Sehnsucht bleibt, – nach dem Geräusch der beiden blinkenden Augen, die in der Bahnhofshalle hingen (die Computerinstallation „ein Augenblick Zeit“ von Kurt Hofstetter), nach den Nachtzüge Richtung Triest, Rom, Venedig (Treffpunkt beim Löwen), nach den vielen kleinen Geschäfte (am Sonntag offen, wenn Milch oder Brot gebraucht wurden, oder Blumen für die Großmütter), nach dem Bahnhofsrestaurant „Rosenkavalier“ (in dem Friederike Mayröcker und Ernst Jandl gerne gesessen sind, um in der eigenen Stadt wie auf Reisen zu leben), nach dem Süden und dem Osten, der dort begonnen hat.

Auszug aus  einem Text für „Wien – Sehenswürdigkeiten, Kultur, Szene, Umland, Reiseinfos“, Uwe Mauch, Trescher Verlag, 2. Auflage 2017

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Dezembermorgen

Sie macht sich Tee.
Sie sitzt nur da.
Sie hält die Tasse.
Sie mag die Wärme.
Sie spürt die Kälte.
Sie lässt die Nacht.
Sie lauscht den Bäumen.
Sie trinkt einen Schluck.
Sie weckt das Herz.
Sie traut dem Grau.
Sie formt den Tag.
Sie trinkt einen Schluck.
Sie sucht das Weite.
Sie denkt das Weiß.
Sie fragt sich ob.

 

 

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  • Text und Raum, Weben und Wirken

    Diese Begriffe sind meine Arbeit, meine Sehnsucht, mein Zuhause, mein Weg, meine Gestaltungsmöglichkeit, meine Begabung, meine Herausforderung.