Blog

Dezembermorgen

Sie macht sich Tee.
Sie sitzt nur da.
Sie hält die Tasse.
Sie mag die Wärme.
Sie spürt die Kälte.
Sie lässt die Nacht.
Sie lauscht den Bäumen.
Sie trinkt einen Schluck.
Sie weckt das Herz.
Sie traut dem Grau.
Sie formt den Tag.
Sie trinkt einen Schluck.
Sie sucht das Weite.
Sie denkt das Weiß.
Sie fragt sich ob.

 

 

Veröffentlicht in Allgemein | 1 Kommentar

Eine Begegnung und eine Entfaltung

Über das Künstlerbuch von Beatrix Mapalagama mit einem Text von Brigitta Höpler

Uns verbindet das Interesse am Raum, am Textilen, am Text – im Sinne des lateinischen Wortursprung texere – verbinden, verweben, verknüpfen und die Liebe zu handgeschöpftem Papier, das oft auch eine textile Struktur hat. Nach zahlreichen inspirierenden Begegnungen und Gedankenaustausch dann die Idee, gemeinsam ein Künstlerbuch zu machen.

„Immer ist das leere Blatt Papier ein Raum für sich, ein Raum für mich, in dem ich mich immer wieder neue zur Welt bringe. Noch unsichtbare Gedanken finden dort eine Form aus Tinte und Buchstaben, eine vorläufige Bleibe“ (Brigitta Höpler)

„Das Papier soll handgeschöpft werden. Also Baumwolle einweichen, in einen Brei mahlen, Zusätze einbringen, aus der Bütte schöpfen, pressen, Trockenschrank, Unreinheiten abschaben, Ausschuss beiseite legen“. (Beatrix Mapalagama)

„Ich war sehr aufgeregt, welchen Raum meine Worte bekommen würden, welche „Wortgewänder“ sozusagen“. (Brigitta Höpler)

„Die gestalteten Blätter werden einzeln bearbeitet und es wird auch blauer Faserbrei verarbeitet. Blau wird geleert im Blatt „Tintenblaue Handbewegungen“ und verdrängt im Blatt „wie Schnee“. Samen wachsen zwischen zwei Papierschichten und ein Faden verknotet sich im Blatt „Anfänge“. Dann wird jedes Blatt einzeln bedruckt, gefaltet, ins Buch gebracht und mit der Hand geheftet.“ (Beatrix Mapalagama)

„Beim ersten Durchblättern hatte ich Herzklopfen, es ist ein ganz besonderes Erlebnis, wenn der eigene Text durch künstlerische Gestaltung lebendig wird, wenn sich Worte mit Bildern, mit Papier verbinden und dort ein Zuhause bekommen, wenn aus dem Text Raum wird, wenn die Dimension der Zeit dazu kommt, die Bewegung und die Stille. Wenn spürbar wird, was ich zu beschreiben versuchen“. (Brigitta Höpler)

„Es begegnet einem selten etwas, das einem eigen und doch fremd genug ist, um in Spannung, Erwartung, Freude und Ungewissheit daran arbeiten zu können“. (Beatrix Mapalagama)

 

Künstlerbuch „Blattentfaltungen“,
Handgeschöpfte Baumwollbütte, Fadenheftung,
Gestaltung und in Buchform gebrach von Beatrix Mapalagama,
Text von Brigitta Höpler, Satz von ViennaDesign.com,
Papier und Buchbindung: Werkstatt für Buch- und PapiermacherInnen,
Auflage: 6, Wien, 2016

Veröffentlicht in Allgemein, Kunst, Schreiben | Kommentieren

(W)ORTE – Textsequenzen

20.5.2015, Wienzeile,

Ansichtskarten schreiben, und Wienzeilen.
Die Blumen wachsen das Majolikahaus hinauf.
Ungehört die Ruferinnen.
Im Nachbarhaus konnte Otto Wagner in einer Badewanne
aus Glas liegen. Gläserne Bodenplatten hatten die Balkone
des Plecnik-Hauses in der Steggasse.
Geträumte Blicke in den Fluss.

16.5.2015, Ruprechtskirche, 1010 Wien

Manche bleiben für eine Weile, andere drehen nur eine schnelle Runde.
Manche schauen, manche fotografieren,
manche lesen, manche suchen,
manche besprechen was sie sehen.

Andere sind laut, ohne ein Wort zu sagen.
Manche füllen den Raum.

Manche werden still.

17.5.2015, Chocolaterie Fruth, Wiedner Hauptstraße, 1040 Wien

Wir bekommen bitte zwei Herzen.
Die sind leider nicht mehr frisch.

26.6.2015, Innenhof Domgasse 2, 1010 Wien

Über mir der gerahmte Himmel wie ein Bild.
Das Blau in den Fenstern gespiegelt, bis in den
ersten Stock herunter.

Sommerlich blaue Langsamkeit breitet sich aus.

15.7.2015, Radlager, Operngasse, 1040 Wien

Orange-gelb gestreifte Markise gespiegelt im Wasserglas,
im Raum stehende Luft, rinnende Tropfen von der Brust
bis zum Nabel, nicht sichtbar auf dem schwarzen Kleid,
zu heiß für diesen Tag, wie der Espresso in der weißen Tasse.
Im Kopf dreht sich die im Vorbeifahren gehörte Liedzeile

36 Grad und es wird noch heißer … beunruhigende Wahrheit
an diesem Tag.

13.9.2015, Bildhauerhaus, St. Margarethen, Burgenland

Ich frage mich, ob die Erinnerungen rund um diesen Ort
nicht immer mehr zu Innerungen einiger weniger werden?

Innerungen, die dann auf unterschiedliche Weise ihre
Äusserungen suchen.

Ich frage mich, wie lange Worte Orte fortsetzen können.

7.11.2015, Unteres Belvedere, Ausstellung Hans Bischoffshausen

6 Zeilen mit Leere
eine Aktion der Stille

Gedicht ohne Text
Musik ohne Klang

Finde ich mich
in handgemachten Blattrissen
in handgerissenen Papierräumen

Mein Handauge sieht blind.

10.11.2015, Draschepark

Fliegende Blätter um mich und das Gefühl,
ich bin auf der falschen Seite gelandet …

… lieber ein unbeschriebenes Blatt sein,
und mich weniger verzetteln.

17.1.2016, Draschepark

„Der Mond ist ganz klein“, sagt ein Bub,
und macht mit seinen Händen einen Raum.

25.2.2016, Café Menta, Radetzkyplatz

Wie auf Reisen leben, Kaffee trinken und schreiben,
abtauchen in meine Worte und wieder auftauchen.
Für Augenblicke das Gefühl, ganz woanders zu sein.
„Ich kann nicht alle komplizierten Leute aus dem 2. Bezirk nehmen“,
höre ich eine Frau sagen und bin schon wieder in Wien.
Vor den großen Fenstern kurven die Straßen und Bahnen hin und her.
Auch kein unbeschriebenes Blatt, dieser Platz in der Nähe des Wassers.
Wie die meisten Orte in Wien, denke ich. Und möchte schon wieder abtauchen.
„Nichts ist für die Ewigkeit“, sagt gerade die Frau am Nebentisch.

1.5.2016, Schloss Puchberg

Die Blüten fliegen.
Der Raps leuchtet.
Das Grün umgibt.
Das Blatt fängt auf.

17.9.2016, Rüdigerhof

Das Paar am Nebentisch

Er starrt in die Zeitung, sie abwechseln in die Luft und auf ihre Nägel.
Er wechselt die Zeitung, sie die Blickrichtung.
Ein fahriger Blick in den Spiegel, dann wieder in die Luft.
Er schaut nicht auf, sie wieder auf die Nägel.
Über ihnen leuchtet Trink Coca-Cola, erfrisch dich hier und jetzt.
Im Windfang fragt ein Filmplakat Was hat uns bloß so ruiniert?

11.10.2016, 1090 Wien

Im herbstlichen Liechtensteinpark
fallen sanft die Blätter,
spiegelt sich das Schloss im Teich,
verblühen die Rosen,
küssen sich Liebespaare,
schaukeln Mütter Babies in den Schlaf,
werden die Platanen alt.

17.01.2017, 1010 Wien, Literaturmuseum (Montage)

Ein Zimmerpanorama
das  richtige Himmelblau
nun dann vielleicht eine Schneehalde
die Ferien sind alle
ein bisschen Sachertorte
stückweise eingesammelt
das Glück beim Händewaschen
dass sich alles verflüssigt

Veröffentlicht in Allgemein | Kommentieren

Kleine Sperlgasse, 1020 Wien

 

Zum Tempelhüpfen braucht es nur einen kleinen Platz auf einer asphaltierten Fläche, wie hier vor der Schule, und eine Kreide zum Aufmalen des Tempels. Dieses alte Kinderspiel wird auch Paradieshüpfen oder Himmel und Hölle genannt.

Die Mitspieler hüpfen auf einem Bein nach ausgemachten Regeln durch das Spielfeld in den Himmel und wieder zurück zur Erde. Die Hölle ist grundsätzlich zu überspringen.

Was hier zwischen 1938 und 1945 nicht möglich war.

Weiß-rosa Blüten und Sonnenflecken auf dem Asphalt. Ich setzte mich auf die Mauer unter dem Kastanienbaum. Es riecht nach Brot und Frühling. Die Kastanienblätter, schon entfaltet und satt grün, setzen sich als steinernes Fries auf der Hausfassade gegenüber fort. Ich erinnere mich an die unzähligen „Indianerfedern“, die wir früher aus Kastanienblättern gemacht und und an den Kopf gebunden haben. Im Schulhof spielen Kinder, ich höre ihr Lachen und Wortfetzen.

„Ene mene muh und raus bist du!“

Immer wieder schaue ich auf den gusseisernen Balkon im dritten Stock des Gründerzeithauses genau gegenüber der Schule, genau gegenüber des früheren Sammellagers. Ein Tisch, zwei Sessel, ein paar Pflanzen. Ein schöner Platz, um einen Kaffee zu trinken, oder am Abend ein Glas Wein.

Gebetsmühlenartig kreisen die Fragen in meinem Kopf: Wer ist dort in jenen Jahren gestanden? Wer hat was gesehen und später vielleicht behauptet, von nichts zu wissen? Wer hat was gesehen und sich ohnmächtig und hilflos gefühlt? Wer hat was gesehen und engagiert gehandelt?

Ein koscherer Supermarkt hat hier sein Lager. Kisten mit Olivenöl stapeln sich hinter der Milchglasscheibe. An einer Hauswand steht mit schwarz geschrieben „Lehrer sind blöd“. Auf dem Boden unter der Gedenktafel, die an das jüdische Sammellager erinnert, liegt eine vertrocknete weiße Rose. Ein Ball fliegt über das Gitter.

„Raus bist du noch lange nicht, musst erst sagen wie alt du bist.“ 

Veröffentlicht in Allgemein | 1 Kommentar

Erinnerungsprojekte verbinden. (W)ORTE-Stadtschreiben mit never/forget/why

Ein Prozess, der Räume um Räume aufmacht, wie jedes Erinnern.“
(Gertrude Moser -Wagner zu dem Projekt Veza lebt)

Eine Kooperation von (W)ORTE-Stadtschreiben, NEVER/FORGET/WHY und m&m production; Kleine Sperlgasse 2a, Tempelgasse, 1020 Wien

Dieses „Räume um Räume aufmachen“ bewirkt etwas.  (W)ORTE-Stadtschreiben wird  aufmerksamer, weiter, tiefer im Versuch, das Textgewebe der Stadt aufzugreifen, sichtbar zu machen, weiterzuspinnen. Text und Textil haben denselben Wortursprung im lateinischen texere – weben, flechten, wirken. Verbinden, verweben, verknüpfen. Im Hin und Her zwischen den Worten und den Orten erschließt sich Vieles erst im Gehen, im Verlangsamen, im genauen Schauen.

mutter-hat-gesagtSo wie hier der dunkelgraue Schriftzug auf dem Asphalt.
Ich war schon oft in der Kleinen Sperlgasse, bin oft mit dem Fahrrad durchgefahren. Dachte schon, dass ich genau schaue ….

Aber erst bei den Vorbereitungen und Recherchen für die Kooperation mit NEVER/FORGET/WHY ist mir die dunkelgraue Schrift auf dem Asphalt aufgefallen. Und auch nicht auf ersten Blick. Zuerst habe ich den blühenden Kastanienbaum wahrgenommen, die ornamentalen Kastanienblätter auf einer Hausfassade, die Gedenktafel an der Schule, eine verblühte weiße Rose auf dem Boden, das aufgemalte Feld zum Tempelhüpfen, der Balkon auf dem Haus gegenüber in der Sperlgasse (mit der Frage, wer von dort aus was gesehen hat zwischen 1938 und 1945), und dann erst die Worte auf dem Boden. Bin sie abgegangen bis in die Hollandstraße, und dann noch einmal, um den Text mitzuschreiben, schließlich ein weiteres Mal, um einen Hinweis zu finden.

Erschlossen hat sich das Ganze erst bei Recherchen im Internet.

ALLTAGSSKULPTUREN MAHNMAL heißt die temporäre Installation der Künstlerin Catrin Bolt an unterschiedlichen Plätzen in Wien. Passagen aus persönlichen Beschreibungen von Vorfällen in Wien in der Zeit des Nationalsozialismus sind mit Straßenmarkierstoff an den entsprechenden Orten auf den Gehsteigen in Blockschrift aufgetragen. Nicht mehr Sichtbares wird sichtbar gemacht, Catrin Bolt schreibt es ein in das Textgewebe der Stadt.

„Eines Nachts geht meine Mutter mit mir aufs WC, oder was halt dort als WC bezeichnet war. Und da war die Tür zum Hof offen. Die Mutter tritt ein paar Schritte in den Hof, und dort steht mein Radl. Das war ja mein Heiligtum, nicht. Und wir sehen das, und das Gitter zur Strasse war auch offen. Meine Mutter hat gesagt „Gehen wir“, das Radl hat sie mitgenommen und ist bei dem Gitter dort hinausgegangen, es war drei Uhr in der Früh. Wir sind zurückgegangen in die Wohnung, und ab dann war ich aber eine Unperson.“

(aus: Mano Fischer, in: Erzählte Geschichte: Berichte von Widerstandskämpfern und Verfolgten, Band 3: Jüdische Schicksale, Hrsg. Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes, ÖBV, 1993, S. 507)

Die lange verschwiegene jüdische Dichterin Veza Canetti, geborene Venetiana Taubner, lebte und schrieb in der Ferdinandstraße 29. Eine 2013 angebrachte Widmungstafel nach einer Collage der Künstlerin Eva Wassertheurer erinnert daran. Ebenfalls nach der Dichterin benannt ist der Park Ecke Tempelgasse/Ferdinandstraße.

2013 initiierte die Künstlerin Gertrude Moser-Wagner das literarisch-künstlerisch-musikalisch-wissenschaftliches Projekt VEZA LEBT, mit temporären Installationen an unterschiedlichen Orten im 2. Bezirk, und einer Anthologie sozialkritischer Prosa und wissenschaftlicher Texte.

Gegenwärtig ist die Tafel am Haus Ferdinandstraße 29. Und der veränderte Blick derer, die damals die Wege gegangen sind, die Installationen angeschaut haben, die Texte gehört haben.

„Erinnern ist Arbeit, die nach Spuren verlangt. Sie gebietet es, Spuren zu erzeugen, um nicht spurlos zu werden“.

(aus: Veza werden, Elke Krasny. In: Veza Canetti lebt, Sozialkritische Literatur zeitgenössischer Autorinnen, Hg. von Karin Ballauf, Petra Ganglbauer, Gertrude Moser Wagner, Pro Media, Wien 2013. )

veza-canetti

 

Veröffentlicht in Allgemein, Flanieren, Räume, Stadt | 1 Kommentar

Unterwegs – für Margit Wagner

Die Reiseschriftstellerin wohnte in einem Haus in der Nähe von einem See. Mit ein paar Bildern und ausgewählten Büchern, vor allem über Irland, Schottland, Jura. Mit vielen Manuskripten und Fotos ihrer diversen Filmreisen. Ich half ihr, das alles zu ordnen. Lange Jahre hat sie Reisefilme gemacht, die wir miteinander immer wieder angeschaut haben: Das Jahr des schottischen Schäfers, La Malcontenta, Musik unter Portugals Himmel, Korsisches Abenteuer, … und immer wieder Irland. Jedes Jahr war sie dort, machte die nächtliche Wallfahrt auf den Croagh Patrick, lebte auf den Inseln, reiste herum, drehte Filme und schrieb. Nach Irland hatte ich Sehnsucht, bevor ich es kannte.

Von ihrem Schreibtisch aus sah man über Wiesen bis zu den Bergen. Ein weiter Blick. Neben ihrem Bett hing ein Holzschnitt, ein Wanderer in der Landschaft, im Hintergrund blaue und braune Berge. Auf ihrer Todesanzeige wollte sie eine Psalmzeile geschrieben haben: „Der Herr setzte meine Füsse in weiten Raum“.

Zuerst arbeiteten wir zusammen, immer wieder ein paar Tage im Sommer. So lernten wir einander besser kennen. Nach und nach erlebte ich, wie schön es ist, eine sechzig Jahre ältere Freundin zu haben! Wir lebten in ihrem Rhythmus, im Haus am See. Starker irischer Tee, Ingwer- und Orangenmarmelade zum Frühstück. Jasmintee am Nachmittag, aus feinen Porzellantassen, und in der blauen Stunde Sherry, aus kleinen bunten Gläsern mit Goldrand, dazu „Unterwegs-Geschichten“ aus ihrem Leben. Durch sie lernte ich den Fado kennen, die Gedichte von Fernando Pessoa, irische Literatur. Wir sind mit ihren Büchern gereist, in Schottland auf den Spuren des Einhorns, im Jura die Flüsse entlang.

Später hat uns die Reiseschriftstellerin nach Irland mitgenommen, ihr Irland-Buch sollte überarbeitet werden. Vier Wochen reisten wir miteinander herum, sie lehrte uns eine Kunst des Reisens. Sie sammelte Eindrücke, Menschen, Landschaften, Blumen, Steine, Tiere, Architektur, Sagen, Geschichten und setzte sie zu ihren eigenen Bildern zusammen, mit Worten gemalt.

Ihre irischen Segenswünsche habe uns immer begleitet, und tun es immer noch, auch nach ihrem Tod. Der Holzschnitt des Wanderers hängt mittlerweile neben meinem Bett, auf unseren Reisen denken wir an sie, wenn wir über die Lande flanieren, besondere Plätze für die blaue Stunde entdecken, offen und neugierig sind auf alles, was uns begegnet, wenn wir unseren Blick weiten.

Veröffentlicht in Allgemein | Kommentieren

Im Schreiben das Weite suchen – über mein Seminar Wortschätze

„Erschrick nicht, ich bin dein Herz und komme auf Besuch“ dieser Satz des Künstlers Dominik Steiger bringt mein Schreibseminar Wortschätze auf den Punkt:

im Schreiben eine überraschende, aufregende, inspirierende Begegnung mit sich selbst erleben. Wach werden, mitten in der Wachheit.

Auf einem Blatt Papier ist alles, wirklich alles möglich. Ich kann mich ausdehnen, ausruhen oder wilde Abendteuer erleben. Immer ist das leere Blatt Papier ein Raum für sich, ein Raum für mich, ein Denkraum, ein Handlunsspielraum.  Alles, was in Worte gefasst und aufgeschrieben wird, ist der Beginn einer Realisierung.

Damit das alles wirklich geschehen kann, schreibt jeder, jede für sich selbst, wir lesen einander die Texte nicht vor. Nur so können wir die lästigen, einengenden inneren Stimmen hinter uns lassen, die wir sicher alle gut kennen „wie peinlich, was du da gerade schreibst! Meinst du das ernst? Mach dich doch nicht lächerlich! Nimm dich so wichtig. Willst du das wirklich so schreiben? Stell dir vor, das liest jemand ….“ So flüstern sie uns zu, die inneren Zensoren, die unsere Texte und uns selber klein und brav halten, die unsere ursprünglichen Einfälle, Gedanken, Ideen, die wild oder zart, jedenfalls ungewöhnlich und stark sind, vernichten oder  zumindest zur Angepasstheit umformen.

Aber wenn wir diesen inneren Zensoren davonschreiben, können wir im wahrsten Sinn des Wortes Wunder erleben und in den jeweils eigenen Schreibfluss kommen. So kommen wir zu unseren Wortschätzen, zu unserer ganze eigenen Stimme und Sprache, egal in welchem Bereich wir schreiben.

In meinen Schreibräumen geht es darum, schreibend

  • die Perspektive zu wechseln
  • die gewohnten Gedankenbahnen zu verlassen
  • die Linearität des Denkens, Schreibens, Lebens  zu durchbrechen

Sei es für persönliche Aufzeichnungen, Klarheit in Entscheidungen zu bringen, privat, beruflich, mit Ideen und Einfällen zu spielen, das Denken kreativer zu machen, zu neuen Ideen, Einfällen, Fragen und Antworten zu kommen. Sei es für Geschichten, oder berufliche Texte. Die  richtigen Worte für das finden, was wir denken, erleben, fühlen.

Und auch wenn jeder, jede für sich schreibt, entsteht dann doch immer so ein besonderer gemeinsamer Schreibraum, eine Schreib-Energie, die trägt. Ich liebe das, wenn es ganz still ist, und nur das Geräusch der Stifte auf dem Blatt Papier zu hören ist, dieser ganz spezielle Schreibklang.

Wort-schätze – es geht um Worte, um das Spiel mit Worten, um den Raum hinter den Worten. „im Wort wohnen“ wie Rose Ausländer immer wieder in ihren Gedichten schreibt.

Meine Schreibimpulse und Anregungen kommen aus dem kreativen Schreiben und der Kunst. In meiner Arbeit an Ausstellungeröffnungen und Texten für Künstlerinnen  und Künstler habe ich selber erfahren, wie inspirierend sich unterschiedliche Kunstwerke auf das Schreiben auswirken.

Schreibend die Perspektive wechseln, mit diversen Papierformaten, Schreibstiften und der eigenen Handschrift  spielen. Die Worte zu Buchstaben : Zeichen : Linien zu zu zerlegen und wieder zurück, von der Linie zu den Zeichen : Buchstaben : Worten : Sätzen : Texten.

Textarten gibt es viele, in diesem Seminar geht es um darum, in den eigenen Schreibfluss zu kommen, unzensuriert zu schreiben, und diese Entwürfe in „kleine Formen“ zu bringen.

 

Veröffentlicht in Allgemein, Schreiben | Kommentieren

Andere Bilder nicht mit Grenze

IMG_0218-11 Ein Bildhauer zieht seine Linie in den Stein. „Des Unterbrechens Sinn ist das Weiterführen“. Sebastian Prantl geht mit uns über den Hügel von St. Margarethen, zieht mit Worten Erinnerungslinien von Stein zu Stein und darüber hinaus – sie verbinden Zeiten und Kontinente.

2 Im Regen gehen wir über den Hügel, Bilder tauchen auf, in die ich immer tiefer eintauche: Prag, im Dezember 89, gleich nach der Revolution; die Steine der Bildhauer in der Wüste Negev. Im freilegen der er-innerten Bilder und Geschichten wird Schicht für Schicht abgetragen.

3 Pfingsten 1993, ein Picknick in St. Margarethen. Der Philosoph Rudolf zur Lippe steht vor dem Bildhauerhaus unter einem blühenden Hollerstrauch. Er spricht davon, dass wir nichts besitzen und festhalten können, nicht Menschen und Beziehungen, nicht Kunst oder Natur. Wir können nur den Augenblick erleben.

4 Im Bildhauerhaus sitzen wir um einen großen Holztisch, vor uns leere Blätter. Wir lassen uns überraschen vom Ort, den Worten, Begegnungen und Berührungen. Wir erleben den lateinischen Wort-Ursprung von „Text“ ganz unmittelbar: texere – verweben, verbinden, verknüpfen. Wir bewegen uns in einem gemeinsamen Textfeld weit über das Blatt Papier hinaus.

5 Am Abend, bei einem Glas Wein, spinnen wir die Fäden weiter und erzählen einander: vom Aufwachsen in einem burgenländischen Dorf an der Grenze, von einer Klassenfahrt nach Russland, von einer betrunkenen russischen Freundin, von Filmen und einer Übersetzerin, von bedrohlichen und offenen Grenzen, von einem Stipendium in Bratislava, von Reisen in den Osten, von Ferne und Nähe, von der Arbeit für einen ungarischen Schriftsteller. Wir begegnen einander und berühren einander. Die Texte wirken in die Gespräche und die Gespräche in die Texte – verweben, verbinden, verknüpfen.

6 Der Text verändert sich durch das Erleben überraschend schnell, auch aufgeschriebene Worte lassen sich nicht festhalten, sie sind nomadisch und beweglich. Anders als die Steine.  Und doch, ob Worte oder Steine „wir besitzen nichts“.

7 Wir versuchen, uns in diesen Ort einzuschreiben, ihn ein Stück weiterzuschreiben. Ihn zu übersetzen, von einer Sprache in die andere, um zu verstehen, zu begreifen. Die Sprache der Steine, der Landschaft, der Bienen, der Gräser, der Bäume, der Architektur, der Bilder, der Menschen.

8 Das alte Kinderspiel „Schere Stein Papier“ fällt mir ein. Ist der Stein stärker oder das Papier? Was bleibt vom Stein und was von den aufgeschriebenen, was von den gesprochenen Worten?

9 „des Unterbrechens Sinn ist das Weiterführen“. Andere Bilder nicht mit Grenze.

Soundspaziergang über den Hügel von St. Margarethen, August 2014

Veröffentlicht in Allgemein, Kunst, Räume, Schreiben | 1 Kommentar

Die Kunst der Begegnung – über den Journalisten, Autor und Reisenden Uwe Mauch

Uwe Mauch ist viel unterwegs, täglich überquert er mit seinem Fahrrad oder mit der Schnellbahn die Donau auf dem Weg von seiner Wohnung in Floridsdorf in die Zeitungsredaktion. Dieses Unterwegs-sein macht ihn sensibel für die Wahrnehmung mentaler Grenzen in einer Stadt: „Die Donau ist so eine Grenze. Floridsdorf ist für viele Wiener weit weg. Und das ist in anderen Städten nicht anders.“

Unterwegs-sein ist Teil seines Lebens. Seine Frau und seine beiden Kinder leben in Zagreb. Meistens steigt er am Freitag mit seinem Faltrad und Laptop in den Zug, und fährt am Sonntag oder Montag von Zagreb wieder zurück. Zeit zu denken, zu schreiben, Landschaften und deren Veränderung wahrzunehmen, Menschen zu beobachten.

Mit seinem Freund, dem Fotografen Mario Lang war er in den Nachbarstädten im Süd-Osten unterwegs, 2002 erschien ihr Buch „Unsere Nachbarn – Wiens Partnerstädte im Porträt“, 2010/11 „In 80 Arbeitstagen um die Welt“.

Eindrücke von unterwegs finden ihren Ausdruck auch im Blog Lebensnah: Miniaturen über Menschen, Orte, Ereignisse, Bemerkenswertes in Wien. Für mich ist dieser Blog mittlerweile so eine Art Adventkalender für das ganze Jahr: täglich neue Stadt-Entdeckungen, die mir sofort Lust machen, auf’s Fahrrad zu steigen und los zu fahren.

Seit 14 Jahren porträtiert Uwe gemeinsam mit Mario  für die Serie „Lokalmatadore“ in der Stadtzeitung „Augustin“ „Menschen, die zum Gelingen der Stadt beitragen und keinen eigenen Pressesprecher haben“ (Eigendefinition der Beiden). „Es gibt so viele Menschen, die Schönes, Interessantes, Kostbares, Verbindendes machen“, sie ins Licht zu rücken ist Anliegen von den Beiden.

Duch seinen Blog und die Serie „Lokalmatadore“ entwickelt Uwe Mauch eine ganz eigene Wien-Topografie. Den aus dem griechischen Begriff wörtlich genommen: topos – der Ort, graféin – schreiben. Menschen, in Orte eingeschrieben. Geschichten, mit viel Zärtlichkeit und Respekt von Uwe aufgeschrieben. Stadt denkt er von den Rändern her, aus unterschiedlichen Richtungen die Mitte querend. Sein Blick ist durchaus kritisch und folgt der Idee einer Stadt, in der ALLE Menschen gut leben können.

Für mich hat er eine Begabung, sich mit seinem Gegenüber zu verbinden, sich ganz auf den Augenblick einzulassen, ohne Vorstellungen, Ansprüche oder fertiges Bild. Er lässt die Menschen sein wie sie sind, und gibt ihnen Raum. Immer offen und bereit, sich überraschen zu lassen. „Die Menschen schenken mir ihre Zeit, das darf keine Einbahnstraße sein“.

Die Begegnung geschieht in dem Augenblick, in dem Geben und Nehmen, Berührt werden und Berühren, Fragen, Hören und Erzählen ineinander fallen, eins werden. Wo für beide Gesprächspartner etwas Neues entsteht – eben keine Einbahnstraße. Das ist für mich die Kunst der Begegnung.

DSC_0511-1

 

 

 

Veröffentlicht in Allgemein, Flanieren, Stadt | Kommentieren

Mehr als eines wird zur Sammlung

Alexander Ortel sammelt schwere Dinge. Immer wieder frage ich mich, ob er die Dinge sucht oder einfach findet, oder die Dinge ihn finden. Diese Frage lässt sich gar nicht so einfach beantworten, eines geht ins andere über. Er hat eine Aufmerksamkeit für Dinge, einen Blick für Formen, Materialien, Funktionen. Die Dinge werden von ihm gefunden, – in Abbruchhäusern, aufgelassenen Manufakturen und Werkstätten, Bahnhöfen, … – mitgenommen in seine Werkstatt, eine ehemalige Bäckerei im 4. Bezirk und in neue Zusammenhänge gestellt.

Mit ihm durch Städte zu flanieren, ist immer ein Bereicherung, sein Blick auf ungewöhnliche Details. Es zeigt sich ein ganz anderes Bild einer Stadt,  eine Fliese, eine Türschnalle, ein Eletrokasten, ein Kanaldeckel, ein Fensterrahmen, … erzähen  Geschichten. So gesehen sammelt Alexander Ortel nicht nur schwere Gegenstände, sondern Erinnerungen. Edmund de Wall schreibt in seinem Buch „Der Hase mit den Bernsteinaugen „über das „sinnliche Verflechten von Gegenständen mit Erinnerungen“. Das macht Alexander in seiner Werkstatt, in dem er Dinge bewahrt, pflegt, transformiert. Wenn er etwa mit Nägeln aus Eisenbahnschwellen Bilder macht.

Bei ihm in der Werkstatt sitzend kommt mir Pippi Langstrumpf in den Sinn „es gibt nichts schöneres, als Sachensucher zu sein Und man muss sich nur wundern, dass nicht mehr Leute sich auf diesen Beruf werfen.“

ein-hin-und-ein-her

Veröffentlicht in Allgemein, Flanieren, Räume, Stadt | Kommentieren
  • Text und Raum, Weben und Wirken

    Diese Begriffe sind meine Arbeit, meine Sehnsucht, mein Zuhause, mein Weg, meine Gestaltungsmöglichkeit, meine Begabung, meine Herausforderung.