Unterwegs – für Margit Wagner

Die Reiseschriftstellerin wohnte in einem Haus in der Nähe von einem See. Mit ein paar Bildern und ausgewählten Büchern, vor allem über Irland, Schottland, Jura. Mit vielen Manuskripten und Fotos ihrer diversen Filmreisen. Ich half ihr, das alles zu ordnen. Lange Jahre hat sie Reisefilme gemacht, die wir miteinander immer wieder angeschaut haben: Das Jahr des schottischen Schäfers, La Malcontenta, Musik unter Portugals Himmel, Korsisches Abenteuer, … und immer wieder Irland. Jedes Jahr war sie dort, machte die nächtliche Wallfahrt auf den Croagh Patrick, lebte auf den Inseln, reiste herum, drehte Filme und schrieb. Nach Irland hatte ich Sehnsucht, bevor ich es kannte.

Von ihrem Schreibtisch aus sah man über Wiesen bis zu den Bergen. Ein weiter Blick. Neben ihrem Bett hing ein Holzschnitt, ein Wanderer in der Landschaft, im Hintergrund blaue und braune Berge. Auf ihrer Todesanzeige wollte sie eine Psalmzeile geschrieben haben: „Der Herr setzte meine Füsse in weiten Raum“.

Zuerst arbeiteten wir zusammen, immer wieder ein paar Tage im Sommer. So lernten wir einander besser kennen. Nach und nach erlebte ich, wie schön es ist, eine sechzig Jahre ältere Freundin zu haben! Wir lebten in ihrem Rhythmus, im Haus am See. Starker irischer Tee, Ingwer- und Orangenmarmelade zum Frühstück. Jasmintee am Nachmittag, aus feinen Porzellantassen, und in der blauen Stunde Sherry, aus kleinen bunten Gläsern mit Goldrand, dazu „Unterwegs-Geschichten“ aus ihrem Leben. Durch sie lernte ich den Fado kennen, die Gedichte von Fernando Pessoa, irische Literatur. Wir sind mit ihren Büchern gereist, in Schottland auf den Spuren des Einhorns, im Jura die Flüsse entlang.

Später hat uns die Reiseschriftstellerin nach Irland mitgenommen, ihr Irland-Buch sollte überarbeitet werden. Vier Wochen reisten wir miteinander herum, sie lehrte uns eine Kunst des Reisens. Sie sammelte Eindrücke, Menschen, Landschaften, Blumen, Steine, Tiere, Architektur, Sagen, Geschichten und setzte sie zu ihren eigenen Bildern zusammen, mit Worten gemalt.

Ihre irischen Segenswünsche habe uns immer begleitet, und tun es immer noch, auch nach ihrem Tod. Der Holzschnitt des Wanderers hängt mittlerweile neben meinem Bett, auf unseren Reisen denken wir an sie, wenn wir über die Lande flanieren, besondere Plätze für die blaue Stunde entdecken, offen und neugierig sind auf alles, was uns begegnet, wenn wir unseren Blick weiten.

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  • Text und Raum, Weben und Wirken

    Diese Begriffe sind meine Arbeit, meine Sehnsucht, mein Zuhause, mein Weg, meine Gestaltungsmöglichkeit, meine Begabung, meine Herausforderung.