Erinnerungsprojekte verbinden. (W)ORTE-Stadtschreiben mit never/forget/why

Ein Prozess, der Räume um Räume aufmacht, wie jedes Erinnern.“
(Gertrude Moser -Wagner zu dem Projekt Veza lebt)

Eine Kooperation von (W)ORTE-Stadtschreiben, NEVER/FORGET/WHY und m&m production; Kleine Sperlgasse 2a, Tempelgasse, 1020 Wien

Dieses „Räume um Räume aufmachen“ bewirkt etwas.  (W)ORTE-Stadtschreiben wird  aufmerksamer, weiter, tiefer im Versuch, das Textgewebe der Stadt aufzugreifen, sichtbar zu machen, weiterzuspinnen. Text und Textil haben denselben Wortursprung im lateinischen texere – weben, flechten, wirken. Verbinden, verweben, verknüpfen. Im Hin und Her zwischen den Worten und den Orten erschließt sich Vieles erst im Gehen, im Verlangsamen, im genauen Schauen.

mutter-hat-gesagtSo wie hier der dunkelgraue Schriftzug auf dem Asphalt.
Ich war schon oft in der Kleinen Sperlgasse, bin oft mit dem Fahrrad durchgefahren. Dachte schon, dass ich genau schaue ….

Aber erst bei den Vorbereitungen und Recherchen für die Kooperation mit NEVER/FORGET/WHY ist mir die dunkelgraue Schrift auf dem Asphalt aufgefallen. Und auch nicht auf ersten Blick. Zuerst habe ich den blühenden Kastanienbaum wahrgenommen, die ornamentalen Kastanienblätter auf einer Hausfassade, die Gedenktafel an der Schule, eine verblühte weiße Rose auf dem Boden, das aufgemalte Feld zum Tempelhüpfen, der Balkon auf dem Haus gegenüber in der Sperlgasse (mit der Frage, wer von dort aus was gesehen hat zwischen 1938 und 1945), und dann erst die Worte auf dem Boden. Bin sie abgegangen bis in die Hollandstraße, und dann noch einmal, um den Text mitzuschreiben, schließlich ein weiteres Mal, um einen Hinweis zu finden.

Erschlossen hat sich das Ganze erst bei Recherchen im Internet.

ALLTAGSSKULPTUREN MAHNMAL heißt die temporäre Installation der Künstlerin Catrin Bolt an unterschiedlichen Plätzen in Wien. Passagen aus persönlichen Beschreibungen von Vorfällen in Wien in der Zeit des Nationalsozialismus sind mit Straßenmarkierstoff an den entsprechenden Orten auf den Gehsteigen in Blockschrift aufgetragen. Nicht mehr Sichtbares wird sichtbar gemacht, Catrin Bolt schreibt es ein in das Textgewebe der Stadt.

„Eines Nachts geht meine Mutter mit mir aufs WC, oder was halt dort als WC bezeichnet war. Und da war die Tür zum Hof offen. Die Mutter tritt ein paar Schritte in den Hof, und dort steht mein Radl. Das war ja mein Heiligtum, nicht. Und wir sehen das, und das Gitter zur Strasse war auch offen. Meine Mutter hat gesagt „Gehen wir“, das Radl hat sie mitgenommen und ist bei dem Gitter dort hinausgegangen, es war drei Uhr in der Früh. Wir sind zurückgegangen in die Wohnung, und ab dann war ich aber eine Unperson.“

(aus: Mano Fischer, in: Erzählte Geschichte: Berichte von Widerstandskämpfern und Verfolgten, Band 3: Jüdische Schicksale, Hrsg. Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes, ÖBV, 1993, S. 507)

Die lange verschwiegene jüdische Dichterin Veza Canetti, geborene Venetiana Taubner, lebte und schrieb in der Ferdinandstraße 29. Eine 2013 angebrachte Widmungstafel nach einer Collage der Künstlerin Eva Wassertheurer erinnert daran. Ebenfalls nach der Dichterin benannt ist der Park Ecke Tempelgasse/Ferdinandstraße.

2013 initiierte die Künstlerin Gertrude Moser-Wagner das literarisch-künstlerisch-musikalisch-wissenschaftliches Projekt VEZA LEBT, mit temporären Installationen an unterschiedlichen Orten im 2. Bezirk, und einer Anthologie sozialkritischer Prosa und wissenschaftlicher Texte.

Gegenwärtig ist die Tafel am Haus Ferdinandstraße 29. Und der veränderte Blick derer, die damals die Wege gegangen sind, die Installationen angeschaut haben, die Texte gehört haben.

„Erinnern ist Arbeit, die nach Spuren verlangt. Sie gebietet es, Spuren zu erzeugen, um nicht spurlos zu werden“.

(aus: Veza werden, Elke Krasny. In: Veza Canetti lebt, Sozialkritische Literatur zeitgenössischer Autorinnen, Hg. von Karin Ballauf, Petra Ganglbauer, Gertrude Moser Wagner, Pro Media, Wien 2013. )

veza-canetti

 

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Ein Kommentar

  1. Barbara Rauchwarter
    Erstellt am 26. Mai 2015 um 20:45 | Permanent-Link

    Diese Verbindung ist wunderbar, geht in die Tiefe und beschreibt Perspektiven von dort. Und das kreative, spielerische (=unbefangene) kann vielleicht (?) erhalten bleiben. Ich bin gespannt.
    Ich denke viel auf den Spuren der Frage von Harald Welzer (Selbst denken) „Wer werde ich gewesen sein?“ nach.

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