Bratislavaflanerie

Nur ein wenig die Donau ostwärts. Mit der Schnellbahn, mit dem Auto keine Stunde entfernt: Bratislava. Und überhaupt sehr nahe. Eine Vertrautheit, ein Gefühl von „Zu-Hause-sein“ stellt sich ein, das ich schon aus Ljubljana und Zagreb kenne.

In einem Interview zum 60-jährigen Bestehen der EU machte sich der Schriftsteller Peter Menasse in einem Interview Gedanken über die sogenannte nationale Identität: „Ich sehe nicht ein, warum ich zu Menschen in Bludenz eine tiefere Beziehung haben soll, nur weil sie denselben Pass haben wie ich, aber acht Stunden entfernt leben, während ich mit Menschen die in Bratislava leben und 40 Minuten entfernt sind, keine gemeinsamen Interessen haben soll, weil das die Hauptstadt einer anderen Nation ist.“ Mir ist jedenfalls Bratislava in vielerlei Hinsicht näher als Bludenz oder Bregenz, Ljubljana oder Zagreb näher als München.

Was macht diese Vertrautheit, dieses „Zu-Hause-Gefühl“ aus? Ist es die gemeinsame, durchaus problematische k und k-Vergangenheit? Die Architektur? Sind es unbewusste Unterströmungen? (als sogenannte „echte“ Wienerin habe ich natürlich böhmische und mährische Vorfahren). Ist es eine gewisse, durchaus entspannte „Schlampigkeit“?

Beim zweiten, beim dritten Besuch gibt es schon Lieblingsorte und -wege. Die ganz selbstverständlich begangen werden.

Zum Beispiel der Námestie SNP (slovenského národneho povstania), der politisch und architektonisch interessante Platz, benannt nach dem slowakischen Nationalaufstand vom 8. August 1944 gegen die NAZI Diktatur und Kollaboration des Tiso Regimes. Dazu ein Denkmal, und viel Architektur, quer durch die Zeiten. Besonders gern mag ich die Schalterhalle der Post, die Markthalle und die Genossenschaftshäuser von Emil Bellus, das Gebäude für Bata-Schuhe von Vladimir Karfik.

Dann das Viertel um die „blaue Kirche“ von Ödön Lechner. Reste der ehemaligen Poliklinik gegenüber sind noch zu erkennen, ein paar Ecken weiter das imposante Portal der Eisenbahndirektion. Und Wohnhäuser, historistisch, kubistisch, funktionalistisch. Viele Details sind zu entdecken.

Der Architekturtheoretiker Friedrich Achleitner: „Wir hatten in Österreich schon früh mit Neid nach Bratislava geblickt und bereits in den Sechziger Jahren die Architektur der Zwanziger und Dreißiger Jahre dort bewundert. Der Funktionalismus hatte in Wien, im Gegensatz zu Bratislava, keine Chance.“

Die Bar im Hotel Devin (Emil Bellus, 1954) bietet Rückzug. In den braunen Clubsesseln aus Leder versinken, und die Zeit für einen Augenblick anhalten.

Matej Krens Installation „Passage“ in der Stadtgalerie im Palais Pallfy ist eine Einladung, sich über die Abgründigkeit und unendliche Weite von Büchern zu bewegen.

Mehrsprachigkeit, schon immer in dieser Stadt. Ungarisch, Deutsch, Slowakisch sind die Grabinschriften (auf dem verwunschenen Nikolaifriedhof), und noch manchmal alte Geschäftsbezeichnungen. Englisch und Deutsch in der kleinen, feinen Second-Hand-Buchhandlung „Eleven books and coffee“, mit köstlichem Kaffee.

Mit der Straßenbahn durch die Stadt gondeln, über die Donaubrücke nach Petrzalka und an die Ränder der Stadt.

Und bald wieder kommen!

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    Diese Begriffe sind meine Arbeit, meine Sehnsucht, mein Zuhause, mein Weg, meine Gestaltungsmöglichkeit, meine Begabung, meine Herausforderung.