Blickwechsel

BLICKWECHSEL
Die Kunst des Sehens, der Begegnung und der Anwesenheit

Kunst braucht die Künstlerin, die sie erschafft, sie braucht Räume, in denen sie gezeigt wird und den Blick eines Betrachters. Kunst will gesehen werden.

Ein Blick kann flüchtig sein, abwesend, voreingenommen, wissend, ahnend, offen, aufmerksam, intensiv. Wenn im Augenblick der Kunstbetrachtung Begegnung stattfindet, weitet sich unser Blick, es gelingt, was der Maler und Schriftsteller John Berger schreibt „Anschauen: alles, was den Umriss, die Kontur, die Kategorie, den Namen den es trägt, überschreitet. Anschauen heißt erkennen, in ein Ganzes eintreten“.

Dazu braucht es Zeit, Offenheit und die Bereitschaft, vor gefasste Bilder, Kategorien, Bezeichnungen zu erkennen. Die Bereitschaft, sich überraschen zu lassen, Berührung zuzulassen. In so einem Augenblick liegt eine Möglichkeit, eine Ahnung, etwas Neues. „Erschrick nicht, ich bin dein Herz und komme auf Besuch“. (Dominik Steiger)

Wenn das geschieht, kann Kunst Hilfe sein. Ein Ansatz, den ich als Kunsthistorikerin nicht unbedingt auf der Universität gelernt habe, der für mich aber im Zusammenhang mit Kunst immer wichtiger wird.

Zum Beispiel das künstlerisch-therapeutische Fotoprojekt „Marias Schwestern“, verwirklicht von der Kinderärztin, Psychotherapeutin, Leiterin der Baby Care Ambulanz im Preyerschen Kinderspital Katharina Kruppa und der Fotografin Irene Kernthaler-Moser. Sechs großformatige Fotografien von Müttern mit ihren Kindern, formal inspiriert von der Madonnen-Ikonographie der Renaissance. Der Bildraum ist bestimmt von einem schwarzen Hintergrund, der Raum und Zeit aufhebt, zugleich klingt auch eine Referenz an die Fotografiegeschichte an.

Die Frauen und ihre Kinder scheinen in diesem schwarzen Bildraum zu schweben, was inhaltlich seine Entsprechung findet: ein Augenblick aus dem Leben, dem Alltag, der Umgebung der Frauen herausgenommen. Das Leben, der Alltag, die Umgebung der Frauen ist schwierig: Drogenabhängigkeit, Krankheit, psychische und physische Probleme, Gewalterfahrungen, Unsicherheit. Doch im Augenblick der Begegnung mit der Fotografin werden sie „ins Licht gestellt“, werden angeschaut und wert geschätzt. Die Fotos halten etwas in Schwebe, zwischen einem Davor und einem Danach. Sie zeigen, aber sie erzählen nicht. Der Ausgang ist ungewiss. Aber: im geschützten „Zwischenraum“ des Bildes überlebt dieser besondere Augenblick des so Gesehen-worden-sein und bleibt sichtbar.

Für die Fortdauer dieses Augenblicks braucht das Bild den Betrachter, die Betrachterin. Mein Blick auf Menschen, die „nicht entsprechen“, welchen Kategorien auch immer, die am Rand stehen, hat sich verändert. Mein Blick ist – zumindest ein wenig – weiter und zärtlicher geworden.

Ich glaube, dass die Menschen eine große Sehnsucht haben, gesehen zu werden. Wirklich angeschaut und wahrgenommen zu werden. Anschauen heißt erkennen und in ein Ganzes eintreten. Wie oft schauen wir die uns nahen Menschen – unseren Mann, unsere Frau, unsere Kinder, unsere Eltern, unsere Freunde, unsere Kollegen, unsere Schüler, Menschen, mit denen wir in unterschiedlichen Lebenszusammenhängen zu tun haben, denn wirklich an? Wie oft erkennen wir sie, wie oft sehen wir sie „ganz“? Wie oft sind wir wirklich anwesend?

In der Performance „The artist is present“, während ihrer Retrospektive im MOMA in New York, saß die Künstlerin Marina Abramovic drei Monate lang etwa acht Stunden täglich auf einem Sessel im Foyer des Museums. Tausende Menschen sind Schlange gestanden, haben vor dem Museum übernachtet, um die Möglichkeit zu bekommen, gegenüber der Künstlerin Platz zu nehmen. Der gleichnamige Film „The artist is present“ dokumentiert diese Performance. Sogar im Film ist die Intensität spürbar, der „Raum im Raum“, der zwischen Marina Abramovic und den Menschen entsteht. Ein Raum, in dem die Zeit ein wenig angehalten ist. Ein Raum, der etwas von einem Refugium hat. Ein Raum, in dem Menschen einander ohne Worte begegnen.

Meine Vision: viele ungewöhnliche Räume außerhalb der „Kunstszene“, in denen Kunst gezeigt wird, die Hilfe sein kann.
Räume, in denen Menschen eine Möglichkeit bekommen, zu erkennen und in ein Ganzes einzutreten.
Räume, in denen Menschen gesehen und erkannt werden.
Räume, in denen Kunst das Gewohnte und Vertraute unterbricht, in denen Berührung möglich ist und „das Herz auf Besuch kommt“.
Viele neue Ideen dazu und viele Menschen, die daran mitwirken.

Brigitta Höpler

Abgedruckt in: Lesebuch der Zukunft, Familie 2030, Wien, Katholischer Familienverband 2013

John Berger, Das Sichtbare & Das Verborgene, Fischer Taschenbuch, Frankfurt am Main 1999
Marina Abramovic, The artist is present, dogwoof dvd, 2012
Sagen sie es ruhig noch peinlicher, 30 Literatur-Postkarten, Literaturverlag Droschl, Graz

  • Text und Raum, Weben und Wirken

    Diese Begriffe sind meine Arbeit, meine Sehnsucht, mein Zuhause, mein Weg, meine Gestaltungsmöglichkeit, meine Begabung, meine Herausforderung.