Hartwig Bischof

„Die unerträgliche Leichtigkeit des Scheins“

Gedanken zu den „Arbeiten“ von Hartwig Bischof

„Es hatte … all das an sich, was mich interessiert – das Konkrete, das Repetitive, etwas Obsessives, Ordnung, verbunden mit Plattheit, und die angedeutete Möglichkeit vollkommener Bedeutungslosikgkeit“ (Jasper Johns)

„Zu den Arbeiten von“ – verwendet man diesen Begriff immer dann, wenn man die „Arbeiten“ nicht näher benennen kann, wenn man eigentlich nicht so genau weiß, was „es“ ist?

„Arbeit, zielgerichtete Beschäftigung; auch Objekt geistiger oder körperlicher Betätigung“ Zielgerichtet ist die Tätigkeit von Hartwig Bischof, Ergebnis geistiger und körperlicher Betätigung auch. Er ist ein besessener Bildersammler von weggelegten Bildern (Zeitschriften, Werbematerial, Prospekte), eigens angefertigten Bildern (Photografie), zufälligen Bildern, lange gesuchten Bildern. Er spricht selber von einer „fundamentalen Obsession, was Bilder betrifft“.

Ein Modulfoto, in den Computer eingescannt, bearbeitet, vervielfältigt und ausgedruckt bildet die Grundstruktur seiner „Arbeiten“. Ein weiteres Foto oder noch einmal das Modulfoto selbst, wird durch Handarbeit eingewebt. (weben, althd. weban, sich hin und her bewegen; Herstellung textiler Flächengestaltung durch rechtwinkelige Verkreuzung zweier Fadensysteme.) Das Vorgehen ist soweit einfach, die Wirkung und Bedeutung vielschichtig und irritierend.

Der uralte, handwerklich bestimmte Prozess des Webens, dieser nahezu archaische Vorgang, die Erzeugung eines Unikats, hineingebracht in ein digital bearbeitetes Bild, das jederzeit neu kombiniert, collagiert oder manipuliert werden kann.

Aus Bildern gebaute Bilder, „kollagierte Bildgerüste“, „Bild-Bilder“ (Herbert Muck), gewebte Bilder, Bildteppiche, … Versuche, begrifflicher Annäherung. Im Grunde entziehen sich diese „Arbeiten“, weniger Bilder als Gebilde, jeglicher begrifflicher Einordnung, und das gilt es auszuhalten.
Nicht einmal ihre Zweidimensionalität ist etwas Sicheres. Die Aneinanderreihung reduzierter Bildmotive lässt die Bildfläche vibrieren, das Auge täuschen.

Die Webstellen brechen tatsächlich aus der Fläche heraus, bilden eine Verwerfung, eine Störung, einen Bruch.
Unterbrechen den Bildrhythmus, die gleichmäßig gegliederte Bewegung.
Unterbrechen die scheinbar endlose, arabeskenartige Aneinanderreihung.
Unterbrechen die wohlgeordnete Regelmäßigkeit zu Mustern gewordener Bilder.
Bringen die Dimension der Handarbeit, die Qualität der Langsamkeit in die schnelle Reproduzierbarkeit der am Computer erzeugten Bilder.
Stören die – ohnehin brüchige – Harmonie des Bildganzen.
Und sind doch essentiell notwendig in diesen „Arbeiten“.
Sie verbergen das Bild und machen doch eigentlich erst sichtbar.

In den „Arbeiten“ von Hartwig Bischof liegt ein langer Weg „vom Bild zum Bild“.
Ein Bildgefüge, gebaut aus einzelnen, kleinteiligen Bildmodulen. Ein Bildgefüge, in dem die Spanne vom Gegenständlichen zum Abstrakten liegt. Abstrakt – im Sinne von Weglassen, Entfernen, Herausarbeiten des Wesentlichen. Die Wiederholung führt nicht zur Bildüberflutung, sondern zur Abstraktion.

Gelegentlich werden seine „Arbeiten“ auch zu Meditationsobjekten, in die man sich mühelos bis zur Bilderlosigkeit hineinversenken kann. Solange, bis man wieder von irgendeinem Detail zum Bild zurückgeholt wird. Das einzelne Bild ist ständig präsent, aber nicht unbedingt sichtbar.

In anderen Augenblicken meint man einen hängen geblieben Film vor sich zu haben. Angehaltene oder verlangsamte Bilder, die flirren und vibrieren.

Die „Arbeiten“ von Hartwig Bischof tragen Titel. Nicht einfach durchnummerierte Ordnungstitel oder knappe Themen- und Ortsbezeichnungen. Sondern lange, poetische und zugleich rätselhafte Sätze: „Die unerträgliche Leichtigkeit des Scheins“, „Hochsommergrazien, verpackt“, „In den Juwelenfahnenhimmeln“ usw. Seine Arbeiten können ohne Titel bestehen, doch ergeben die Titel durchaus eine weitere Webstelle.
Verwoben sind das bildnerische und sprachliche Denken,
das Denken in Bildern und Begriffen, verwoben sind die Assoziationsketten.
Zugleich findet durch die Sprache eine weitere Bildervervielfältigung statt. Die durch den Klang der Worte entstehenden Bilder werden in das gegebene Bild mitgenommen. So werden die sprachlichen Parallelerfindungen selbst zum Bild.

Scheinbar so leicht und schön sind diese „Arbeiten“, „musterhafte Bildteppiche“, die subtile Visualität mit theoretischen Ansprüchen und feiner Ironie verbinden. Und wie immer bei der Betrachtung von Kunst, bleibt die Intensität der Auseinandersetzung jedem selbst überlassen.

  • Text und Raum, Weben und Wirken

    Diese Begriffe sind meine Arbeit, meine Sehnsucht, mein Zuhause, mein Weg, meine Gestaltungsmöglichkeit, meine Begabung, meine Herausforderung.