Linde Waber

Vegetativ auch das Archiv

„Waber vegetativ“ der von Bodo Hell erdachte Ausstellungstitel ist mittlerweile ein Schlagwort für Linde Wabers Kunst geworden, das ihr Arbeitsprinzip der intuitiven Herangehensweise und ihre ganz eigene vegetativ-dynamische Formensprache beschreibt. Ihre Bilder und Zeichnungen stellen das organische Wachsen dar, und die Veränderungen in der Natur. Die Vegetation, wild emporsprießend, blühend, wachsend, alles Fremde assimilierend, scheint den vorgegebenen Rahmen des Bildformates zu sprengen, wuchert über den Rahmen hinaus. Sie hält fest, was sie sozusagen „anspringt“, ein bestimmter Punkt, ein Lichtfleck, ein Fabfleck, ein Blatt, … von dem aus sie das Bild entwickelt.

„Vegetativ“, ein Begriff, der auch auf ihr Atelier, ihr Archiv zutrifft. Die abgelegten Blätter sprengen den Rahmen einer alphabetischen Ordnung und die Ordner selbst, die Einladungen zu Ausstellungen wachsen über die Schachteln hinaus, Bleistifte, Pinsel, Tuschfedern, Buntstifte, Filzstifte (vor allem die dicken roten, Linde-Waber-Rot) füllen mehr als eine Schale, die vielen, oft persönlich gewidmeten Bücher, finden keinen Platz mehr in den Regalen, Wände und Decke der Küche sind tapeziert mit Ausstellungsplakaten eigener Ausstellungen, in der Atelier-Wohnung hängen die Bilder von Künstler-Freunden und Kollegen Rahmen an Rahmen, auch an der Decke ist kein freier Platz mehr. Linde Waber ist eine Sammlerin „Leere“ und „Ruhe“ sind ihr fremd, entsprechen nicht ihrem Wesen, nicht ihrem Lebens- und Arbeitsprinzip. Sie lebt und arbeitet aus der Fülle, aus der Intensität, und diese Lebendigkeit überträgt sich auf ihren Umraum.

Die Dinge bekommen ein Eigenleben, treten miteinander in Beziehung, erklären und ergänzen einander, erzählen eigene Geschichten – Archivgeschichten. Eine Verbindung entsteht zwischen den Atelierzeichnungen, den Büchern und Katalogen in Lindes Bibliothek, ihrer Kunstsammlung, den Tageszeichnungen und den Ordnern mit abgelegten Briefen, Texten, Fotos, Projekten, Listen, Rechnungen, gesammelten Zeitungsausschnitten, Einladungen. Schlagworte umreißen Lebensthemen, Interessen, Freunde, auch aus den Ordnern „abgeschlossene Projekte“ kann jederzeit etwas Neues entstehen, Zetteln, mit Klebeband auf Türstöcke, Türen, Regale geklebt sind wichtig und dürfen keinesfalls weggeworfen werden. Sichtbar wird das Beziehungsgeflecht, aus dem heraus Linde lebt und arbeitet.

Lebens- und Werklauf sind eng verwoben bei Linde Waber. Der Dichter Rainer Pichler nennt Linde Wabers Blätter folgerichtig „die Landkarten ihres Lebens“. Die Inspiration, das Werk kommt aus ihrem ganzen Leben. So erstaunt es nicht, dass sie ihre Dachbodenwohnung ihrer Tochter mit Familie überlässt und mit weiteren Büchern, Möbeln, Bildern, Teppichen in ihr Atelier übersiedelt und diese Atelier-Wohnung sich füllt und zuwächst.

Allein der große Tisch in ihrem Atelier wird immer wieder ganz leer geräumt, für kurze Zeit, um dann üppig gedeckt zu werden mit Wein, Brot, Käse aus Frankreich, Blutwurst aus dem Waldviertel, Gemüse und den berühmten Beeren aus Lindes Garten. Zehn bunt gemischte und teilweise bemahlte Sessel stehen um den Tisch, es finden aber auch weit mehr Menschen Platz, wenn es darum geht, ein neues Buch zu konzipieren, eine Ausstellung, eine Idee, einen Traum zu verwirklichen. Viele der Tageszeichnungen verweisen auf solche Zusammenkünfte. Linde Waber ist eine Sammlerin der Augenblicke Linde Waber ist eine Sammlerin der Augenblicke, von Kairos, dem griechischen Gott der günstigen Gelegenheit, des rechten Augenblicks beflügelt, führt sie Menschen und Ideen zusammen.

Sie weiß allerdings auch um die Vergänglichkeit des Lebens und der Dinge, um die Ambivalenz zwischen Aufbewahren und Wegwerfen, zwischen Festhalten und Loslassen. Auf ihrem „Tageszeichnungsplatz“ (seit mehr als 18 Jahren macht Linde Waber jeden Tag eine Tageszeichnung auf Japanpapier, 35 x 35 cm. 365 Blätter im Jahr, über 6000 Blätter in 18 Jahren, locker gestapelt etwa 10 cm pro Jahr, archiviert in quadratischen Kartons) wächst ein Sammelsurium aus sozialen Kontakten, Begegnungen, Gesprächen, Erinnerungen, Arbeit in Form von Notizen, flüchtigen Worten und Zeichnungen auf Servietten, Einladungen, Briefe, Fotos, Ausgeschnittenes, Gewidmetes, … – das in die Tageszeichnungen eingearbeitet wird. Vieles, das in der Ordnung des Archivs keinen Platz findet, wird hier aufbewahrt. Dieses Projekt der Tageszeichnungen ergibt ein Künstlerarchiv der besonderen Art, das unzählige Geschichten und Betrachtungsweisen ermöglicht.

Glückliche Augenblicke hält sie fest, mit ihrer Kunst, auf den Tageszeichnungen, auf den Fotos, die überall im Atelier hängen. Schwierige, dichte Augenblicke hält sie auf ihrem „Lebenstuch“ fest. Immer wieder spricht Linde von der engen Verbindung, die zwischen ihr und ihren Umräumen entsteht. Diese Verbindung ist in ihrer Atelier-Wohnung so spürbar, die Räume haben etwas unglaublich Lebendiges, Wild-Wucherndes.

  • Text und Raum, Weben und Wirken

    Diese Begriffe sind meine Arbeit, meine Sehnsucht, mein Zuhause, mein Weg, meine Gestaltungsmöglichkeit, meine Begabung, meine Herausforderung.