Wiedner Wege

Das langsame Hineinwachsen in die Stadt, so ein Gefühl, in der Stadt zu Hause zu sein, beginnt früh – in einem Hof im 4. Bezirk, unter einem Kastanienbaum an der Klopfstange hängend, kopfüber schaukelnd, bis das Kastaniengrün, das Häusergrau und das Himmelblau verschmelzen und die Welt sich dreht.

Erste Wege, alleine gegangen, führen über die efeubewachsene Mauer hinüber in den Nachbargarten, in die Trafik an der Ecke (Wunderwelten zwischen Blättern), zur Greisslerei (Pezfiguren die Sehnsuchtsobjekte unter all den Lebensmitteln). Ein Geflecht von Wegen entfaltet sich, meine Wien-Topographie. Topographie, topos, der Ort, graféin, schreiben, zeichnen. Ortsbegehungen, Ortsbeschreibungen. Schritt für Schritt erschließt sich die Stadt. Einkaufswege, Schulwege, Freundinnenwege, Umwege, – ein mäandrieren in immer größeren Kreisen, Raum der sich sich mit Wahrnehmungen, Erlebnissen, Begegnungen und Geschichten füllt. „Denn woraus besteht eine Stadt? Aus allem, was in ihr gesagt, geträumt, zerstört, geschehen ist. Aus dem Geplanten, dem Verschwundenen, dem Geträumten, das nie verwirklicht wurde“, (Cees Nooteboom, Die Dame mit dem Einhorn, Europäische Reisen, Suhrkamp, 2000)

Heute, fast 45 Jahre später, sind die meisten Wege im Bezirk Erinnerungswege. Viele Orte sind verschwunden, andere sind noch zu entdecken, das Textgewebe der Stadt ist weiterzuspinnen. Die Trafik und Greißlerei wurden zu einer Sprachschule und einem Übersetzungsbüro, das Handarbeitsgeschäft steht leer.

Der Südbahnhof wurde zum Hauptbahnhof, die Sehnsucht bleibt, – nach dem Geräusch der beiden blinkenden Augen, die in der Bahnhofshalle hingen (die Computerinstallation „ein Augenblick Zeit“ von Kurt Hofstetter), nach den Nachtzüge Richtung Triest, Rom, Venedig (Treffpunkt beim Löwen), nach den vielen kleinen Geschäfte (am Sonntag offen, wenn Milch oder Brot gebraucht wurden, oder Blumen für die Großmütter), nach dem Bahnhofsrestaurant „Rosenkavalier“ (in dem Friederike Mayröcker und Ernst Jandl gerne gesessen sind, um in der eigenen Stadt wie auf Reisen zu leben), nach dem Süden und dem Osten, der dort begonnen hat.

Auszug aus  einem Text für „Wien – Sehenswürdigkeiten, Kultur, Szene, Umland, Reiseinfos“, Uwe Mauch, Trescher Verlag, 2. Auflage 2017

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  • Text und Raum, Weben und Wirken

    Diese Begriffe sind meine Arbeit, meine Sehnsucht, mein Zuhause, mein Weg, meine Gestaltungsmöglichkeit, meine Begabung, meine Herausforderung.