(W)ORTE – Textsequenzen

20.5.2015, Wienzeile,

Ansichtskarten schreiben, und Wienzeilen.
Die Blumen wachsen das Majolikahaus hinauf.
Ungehört die Ruferinnen.
Im Nachbarhaus konnte Otto Wagner in einer Badewanne
aus Glas liegen. Gläserne Bodenplatten hatten die Balkone
des Plecnik-Hauses in der Steggasse.
Geträumte Blicke in den Fluss.

16.5.2015, Ruprechtskirche, 1010 Wien

Manche bleiben für eine Weile, andere drehen nur eine schnelle Runde.
Manche schauen, manche fotografieren,
manche lesen, manche suchen,
manche besprechen was sie sehen.

Andere sind laut, ohne ein Wort zu sagen.
Manche füllen den Raum.

Manche werden still.

17.5.2015, Chocolaterie Fruth, Wiedner Hauptstraße, 1040 Wien

Wir bekommen bitte zwei Herzen.
Die sind leider nicht mehr frisch.

26.6.2015, Innenhof Domgasse 2, 1010 Wien

Über mir der gerahmte Himmel wie ein Bild.
Das Blau in den Fenstern gespiegelt, bis in den
ersten Stock herunter.

Sommerlich blaue Langsamkeit breitet sich aus.

15.7.2015, Radlager, Operngasse, 1040 Wien

Orange-gelb gestreifte Markise gespiegelt im Wasserglas,
im Raum stehende Luft, rinnende Tropfen von der Brust
bis zum Nabel, nicht sichtbar auf dem schwarzen Kleid,
zu heiß für diesen Tag, wie der Espresso in der weißen Tasse.
Im Kopf dreht sich die im Vorbeifahren gehörte Liedzeile

36 Grad und es wird noch heißer … beunruhigende Wahrheit
an diesem Tag.

13.9.2015, Bildhauerhaus, St. Margarethen, Burgenland

Ich frage mich, ob die Erinnerungen rund um diesen Ort
nicht immer mehr zu Innerungen einiger weniger werden?

Innerungen, die dann auf unterschiedliche Weise ihre
Äusserungen suchen.

Ich frage mich, wie lange Worte Orte fortsetzen können.

7.11.2015, Unteres Belvedere, Ausstellung Hans Bischoffshausen

6 Zeilen mit Leere
eine Aktion der Stille

Gedicht ohne Text
Musik ohne Klang

Finde ich mich
in handgemachten Blattrissen
in handgerissenen Papierräumen

Mein Handauge sieht blind.

10.11.2015, Draschepark

Fliegende Blätter um mich und das Gefühl,
ich bin auf der falschen Seite gelandet …

… lieber ein unbeschriebenes Blatt sein,
und mich weniger verzetteln.

17.1.2016, Draschepark

„Der Mond ist ganz klein“, sagt ein Bub,
und macht mit seinen Händen einen Raum.

25.2.2016, Café Menta, Radetzkyplatz

Wie auf Reisen leben, Kaffee trinken und schreiben,
abtauchen in meine Worte und wieder auftauchen.
Für Augenblicke das Gefühl, ganz woanders zu sein.
„Ich kann nicht alle komplizierten Leute aus dem 2. Bezirk nehmen“,
höre ich eine Frau sagen und bin schon wieder in Wien.
Vor den großen Fenstern kurven die Straßen und Bahnen hin und her.
Auch kein unbeschriebenes Blatt, dieser Platz in der Nähe des Wassers.
Wie die meisten Orte in Wien, denke ich. Und möchte schon wieder abtauchen.
„Nichts ist für die Ewigkeit“, sagt gerade die Frau am Nebentisch.

1.5.2016, Schloss Puchberg

Die Blüten fliegen.
Der Raps leuchtet.
Das Grün umgibt.
Das Blatt fängt auf.

17.9.2016, Rüdigerhof

Das Paar am Nebentisch

Er starrt in die Zeitung, sie abwechseln in die Luft und auf ihre Nägel.
Er wechselt die Zeitung, sie die Blickrichtung.
Ein fahriger Blick in den Spiegel, dann wieder in die Luft.
Er schaut nicht auf, sie wieder auf die Nägel.
Über ihnen leuchtet Trink Coca-Cola, erfrisch dich hier und jetzt.
Im Windfang fragt ein Filmplakat Was hat uns bloß so ruiniert?

11.10.2016, 1090 Wien

Im herbstlichen Liechtensteinpark
fallen sanft die Blätter,
spiegelt sich das Schloss im Teich,
verblühen die Rosen,
küssen sich Liebespaare,
schaukeln Mütter Babies in den Schlaf,
werden die Platanen alt.

17.01.2017, 1010 Wien, Literaturmuseum (Montage)

Ein Zimmerpanorama
das  richtige Himmelblau
nun dann vielleicht eine Schneehalde
die Ferien sind alle
ein bisschen Sachertorte
stückweise eingesammelt
das Glück beim Händewaschen
dass sich alles verflüssigt

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    Diese Begriffe sind meine Arbeit, meine Sehnsucht, mein Zuhause, mein Weg, meine Gestaltungsmöglichkeit, meine Begabung, meine Herausforderung.