Kleine Sperlgasse, 1020 Wien

 

Zum Tempelhüpfen braucht es nur einen kleinen Platz auf einer asphaltierten Fläche, wie hier vor der Schule, und eine Kreide zum Aufmalen des Tempels. Dieses alte Kinderspiel wird auch Paradieshüpfen oder Himmel und Hölle genannt.

Die Mitspieler hüpfen auf einem Bein nach ausgemachten Regeln durch das Spielfeld in den Himmel und wieder zurück zur Erde. Die Hölle ist grundsätzlich zu überspringen.

Was hier zwischen 1938 und 1945 nicht möglich war.

Weiß-rosa Blüten und Sonnenflecken auf dem Asphalt. Ich setzte mich auf die Mauer unter dem Kastanienbaum. Es riecht nach Brot und Frühling. Die Kastanienblätter, schon entfaltet und satt grün, setzen sich als steinernes Fries auf der Hausfassade gegenüber fort. Ich erinnere mich an die unzähligen „Indianerfedern“, die wir früher aus Kastanienblättern gemacht und und an den Kopf gebunden haben. Im Schulhof spielen Kinder, ich höre ihr Lachen und Wortfetzen.

„Ene mene muh und raus bist du!“

Immer wieder schaue ich auf den gusseisernen Balkon im dritten Stock des Gründerzeithauses genau gegenüber der Schule, genau gegenüber des früheren Sammellagers. Ein Tisch, zwei Sessel, ein paar Pflanzen. Ein schöner Platz, um einen Kaffee zu trinken, oder am Abend ein Glas Wein.

Gebetsmühlenartig kreisen die Fragen in meinem Kopf: Wer ist dort in jenen Jahren gestanden? Wer hat was gesehen und später vielleicht behauptet, von nichts zu wissen? Wer hat was gesehen und sich ohnmächtig und hilflos gefühlt? Wer hat was gesehen und engagiert gehandelt?

Ein koscherer Supermarkt hat hier sein Lager. Kisten mit Olivenöl stapeln sich hinter der Milchglasscheibe. An einer Hauswand steht mit schwarz geschrieben „Lehrer sind blöd“. Auf dem Boden unter der Gedenktafel, die an das jüdische Sammellager erinnert, liegt eine vertrocknete weiße Rose. Ein Ball fliegt über das Gitter.

„Raus bist du noch lange nicht, musst erst sagen wie alt du bist.“ 

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Ein Kommentar

  1. Barbara Rauchwarter
    Erstellt am 3. Mai 2016 um 17:06 | Permanent-Link

    Danke für diesen behutsamen, ein-drücklichen Text.

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