Text von Henriette Leinfellner und Javier Pérez Gil zur Eröffnung der Ausstellung Operation Collage in der Künstlerhaus Factory
Wie kommt eine Collage zustande?
Was tut man eigentlich, wenn man eine Collage begeht?
Wie fängt das an und was ist der Beweggrund, eine solche Tat durchzuführen?
Welche Nebenwirkungen verursacht eine Collage?
Während der Visualisierung einer Idee ist man bereits auf der Suche nach dem oder den anderen Elementen, die mit dem schon vorhandenen interagieren könnten, entweder als destabilisierende Agenten oder als Störenfriede. Wenn beide – das erste und das zweite – aufeinanderprallen entsteht eine gedankliche Bewegung, ein bezeichnender Bruch.
Dieser Bruch eröffnet eine Sequenz von Dekontextualisierung und Rekontextualisierung, die das Erscheinen von etwas Anderem ermöglicht; Etwas Anderem, das autonom und den Bedeutungsträgern der ursprünglichen Komponenten bereits fremd ist. Es handelt sich also um eine semiotische Kollision innerhalb einer mentalen Operation, einen Eingriff in die Sprache und in der Sprache, sei es die visuelle oder die linguistische.
Um die durchschnittliche Geschwindigkeit zu berechnen, mit der dieser Angriff erfolgt, gilt eine einfache mathematische Formel: Wenn man darüber nachdenkt, ist es bereits geschehen.
Dieser erste virtuelle Prozess verwirklicht sich in Form einer selektiven Spurensuche im w.w.w., in gedruckten Medien, auf Flohmärkten oder wo auch immer man die Elemente für die Tat – die Collage/ Assemblage – sammelt. Das selektive Aufspüren stimuliert wiederum den Ideengenerierungsapparat, so dass es eine Rückkopplungsschleife zwischen den beiden Vorgängen gibt.
Hier gibt es jedoch keine mathematische Formel:
Manchmal findet man, was man sucht, manchmal, was man nicht sucht, und oft sind es die Dinge selbst, die einen finden.
In der finalen Phase kommen schließlich das Skalpell, die Tasten Steuerung c / Steuerung v, der Uhu-Stick oder auch andere Instrumente, Geräte oder Werkzeuge zum Einsatz. Hier werden nur die physischen Elemente, aus denen sich das endgültige Werk zusammensetzt, fixiert; nicht aber die Knoten, die Abschweifungen, die sprachlichen Widersprüche oder die Synchronitäten, die die Elemente verknüpfen. All diese Verknüpfungen werden in einem instabilen, vorläufigen, virtuellen Chaos aufrechterhalten.
Vierte Frage: Welche Nebenwirkungen verursacht eine Collage?
Nur der Betrachter ist in der Lage, all diese chaotische Materie wieder zu stabilisieren oder sich in dieses begriffliche Gewirr hineinzuwagen, um neue Zusammenhänge zu finden.
Diese Ausstellung wurde nicht als eine Ausstellung verschiedener Positionen konzipiert, sondern als eine Collage selbst; eigentlich als eine Collage aus Collagen, bei der jedes Werk mit den anderen in der Sprache der Collage interagieren soll.
Als Gebrauchsanweisung hier dennoch ein kurzer Kommentar zu den TeilnehmerInnen:
In den Gedanken einer Amazone, einer Serie von Wilfried Gerstel, wird „Wonder Woman“, die erste weibliche Komikheldin, in Bildzitate diverser historischer Gemälde eingebunden. Von ihrem Goldlasso berührt, ist kein Mensch mehr imstande, unaufrichtig zu sein. Jeder muss die Wahrheit sagen. In der Verschränkung dieser unterschiedlichen Bilderwelten eröffnen sich neue Sichtweisen. Die konfrontative Koppelung der zitierten Werke der Kunstgeschichte bietet Assoziationsraum für aktuelle und zeitlose Interpretationsmöglichkeiten, wie auch einen neuen Blick auf die Rolle der Comic-Heldin als Frau in der Gesellschaft.
Die Stadt als Collage ist das Leitmotiv der Arbeiten von Brigitta Höpler Es geht ihr um eine „Poetologie“ der Alltagsbeobachtung. Auf ihren Streifzügen durch den urbanen Raum trifft sie auf Situationen, die sie intuitiv berühren, und, die sie im Moment fotografisch festhält. In weiterer Folge wird die Fotografie mit Textzitaten und Bildausschnitten in einem Spiegelspiel kombiniert. Das Visuelle der Sprache und die Sprache des Visuellen gehen eine Symbiose ein, die uns BetrachterInnen einlädt, die unterschiedlichen Räume im Bild zu interpretieren und assoziativ aufzuladen.
Henriette Leinfellners Werk Palimpsest, bei dem das Licht die verschiedenen Schichten der Collage transparent macht, lässt sich als stratigrafische Topografie beschreiben; der Titel wird hier zum Programm. Die Serie kleinformatiger Collagen und die Serie E –Druckgrafik und Collage– von Henriette Leinfellner und Javier Pérez Gil, die als Divertimento begonnen wurden, kristallisierten sich im Lauf der Zeit zu mehrjährigen gemeinsamen Projekten, die zwei Hauptprämissen folgten: Austausch und Experiment; und einer einzigen Regel: Keine Regeln.
Wie in einem anatomischen Theater seziert Javier Pérez Gil in der Serie Summa – einem transversalen und anachronistischen Kompendium – verschiedene Charaktere und Themen aus Kunst, Kultur und Wissenschaft. In Yuri Gagarin folgt er auf poetische Weise den Lebensspuren des berühmten sowjetischen Kosmonauten und seinen merkwürdigen Reisegefährten: des Konstrukteurs Rodtschenko, der Muse Brik und des Futuristen Majakowski.
Herbert Starek nimmt uns mit auf eine faszinierende Reise in die Gedankenwelt von Amadeus Cavori. Der in Lugano ansässige Universalgelehrte, ein erklärter Surrealist, unermüdlicher Jäger literarischer Zitate und Poet der kleinen Dinge hat die ganze Welt bereist, ohne seine Heimat zu verlassen. Wie ein zeitgenössischer Marco Polo hat er Dinge erlebt und gesehen, die wir kaum glauben können. Manche setzen ihn auch gleich mit Raymundus Lullius, dem Erbauer der Ars Magna, der Maschine, die jeden denkbaren Gedanken wiedergeben kann.
Robert Svoboda konfrontiert uns in seinen Assemblagen – Miniaturinstallationen und Stillleben – erschütternd, gleichzeitig berührend – durch humorvolle Einblicke mit todernsten Themen. Probleme, Katastrophen, soziale, kulturelle und politische Fragen, aktuelle oder vergangene, alles wird in einer Zigarrenkiste oder auf einem kleinen Altar gleich dem Modell eines Bühnenbildes inszeniert.
Henriette Leinfellner, Javier Pérez Gil

Stadtcollagen Brigitta Höpler


Blick in die Ausstellung
