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Wenn aus Orten Räume werden. Zum Beispiel der Kulturbahnhof Altenmarkt

Immer wieder frage ich mich, wie – abseits physikalischer Gesetzmäßigkeiten – Raum entsteht. Immer wieder finde ich Räume, wo das gelungen ist. Immer wieder suche ich diese atmosphärischen Raumfaktoren aufzuspüren und zu benennen.

Die Gedanken anderer helfen beim Denken, wie überhaupt Kunst, Literatur und Musik in meinem Leben immer wieder Hilfe sind.

Michel de Certeau denkt, dass „Raum ein Geflecht von beweglichen Elementen ist, ein Resultat von Aktivitäten, die ihn mit einer Geschichte verbinden. Dass der Raum insgesamt ein Ort ist, an dem man etwas macht.“

Gustav Schörghofer lädt ein, „die Erde als einen Ort der Rast zu gestalten. Mit Musik, mit Kunst, mit Dichtung. Mit Essen und Trinken. Mit Gespräch. Mit Aufmerksamkeit. Mit Demut. Mit Vertrauen. Mit Wissen. Mit Können“.

Ianinina Ilitcheva schreibt, „dass sich so vieles bewegen kann, wenn man sich austauscht, wenn man Gemeinsamkeiten findet, wenn man Diskussionen führen kann, die Anregen zu denken, zu fühlen, auf neue Ideen zu stoßen.“

Das alles sind für mich raumbildende Faktoren, die etwas verändern, etwas bewirken. Menschen, die einen Ort gestalten, die etwas miteinander machen, die andere dazu einladen. Menschen, die mit Orten Möglichkeiten eröffnen, für Gespräche und Begegnungen – mit sich selbst, mit anderen, mit Kunst, mit Musik, mit Literatur. Mit Poesie im mehrfachen Wortsinn: der poetische, magische Augenblick. Und der griechische Wortursprung, poiesis, etwas erschaffen.

So einen Möglichkeitsraum haben Daniela und Matthias Schorn mit dem aufgelassenen Bahnhof Altenmarkt-Thenneberg entdeckt und gestaltet. Ein Ort, der für sie „eine Energie des Begegnens und des Haltmachens“ hat.

Der Kaffee im umgebauten Schienenbus ist stark und köstlich. Die Scheiben sind beschlagen, es lässt sich ein Herz malen. Der Wein kommt aus der Familie. Das Bier aus einem der Nachbarorte. Die Musiker und Musikerinnen kommen aus allen Richtungen. Die Musik berührt in der verdichteten Atmosphäre des ehemaligen Warteraums den ganzen Körper.

So werden aus Orten Räume, von denen es nicht genug geben kann!

 

Michel de Certeau, Kunst des Handelns, aus dem Französischen von Ronald Vouillié, Merve Verlag Berlin 1988
Gustav Schörghofer, Drei im Blau, Residenz Verlag, Salzburg 2013
Ianina Ilitcheva, 183 Tage, Kremayr & Scheriau, Wien 2015

 

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Abfallendes aufgelesen – zum Stadtschreiben 2019

Was aus unserem Leben so abfällt: Dinge, die wir nicht mehr brauchen, nicht mehr schätzen, die zu Ende verwendet sind, für die wir nicht mehr sorgen (wollen, können) – wir entsorgen sie.
Gibt es Zwischenstationen im Entsorgen?
Wird Abfallendes zwingend zu Abfall, also zu Müll?
Wohin kommen die abfallenden Dinge?
Es gibt Orte, wie CARLA, das Caritaslager am Mittersteig, oder die 48er Tandler an verschiedenen Plätzen in der Stadt.
Umschlagplätze der Dinge, der Erinnerungen und Geschichten.
Gut erhaltene Altwaren vom Mistplatz, nicht abgeholte Sachen vom Fundservice, nicht mehr gebrauchte Gegenstände der Stadt Wien finden in der großen Halle im 5. Bezirk in neuen Arrangements zusammen.
Sie lassen sich suchen, auflesen, lesen. Jeder Gegenstand hat seine innewohnende Geschichte, kann die Fantasie beflügeln, kann Schreibanlass sein.

Ausrangierte Schriften in der Stadt, von aufgelassenen Geschäften und Betrieben, wo landen sie?
In einem Müllcontainer aufgelesene Buchstaben waren jedenfalls der Beginn des Vereins Stadtschrift, mit dem Anliegen, die Buchstaben und die Handschrift der Stadt zu retten.
Sie werden im Textgewebe der Stadt nur verschoben, von ihren ursprünglichen Orten auf Feuermauern, die ohnehin wie ein leeres Blatt Papier bereit sind, bemalt oder beschrieben zu werden.
Textfortsetzungen finden sich dann auf dem je eigenen weißen Blatt beim Stadtschreiben.

Natalie Deewan arbeitet als Schrift-hin-und-her-Stellerin in Wien und betreibt angewandte Literatur, unter anderem auch mit ausgedienten Geschäfts- und Reklameaufschriften. Aus den vorhandenen Buchstaben entstehen durch annagramatische Umstellung ganz eigene poetische Handlungsanweisungen. Auch eine Art, Abfallendes neu zu lesen.

Um eine Stadt gut zu bewohnen, braucht es Sitzplätze und Bücherschränke im öffentlichen Raum.
So eine Art „rund-um-die-Uhr-Freiluftbücherei“ für unkomplizierten literarischen Austausch.
Auflesen und Weiterschreiben lautet die Devise für’s Stadtschreiben!

Dinge aller Art bei den 48er Tandlern, 1050 Wien, 10. Mai 2019
Schriftzüge an der Feuermauer, 1060 Wien, 14. Juni 2019
Anagramme rund um den Meidlinger Markt, 1120 Wien, 5. Juli 2019
Bücher am Margarethenplatz, 1050 Wien, 13. September 2019

 

 

 

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Trnava

Ich sitze neben der Kirche des heiligen Michael.
Die Glocken läuten.
Die Sonne wärmt.
Ich warte auf Thomas.
Die Krokusse blühen,
erinnern mich an meinen Kindheitsgarten.
Meine Hüfte tut weh.
Das Licht ist milchig.
Die Glocken läuten noch immer.
Ich weiß nicht, ob die Säule vor mir
eine Pest,- Dreifaltigkeits- oder sonstige Säule ist.
Wozu haben wir dich Kunstgeschichte studieren lassen?
Ich erkenne keine Heiligen.
Wahrscheinlich interessieren sie mich zu wenig.
Einer hält eine goldene Lilie in den Himmel.
Die Mülltonnen sind blau.
Worte auf Papier geben mir sofort ein Dach über dem Kopf.
Ich freue mich auf Thomas,
In der Kirche wird gebetet,
in der ehemaligen Synagoge Kaffee getrunken.
Die Menschen gehen ihre Wege.
Nach sieben Stunden in dieser Stadt habe ich auch meine Wege,
von der Mitte an die Ränder.
Der Tag dehnt sich aus.
Langsam wird es kalt.
Ich bin hier und alles ist jetzt.
Gedanken an Edith Eva Eger und Kosice.
Thomas kommt.

 

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Worte finden

Worte finden für das, was ich erlebt, erfahren, gefühlt, gedacht habe,
was ich gesehen, gerochen, geschmeckt, gehört habe.
Worte finden für das, was mich beschäftigt, mich freut, mich ängstigt,
tröstet, aufregt, beruhigt, langweilt, mir Herzklopfen macht.

Worte finden für die Menschen in meinem Leben.
Worte finden für die Orte an denen ich war, die Behausungen, die ich bewohnt habe,
die Landschaften, die ich durchstreift habe, die Städte, in denen ich flaniert bin,
die Kleidung, die ich getragen, Texte die ich gelesen, Musik, die ich gehört habe,
Dinge, die ich brauche, die mich erfreuen, die mich belasten.

Auf dem Blatt Papier unterschiedliche Formen für meine Erlebnisse,
Gedanken, Gefühle, Erinnerungsfragmente finden.

Worte finden – benennen, klären, ordnen, in neue Zusammenhänge stellen.
Für meine Eindrücke einen Ausdruck finden.
Worte finden, um loszulassen, festzuhalten, fortzusetzen.

„Worte finden – Möglichkeiten des autobiografischen Schreibens“
Schreibworkshop in Kooperation mit linchpin
Dienstag, 6. November 2018,
14 – 20 Uhr, 1040 Wien

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Herbstwärts

Bei Sturm und Schmalzbrot, die Septembersonne im Gesicht, fühle ich mich aus der vergehenden Zeit gefallen.
Im Lusthauswasser spiegeln sich die leicht verfärbten Bäume so wie letzten Herbst, und vorletzten und vorvorletzen und so weiter.

„Alle sechs Flaschen Sturm sind explodiert“ erzählt die Frau am Nebentisch.
Ein wenig „durch den Sturm sein“ und weiter die Zeit anhalten wollen. In den Reiseskizzen von Andrej Stasiuk lesen: „denn ich begann zu begreifen, dass wir im Leben nichts bekommen als das, was wir schon haben.“

Erinnerungen ziehen durch meinen Kopf. Spätsommerübergänge. Herbstwärts.
In diesen Tagen wird die Wehmut körperlich.

Drei ältere Frauen am Tisch in der Ecke, blond übertünchte Haare, einen Hund am Schoß. „Mimi frisst alles außer mürbe Kipferl.“

Wenn ich jetzt aufstehe und gehe, ist die Zeit vergangen.

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barock bewegt

Wenn ich durch Städte flaniere, gehe ich üblicherweise in Kirchen. Vielleicht ein Kunsthistorikerinnen-Reflex, mehr aber die Sehnsucht nach Stille, nach Unterbrechung. Kirchen sind für mich Refugien. Dort bin ich ungestört, kann fraglos einfach da sein.

Die Barockkirchen lasse ich auf meinen Wegen allerdings weitgehend aus. Zu viel Prunk, zu viel Gold, zu viel Schein. Zu viel katholisch-kaiserliche Machtdemonstration, göttliche und weltliche Hierarchie, zu viel Gegenreformation und Jenseits-Vertröstungen.

Hätte ich vorher einen Reiseführer gelesen, wüsste ich, dass Bra eine kleine piemontesische Barockstadt mit vielen Kirchen ist. Die Kirchen habe ich durch ihre Türme schnell wahrgenommen, die Suche nach einer romanischen oder gotischen hätte ich mir ersparen können …

Allerdings hatte ich ohnehin nichts anderes zu tun als zu flanieren, zu schauen, zu entdecken, zu denken, zu träumen, zu erinnern, Espresso zu trinken, zu schreiben, zu lesen. Und in Kirchen zu sitzen.

Die erste Kirche hat mich noch ein wenig bedrückt, bis mir aufgefallen ist, dass gedrehte Marmorsäulen die Schwere aufheben. In der nächsten Kirche dachte ich, dass große Gesten immer auch große Emotionen ausdrücken, – nicht immer ist alles rational erklärbar. In Santa Chiara schließlich habe ich sicher eine Stunde verbracht.

Der Raum hat etwas sanft Schwingendes, etwas Helles, Heiteres. Täuschend echt gemalte Scheinarchitektur, Verschmelzung von Malerei, Plastik und Architektur, lichtdurchflutete Grenzaufhebungen. Bewegte Linien, die in Spiralen enden. Goldene Flügel heben die Schwerkraft auf. Überbordende Fülle und Sinnlichkeit. Beinahe körperlich erfahrene Raumbewegungen. Nach und nach fühle ich mich, als hätte ich mitten am Tag ein Glas Barolo auf leeren Magen getrunken …

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Viktor Adler Markt, 1100 Wien

Hellblaue Bademäntel hängen zwischen gemusterten Haushaltsschürzen, falschen Leder- und verzierten Jeansjacken.

Ein Kilogramm Kuheuter kostet zwei Euro, das Kopffleisch vier Euro. Einer will einen Pansen, der andere nimmt lieber ein Herz.

Aus Liebe zur Tradition, alarmgesichert und videoüberwacht. Personalalarm und Panikalarm sind heute im Angebot (mit drei Rufzeichen) und kosten nur zwölf Euro. Auch der österreichische Jungwein wird kontrolliert und steirische Hühner sind pipifein.

Für Qualität und Frische bürgen die Kaufleute des Viktor Adler Markts während Plakate zur Demonstration gegen Überwachung und Kontrolle aufrufen und Freiheit für Aaron und Balu fordern.

Safran macht den Kuchen gelb, Henna färbt die Haare rot, türkische Küche schmeckt gut und am Aschermittwoch essen wir Hering.

Die Zeit der besten Krapfen ist dann auch bei Ströck vorbei.

Der Fisch(t)raum serviert zum Fisch einen Traum auf weißen Stofftischtüchern und ein Glas Sekt zu drei Austern.

Faschingsschlangen und Luftballons hängen tief im Zigarettendunst, – wenig Raum, wenig Traum, viel Alkohol in Lilys Café.

Ich ziehe meine Kreise immer tiefer in die Worte, Klänge, Gerüche, Farben, Orte – Syrisches Haus, 1001 Nacht, Wurst- und Käsehütte, Mekka Halal Fleisch, Fischoase, Sushi, KebabAcht Schätze – und finde meinen Platz an einem der vier kleinen Tische in einem türkischen Lokal. Ich verbrenne mir die Zunge an schwarzem Tee und bestelle Manti, mit Faschiertem gefüllte Nudeln. Von der Unterhaltung der Wirtin mit zwei türkischen Männern verstehe ich Finanzpolizei, Bank Austria, facebook und schwarz-weiß. 

„Worüber schreiben Sie? fragt mich die Wirtin, „über die Flüchtlinge oder über die Österreicher?“

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Biografische Einschreibungen in Wiener Kaffeehäuser

Meine Biografie könnte ich – wie wahrscheinlich viele Menschen in Wien – in großen Teilen entlang von Kaffeehäusern erzählen.

Der Schriftsteller Herbert J. Wimmer entwirft im Gedicht „café gerstl“ ein Gesprächsnetz mit  Elfriede Gerstl „im café-gedicht als mindmap einer kommunikation und ihrer verteilung über die stadt der gesprächsorte mit elfriede erscheinen cafés die es noch gibt und solche die es nicht mehr gibt im stadtzeitraum von sechsunddreissig jahren.“ (Herbert J. Wimmer, Ganze Teile, Gedichte, Klever Literatur, Wien, 2010, Seite 118 – 120) Eine Auflistung vorhandener und verschwundener Cafés …

Ich weiß nicht mehr, welches mein erstes Café war, aber die stärkste Erinnerung ist an das Havelka, mit sechzehn, ein Ort, der mir schnell die Illusion von „erwachsen sein“ gab. Wie übrigens danach noch viele weitere Cafés in unterschiedlichen Lebensphasen …

Schule habe ich im Tirolerhof und Tanzschule im Bräunerhof geschwänzt. Und da gab es auch noch den Krugerhof und das Salzgries, die Cafeteria am Dach des NIG und das Café Stein, für hektisches Lernen knapp vor den Prüfungen. Im Café Eiles waren die Redaktionssitzungen des „Kunsthistoriker aktuell“, ausgedehnt waren die Abende im Café Engländer und zeitlos die Schreibvormittage im Café Heumarkt.

Mich würde nicht wundern, wenn das erste Wort meiner jüngeren Tochter „Aida“ war, – der Kaffee dort schmeckt mir nicht mehr, aber die Topfengolatschen lieben wir beide noch immer.

Oft waren Kaffeehäuser notwendig für mich, im wahrsten Sinn des Wortes: ich arbeite zu Hause und mein Schreibtisch steht in der Mitte der Wohnung, ohne dass ich eine Tür schließen könnte. Genauso wollte ich es – mitten aus meinem Leben „mit Kindern und allem“ heraus arbeiten und schreiben. Ein Blatt Papier als Raum für mich alleine war genug, ich fühlte mich unabhängig und frei von Forderungen nach „einem Zimmer für mich alleine“ (Virginia Woolf). An guten Tagen. An schlechten Tagen war das schnell ganz anders und ich bin ins Kaffeehaus geflüchtet.

Eine Zeit lang war das „Radlager“ mein Arbeits- und Wohnzimmer, jetzt schreibe ich gerne im „Tanzen anders“. Im Café Menta hat mich der französische Fotograf Alain Barbero für den Blog Café Entropy beim Schreiben und in die Luft schauen fotografiert. An und für sich werde ich gar nicht gerne fotografiert, der Nachmittag mit Alain war allerdings besonders vergnüglich, und das Projekt Café Entropy besonders inspirierend. Entstanden aus der Begegnung des französischen Fotografen Alain Barbero mit der Autorin, Schreibpädagogin und Deutschtrainerin Barbara Rieger. Alain wollte in unterschiedlichen Wiener Cafés mit Barbara Deutsch lernen. Bald verbinden sich Barbaras Begeisterung für Literatur und Alains Leidenschaft für Fotografie zum Blog „Café entropy“: Schreibende Menschen in ihrem Lieblingscafé fotografiert, kombiniert mit ortsbezogenen Texten der Porträtierten – Augenblickspoesie.

Der Blog ist übersetzt ins Englische und Französische, weitet sich aus, zieht seine Kreise und führt – unzählige Begegnungen später – zu dem Buchprojekt „Melange der Poesie – Wiener Kaffeehausmomente in Schwarzweiß“.  Melange der Poesie ist Fotografie, Literatur, Wiener Kaffeehaustopographie; ist eine Mischung, ein Streifzug, eine Erzählung: 55 Wiener Cafés, 57 Schriftsteller und Schriftstellerinnen, 110 schwarz-weiß Fotos. Das Buch verbindet Menschen, Orte und Worte.

 

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Eine Begehung, eine Beschreibung

„Die Spiele der Schritte sind
Gestaltungen von Räumen.
Sie weben die Grundstrukturen von Orten.“

(Michel de Certeaux)

Die Topographie einer Landschaft (Topos, griechisch der Ort; grefein, schreiben) ist

Beschreibung
Einschreibung
Umschreibung
Durchschreibung
Abschreibung
das in Orte eingeschriebene, eingegangene

Wege sind Gewohnheiten einer Landschaft, gemeinschaftliches, einvernehmliches Tun, – alleine einen Weg anlegen ist schwierig.
Wege sind Verbindungen zwischen Menschen, zwischen Orten.

Feldwege
Viehwege
Pilgerwege
Handelswege
Hohlwege
Kirchenwege
Schulwege
Fußwege
Gebirgswege

Wege und Geschichten entsprechen einander: sie verbinden, sie erzählen.
Text leitet sich vom lateinischen texere, verbinden, verweben, verknüpfen ab.
Wegnetze verbinden Orte, Menschen, Landschaften. Die im Gehen entstandenen Linien.
Möglicherweise kommt das englische Wort book vom germanischen bok, Buche, der Baum, in dessen glatte Rinde oft Zeichen geritzt wurden. Das englische Verb to write wurde zu einer bestimmten Zeit tatsächlich speziell für die Markierung von Wegen genutzt.

Wegzeichen
Wegstrecken
Wegkreuzung
Weggefährte
Weggefährtin
Wegbeschreibung

Gehen und Schreiben. Eine Fußbewegung. Eine Handbewegung. Eine Gedankenbewegung. Eine Gemütsbewegung. Ein Abheben des Stiftes zwischen den Worten, des Fußes zwischen den Schritten. Ein kurzes „in der Luft sein“ vor der Weiterführung, dem Weiterschreiben, dem Weitergehen.

Weiter gehen.
Das Weite suchen, das Weite finden, die Weite spüren.

Im Gehen, im Schreiben.
In der Landschaft, auf  dem Blatt Papier.
Ziehe ich meine Linien mit Schritten, mit Worten.
Lege Fährten, folge Fährten, lese Fährten.
Mache Pausen.
Die Leerräume zwischen den Worten, den Zeilen machen einen Text erst lesbar.

Im Schreiben bewege ich mich im weißen Möglichkeitsraum.
Im Gehen spüre ich festen Boden unter den Füßen.

Nachdenkwege
Erinnerungswege
Trostwege
Abwege
Umwege
Heimwege

Das Eingeschriebene, Eingegangene.

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Gehen lernen – zum Fotoprojekt MovingForward von Maria Wipplinger

„Wie geht’s dir?“ „Danke, es geht“. Vielleicht sollten wir besser antworten: „Danke, ich gehe“. Ich bewege mich vorwärts.

MOVING FORWARD nennt Maria Wipplinger ihr Fotoprojekt, begonnen im Frühling 2016, basierend auf ihren Erlebnissen des Gehens, von dem sie heute hier in der Gruppe 94 Fotos zeigt. 21 x 21 cm, auf Karton aufkaschiert, zu Serien zusammengestellt. Im Gegensatz zu ihren früheren Fotoserien mit dem i-phone aufgenommen.

Auf der Einladung hat Maria geschrieben:

„Im Frühling, Sommer, Herbst und Winter
Gehen Schneller und langsamer
Freudig und traurig
Den Atem spüren Dann ankommen.
Auf einer Wiese, in einem Wald, auf einem Gipfel, am Meer
oder auch an einem gedeckten Tisch, bei Freunden.“

Der gedeckte Tisch knüpft an frühere Fotoserien an, wie „Amici italiani“ oder Tische, an denen gegessen wurde, von oben fotografiert. Vieles, was Maria an der Fotografie interessiert, findet sich auch in diesen kleinen Fotos: Landschaften, Kontraste, Schatten, graphische Strukturen. Ihre Fotoseren entstehen aus dem Augenblick heraus, aus Reisen, Begegnungen, Erlebnissen, aus dem, was ihr zufällt. So hat sie im Frühling 2016 begonnen, ihre Füße beim Gehen zu fotografieren. Begleitet von David Whytes Gedicht LEARNING TO WALK/GEHEN LERNEN.

„dann ging ich einfach geradeaus aus dem Tor durch den Wald am Fluss entlang in Richtung der Berge und dachte an die Zukunft, die ich in der Welt schaffen könnte, wenn ich auf sie zuging. … So gehen lernen im Morgenlicht, wieder wie jetzt, werden wir unseren ersten vorsichtigen Schritt in Richtung Sterblichkeit nehmen“.

Gehen lernen – auf vielerlei Arten, aus unterschiedlichen Gründen. Aus Notwendigkeit, im wahrsten Sinn des Wortes: not-wendend. Dann, wenn einem der Boden unter den Füßen weggezogen wird, ihn nach und nach, Schritt für Schritt wieder spüren.  Gehen bringt Bewegung in eine Erstarrung, Gehbewegung bringt Gedanken- und Gemütsbewegung.

Gehen lernen – einen Fuß vor den anderen setzen. Niemand, der das nicht selbst erlebt hat, kann sich vorstellen, wie schwierig die ersten Schritte sind, nach einer Operation, nach längerer Krankheit, nach längerer Zeit im Bett. Wie viel Kraft es kostet, Mut es braucht, den ersten Schritt zu machen. Gehen können – was für ein Geschenk!

Gehen lernen – den eigenen Rhythmus finden, atmen, schauen, hören riechen. Den unterschiedlichen Untergrund spüren, in der Natur, in der Stadt. Gehen lernen ist Wahrnehmen lernen. Gehen ist ein Ausdruck unserer Lebendigkeit, ist Dasein, eine direkte Art und Weise, mich in der Welt wahrzunehmen. Ein Schritt folgt dem nächsten. Im Gehen spüre ich den Grund, der mich trägt. Im Gehen lassen sich Schwere und Traurigkeit abhängen. Den Weg gehen, weg gehen. Davon gehen.

Wege, Schritt für Schritt begangen, führen nicht nur durch eine Gegend, eine Landschaft, eine Jahreszeit, sondern auch zum Sehen, zum Fühlen, zum Da-Sein.

Gehen als eine explizite Art des Widerstands, gegen politische Verhältnisse (auf die Straße gehen), gegen persönliche, einengende Lebensumstände.

Gehen hat auch mit Rasten zu tun, mit Pausen, selbst gewählten oder erzwungenen. Die Partitur meiner Schritte braucht ihre Leerstellen, so wie die Leerstellen einen Text erst lesbar machen.

Gehen als WEITER gehen.  Im weiter gehen das Weite suchen und finden, und auch im Inneren weiter werden.  Das Gehen eröffnet Sehen, Denken und Spüren und ist mehr als Flucht und entkommen. Sich selbst kann man sowieso nicht davon gehen, so wie man seinen Schatten nicht abhängen kann.

Trotzdem vorwärts gehen. Keine kleinen weißen Steine oder Brotkrumen ausstreuen, um wie Hänsel und Gretel den Weg zurückzufinden, sondern auf der anderen Seite des Waldes herauskommen.

In den letzten Jahren wurde das Gehen auch immer mehr zum Thema in der Kunst, der britische Künstler Hamish Fulton begründete die WALKING ART: Gehen ist zentraler Bestandteil seiner Kunst, übersetzt in Fotos, Texte, Bild-Text-Collagen.

Der Land- und Walking Art Künstler Richard Long signierte seine Briefe mit einem roten Stempel, die Umrisse zweier Füße, die den Betrachter mit eingesetzten Augen ansehen. Die Landschaft sozusagen durch sehende Sohlen erfassen …

Poesie, Gedichte begleiten Maria immer wieder.  Bei ihrer ersten Fotoausstellung 2002 das Gedicht „Ithaka“ von Konstantinos Kavafis, jetzt David Whyte. Aber auch ihr Gehen ist Poesie, im ursprünglichen, griechischen Wortsinn poiesis, etwas erschaffen, schöpferisch tätig sein. In dem Sinn, dass auf ihren Wegen Neues entsteht.

 

Fotos: © Maria Wipplinger

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  • Text und Raum, Weben und Wirken

    Diese Begriffe sind meine Arbeit, meine Sehnsucht, mein Zuhause, mein Weg, meine Gestaltungsmöglichkeit, meine Begabung, meine Herausforderung.