Regen(e)Ration – Reflexions- und Schreibworkshop, gemeinsam mit Regina Hügli, One Body of Water, Haus am Urmeer, Bisamberg, Samstag, 26. April 2026
Armutskonferenz, 28./29. April 2026, Salzburg
Zwischen Kunst und mir ein Blatt Papier, Schreibworkshop im Wien Museum, in der Ausstellung Schiele Peschka – eine Familienaufstellung, 30. Mai 2026, 1040 Wien
eine Weltwahrnehmung, eine Weltteilnahme eine partizipative Kunst- und Stadtvermittlung orts- und ereignisbezogen verbindend interdisziplinär in vielfältigen Formen und Formaten
Inspirationen / Grundlagen
Der griechische Wortursprung von Poesie, poíesis, Erschaffung, schöpferisch tätig sein.
Wilhelm Genazino, Die Belebung der toten Winkel, Frankfurter Poetikvorlesung, 2006
Der Dichter teilt mit dem Kind die Offenheit seiner Weltteilnahme. Wie das Kind nimmt der Schriftsteller Kontakt mit Details und Dingen auf. Er muß in der Lage sein, mit diesen in längere Versenkungsphasen einzutauchen, auch wenn nicht klar ist, worin sich der poetische Mehrwert einer Versenkung zeigen wird. Mit einer gewissen somnambulen Sicherheit suchen Dichter und Kinder das Poetische an seinen Nistplätzen auf und eröffnen Verhältnisse der freundlichen Belauerung. In den Dingen ist Magie, in den Dichtern ist Magieerwartung.
Hans Ulrich Obrist, Kuratieren“, C.H. Beck Verlag, 2015
Die Aufgabe des Kuratierens ist es, Verbindungen zu schaffen, dafür zu sorgen, dass verschiedene Element miteinander in Berührung kommen, selbst wenn es bisweilen schwierig ist, die Wirkung solcher Gegenüberstellungen exakt nachzuzeichnen.
Kuratieren als eine Form der Kartografie, die neue Wege durch eine Stadt, eine Kultur oder Welt eröffnet.
Stadtvermittlung
Die Stadt als Collage, als Montage – ein Prozess des Aufbauens, Zusammenfügens, Kombinierens, Verflechtens – aus unterschiedlichen Zeiten, Bedürfnissen, Sehnsüchten, Funktionen, aus Geträumtem, Geplantem und Gewachsenem. Die Stadt als Palimpsest, – der ursprüngliche Text immer wieder abgeschabt, abgewaschen und neu beschriftet. Der verborgene Subtext einer Stadt.
„Alles einmal Geschehene würde Schwingungen im Äther hinterlassen und man müsste nur die Technologie erfinden, um diese wieder in Sichtbares umzuwandeln“. (Anton Philipp, Genia Loci)
Dem/der Genius/Genia Loci folgen, der besonderen Atmosphäre eines Ortes, dem Wesen eines Ortes, dem Zauber, der von einem Ort ausgeht. Durch topographische und historische Besonderheiten, durch die Geschichten, die Menschen, die mit einem Ort verbunden sind. Die „zerstäubten Reste“ im Stadtgefüge – materielle und immaterielle Bestandeile fügen sich ineinander. Die entstehenden Fugen geben der Phantasie Raum.
Diese Fugen ausleuchten, mit Informationen aus Kunst- und Stadtgeschichte, literarischen Texten, poetischen Handlungsanweisungen, Fragen, die „Belebung der toten Winkel“, das ist Poesienahversorgung.
Durchgeführte Projekte
Für den Carinthischen Sommer 2026: Poesienahversorgung – ein Raum im Kärntenmuseum Klagenfurt bei Klang.Raum.Museum Stadtspaziergang Villach.Stadt.Entdecken Poesienahversorgung to go beim Stadtfest Villach
In ihrem Langgedicht Nachwasser schenkt mir die Dichterin ein Wort. Wortmütter – die habe ich auch. Die Radiojournalistin, Filmemacherin, Reiseschriftstellerin Margit Wagner (1911 – 2003) ist eine davon.
Landschaften
Könnte das nicht auch ein Verb sein?
landschaften, – die Schichten einer Landschaft freilegen, ihre Atmosphäre ergründen; Landschaften durchstreifen; auflesen; eine Landschaft auf unterschiedliche Arten aufnehmen, übersetzen.
In Hörbilder, in Filme, in Reisebücher. Korsika, Portugal, Jura, Schottland und immer wieder Irland.
Landschaften 1
Landschaftsbücher, eine Reihe im Prestel Verlag, von den 1950er bis in die 1990er Jahre. Literarische, persönliche, essayistische Reisebeschreibungen rund um Geschichte, Kunst, Architektur, Natur. Geschrieben nach ausgiebigem landschaften der Autor:innen.
Feine Hardcover Leinenbände, mit Fotografien, Drucken, Aquarellen (von Eugen Sporer in Margit Wagners Jura Buch). Reiselektüre, nicht Reiseführer. Wie ich solche Bücher vermisse!
Margit hat drei geschrieben: 1963 Irland (zahlreiche Neuauflagen bis 1990), 1979 Schottland, 1981 Jura.
Landschaften 2
„Mein Arbeitstisch steht vor den Bergen, eine Stunde Fahrt von der Stadt entfernt. Ich atme tiefer, wenn nach der Ankunft die Autotür hinter mir zugefallen ist,“ schreibt Margit Wagner in ihrem Text „Das Austraghaus“.
Neben ihrem Bett, an der Wand, ein gewidmeter Farbholzschnitt von Detlef Willand (1935-2022), aus dem Zyklus „Der Weg – eine Pilgerreise nach Santiago de Compostela“. Ein einsamer Wanderer in weiter Landschaft, schwarz-blau-braune Hügel.
Eigenständig unterwegs, denke ich immer, wenn ich dieses Bild anschaue. So wie Margit. 1946 auf der Suche nach Arbeit beim Bayrischen Rundfunk gelandet, der damals amerikanisch war. Englisch konnte sie. Alles Weitere im Tun gelernt: erste Features Radio München besucht … , die Reihe Hörbilder – unterwegs, für die sie mehr oder weniger alleine zuständig war, von der Idee über die Organisation bis zur Produktion. In den späten 1950er wechselte sie vom Radio zum Fernsehen, vom Wort zum Bild, – der Beginn von unzähligen Reisefilmen.
Er stellte meine Füße auf weiten Raum, diese Psalmzeile begleitete Margit ein Leben lang.
Welcome back
1990 der Auftrag des Prestel Verlages, das Irland Buch zu überarbeiten, zu aktualisieren. Margit ist 79, erbittet sich Reisbegleitung und lädt Thomas und mich dazu ein. Wir sind 24 und 26, unterbrechen für ein Monat unsere Studien und verbringen mit Margit den Mai in Irland, fahren knapp 4000 Kilometer durch das Land.
„Bei unserer Fahrt auf vertrauten Wegen haben mir zahlreiche Freunde geholfen. Ich möchte allen danken. Zunächst meinen Begleitern unterwegs, Thomas, Brigitta und Peter Höpler. Der Leser wird ihnen auf den Seiten dieses Buches begegnen.“ schreibt Margit im Vorwort zur überarbeiteten 6. Auflage.
„Am Flughafen in Dublin stand unsere Leihwagen. Thomas setzte sich ans Steuer. Brigitta machte es sich hinter ihm bequem. Sie war für die Fachbücher und Broschüren zuständig. Meine Aufgabe: Notizen fürs Buch zu machen und von Ort zu Ort den Freunden nach irischer Art Geschichten zu erzählen“.
Von Margit lernten wir eine Kunst des Reisens, von ihren irischen Freund:innen was Gastfreundschaft bedeutet: Begegnungen, in denen wir Leben teilten. Das irische Mischungsverhältnis für Gin Tonic hat dazu beigetragen, dass ich das auch auf Englisch konnte.
Wortmütter 1
Unterwegs schenkte mir Margit St. Brigids cross, mehr quadratisches Sonnensymbol als Kreuz, aus Gräsern kunstvoll geflochten. Was gut zu Brigid passt, keltische Lichtgöttin und christliche Heilige, Klostergründerin in Kildare.
Lebe Licht in dunklen Zeiten, – ein lebensbegleitender Satz für Margit, wie sie in ihren Memoiren schrieb.
Wortmütter 2
Dies ist ein weiblicher Text, geschrieben im 21. Jahrhundert. Wie spät es ist. Wie viel sich verändert hat. Wie wenig. Doireann Ní Ghríofa
Im September 1996 wurde Ruth geboren. Im Oktober war die Buchmesse in Frankfurt, Irland Gastland, Margit als Ehrengast eingeladen, aus ihrem Buch zu lesen. Auf dem Plakat des Prestel Verlags ein Foto, die Reiseschriftstellerin auf dem James Joyce Tower in Dublin. Thomas hat es gemacht.
Thomas begleitete sie auch auf die Buchmesse, zur Lesung, zu den Empfängen. Eigentlich ist das meine Welt … Ich streifte währenddessen durch die herbstliche Landschaft, den Kinderwagen in der einen, eine Kastanie fest in der anderen Hand. Ich stillte mein Kind in leuchtendem Herbstlicht. Dachte an den nordirisch-britischen Schriftsteller Louis MacNeice (am 12. September 1907 in Belfast geboren): der September ist da, er gehört ihr, deren Leben stark wird im Herbst. War müde, glücklich und verwirrt in meinem neuen Leben, mit der Frage: werde ich je wieder ….??
Meine Wochen teilen sich zwischen den beiden Kräften von Milch und Text auf, Wochen die bald schon in Monate und dann in Jahre übergehen. Ich richte mir meine Leben so ein, dass ich immer wieder, wenn ich mal sitze, gleichzeitig blasse Silben aus Milch von mir gebe und selbst dunkle Nahrung aus Tinte trinke. (Doireann Ní Ghríofa)
Ich werde, zwei Jahre später, Prestel Autorin. Kollegin von Margit sozusagen. Das Leben ist ein Traum – Marc Chagall. In der Reihe Abenteuer Kunst. Nach Leonie im Belvedere mein zweites Kunstbuch für Kinder.
Mobilis
Margit sprach immer wieder davon, den Kopf zu möblieren, während sie von Wohnraum zu Wohnraum (von München nach Schmitten, von Schmitten nach Seeshaupt) ihre Habseligkeiten auslichtete, vererbte, verschenkte.
Möbel kommt von lat. mobilis, beweglich.
„Wenn man die Leute öffnen würde“, sagt die 81 jährige Agnès Varda in ihrem autobiografischen Film Les plages d‘Agnès, „würde man Landschaften finden.“
Kleine Rituale
Starker irischer Tee zum Frühstück, Toast mit Ingwer- und Orangenmarmelade. Jasmintee in dünnen, weißen Porzellanschalen am Nachmittag. In der blauen Stunde Sherry, aus kleinen Gläsern mit Goldrand.
Take care
Dieser irische Gruß hat mich immer wieder berührt, so wie die irischen Segenswünsche und die Idee des Segnens an sich.
Am Tag als meine Großmutter starb, kam mit der Post Margits Weihnachtsgeschenk, das Buch „Möge das Jahr dich mit seinen Geschenken beglücken – Segenswünsche aus Irland“. Ich steckte es in die Handtasche und war schon viel beruhigter auf dem Weg zu meiner toten Großmutter.
Im Buch fand ich den Segen für einen glücklichen Tod, mögen die, die dich lieben, im Himmel deine Gesellschafter sein. Zwei Jahre später, am 20. September 2003, schickte ich diesen Segen zu Margit.
Der weite Raum / Rediscovering Margit Wagner
Vor ein paar Jahren schrieb ich einen kurzen Text mit dem Titel Der weite Raum stellte ihn auf meinen Blog. Ich erzählte von ihrem Haus am See, unserer gemeinsamen Arbeit an ihren Manuskripten und den Fotos der Filmreisen. Erwähnte einige ihrer Filme, Das Jahr des schottischen Schäfers, Musik unter Portugals Himmel, Korsisches Abenteuer, Reisewege zur Kunst, Irland – Lieder für Träumer, Musik für Rebellen.
Und dann fällt eines ins andere. Gisela Holfter, Germanistin an der Universität Limerick, entdeckte diesen Text auf der Suche nach Margit und ihren Filmen, nahm Kontakt zu mir auf, ich verband sie mit Albrecht Wagner, Margits Sohn. Die Fäden verknüpfen sich zu Kooperationen (Irish Film Institute, Centre for Irish-German Studies) für die Filmreihe REDESCOVERING MARGIT WAGNER im August dieses Jahres in Dublin und im November in Limerick.
Verwendete Literatur:
Margit Wagner, Schottland, Prestel Verlag, München 1982 Margit Wagner, Jura, Prestel Verlag, München 1987 Margit Wagner, Irland, Ein Reisebegleiter, Prestel Verlag, München 1991 Annette von Aretin (Hg.), Die schönsten Geschichten vom Leben auf dem Lande, Gustav Lübbe Verlag, Bergisch Gladbach 1989 Hermann Multhaupt (Hg.), Möge das Jahr dich mit seinen Geschenken beglücken, Grünewald Verlag, Mainz 1999 Doireann Ní Ghríofa, Ein Geist in der Kehle, übersetzt von Cornelius Reiber und Jens Friebe, btb Verlag, Münche 2023 Frieda Paris, Nachwasser, AZUR im Verlag Voland und Quist, Berlin 2024
Foto von Thomas Höpler
https://www.brigittahoepler.at/wp-content/uploads/2023/11/Brigitta-Hoepler-Logo-.png00Brigittahttps://www.brigittahoepler.at/wp-content/uploads/2023/11/Brigitta-Hoepler-Logo-.pngBrigitta2026-09-04 09:41:312026-09-04 10:32:55Ist Landschaft ein Ort oder ein Wort? Erinnerungen an die Filmemacherin und Autorin Margit Wagner
Bitte nehmen wir das Gras ernst, schreibt die Autorin und Biologin Andrea Grill.
Einer, der das getan hat, vor mehr als 500 Jahren, ist der Künstler Albrecht Dürer mit seinen Rasenstücken. Naturgenaue Aquarelle auf Papier. Jeder einzelne Grashalm ist zu erkennen, Wegerich, Löwenzahn und andere Pflanzen. Dürer feiert die Schöpfung in jedem Grashalm, in jedem Löwenzahnblatt. Für mich sind Dürers Arbeiten mehr Gras- als Rasenstücke. Ist Rasen doch das eher das allzu gepflegte, allzu abgemähte.
Der Künstler Richard Long zieht seine Linien auf einer Wiese, hin und her gehend, „a line made by walking“, 1967. Lois Weinberger zieht bei der Documenta 14 in Kassel im Park der Karlsauen eine lange Schneise durch den englischen Rasen, um die freigelegte Erde dann sich selbst zu überlassen. Mit der Zeit füllt sie sich mit spontaner Vegetation, verbreitet von Wind, Insekten und Vögel.
Notiz an uns alle: weniger abgrasen, mehr vergrasen, verwildern.
Grasen, wenn Weidetiere frisches Gras direkt mit dem Maul abrupfen und fressen.
viele tiere fressen gras und nur gras viele schmetterlinge fressen gras und nur gras alle getreide, die wir essen, zum beispiel weizen, hafer, hirse, mais und reis, sind gräser
(Andrea Grill)
Barfuß im taufeuchten Gras gehen Die Grashalme zwischen die Daumen spannen und pfeifen. Durch die Wiese streifen, „Hahn oder Henne“ spielen (die Grasblüte mit zwei Fingern zusammenschieben, sind sie ein gleichmäßig rundes Büschel oder haben sie einen Schweif) Den Kühen beim grasen zuhören. Vom Dachbodengebälk ins Heu springen.
Sie liegt in der Wiese und schaut in die Sterne, sie hält sich am Gras fest, sicherheitshalber.
Sag: Grasnarbe. Sag es langsam. Du sprichst ein vollkommenes Gedicht.
Man schaut etwas an und ein Gedicht ist da. (Herbert Wimmer)
Aus der Serie „Sommerblätter – Texte ohne Worte“ Brigitta Höpler, 2020
Andrea Grill, Text für die Klimabiennale 2026 Entdeckung, aus: Christine Busta, Salzgärten, Otto Müller Verlag Salzburg 1975 Taschenatlas der Gräser, Verlag Werner Dausien, Hanau/Main 1983
Kunstbegegnung findet meistens über Sprache statt. Kein Museum, keine Ausstellung ohne Text: Objektbeschriftungen, Saaltexte, Katalogtexte, gesprochene Worte in Führungen. Ein Textgewebe, das Verbindungen herstellt, zwischen den Objekten selbst, zwischen den Objekten und den Betrachter:innen.
An einem Ende steht das Objekt, am anderen der Betrachter, die Betrachterin. Kunst lebt von dem, was in diesem Zwischenraum geschieht.
Die klassische Führung füllt diesen Raum mit Informationen, Wissen, Geschichten. Der Betrachter, die Betrachterin bekommt erzählt.
Beim Schreiben im Museum erzählt der Betrachter, die Betrachterin selbst. Schreiben im Museum lässt in diesen Zwischenraum ein Blatt Papier fallen, als Möglichkeitsraum, als Erlebnisraum.
Konkrete Schreibimpulse laden ein, den Blick zu weiten, zu vertiefen, die Perspektive zu wechseln. Laden ein, Beobachtungen, Erinnerungen, Gefühle, Gedanken aus uns herauszuholen, dafür Worte zu finden und kurze Textsorten auszuprobieren.
Sich schreibend an die Objekte, die Bilder, die Ausstellungstücke herantasten, annähern, sich verbinden, befragen, umkreisen, erinnern.
Schreiben als Selbst-, Welt- und Spracherkundung. Eine jeweils eigene Herangehensweise finden, eine individuelle Schreibart. Eine Form für das Beobachtete, Erlebte, Aufgelesene finden.
Meine Herangehensweise ist geprägt von der „Wiener Schreibpädagogik“, Sprache als Material zu sehen: Sprachexperimente, Auflösung der Grenzen zu anderen Künsten (visuelle Poesie, Lautgedichte), Hinwendung zum Unbewussten, zum Zufall.
In diesem transmedialen Raum verbindet sich mein Kunsthistorikerinnen-Sein mit dem der Schreibenden.
Am Samstag, 30. Mai 2026 veranstalte ich einen Schreibworkshop im Wien Museum, in der Sonderausstellung Schiele & Peschka – eine Familienaufstellung.
https://www.brigittahoepler.at/wp-content/uploads/2023/11/Brigitta-Hoepler-Logo-.png00Brigittahttps://www.brigittahoepler.at/wp-content/uploads/2023/11/Brigitta-Hoepler-Logo-.pngBrigitta2026-05-07 11:48:352026-07-15 12:01:07Zwischen Kunst und mir ein Blatt Papier – warum schreiben im Museum ?
Nahversorgung – darunter kann sich wahrscheinlich jede:r etwas vorstellen. Das Lebensnotwendige gut erreichbar in der Nähe zu bekommen. Ich denke sofort an die Trafik und Greisslerei meiner Kindheit. Für mich die Orte, wo es Micky Maus Hefte gab, die Zeitschrift „Wunderwelt“, Eis und Pez-Figuren. Also durchaus auch schon so eine Art Poesienahversorgung.
Poesie verstehe ich nicht im Sinne von Dichtung oder als Textsorte, sondern im griechischen Wortursprung, poiesis, schöpferisch tätig sein. Umgangssprachlich verwenden wir den Begriff poetisch, um die besondere Qualität eines Augenblicks, einer Stimmung, einer Atmosphäre zu bezeichnen. Ein magischer Moment, der uns staunen lässt.
Poesie als eine Art Weltwahrnehmung, als eine Frage der Fantasie und des Blicks. „Man schaut etwas an und ein Gedicht ist da“ steht auf einer Karte des Dichters Herbert Wimmer. Alles da, um uns herum, die Zufallskunst, die Gedichte, die Poesie auf unseren täglichen Wegen, in unserer gewohnten Umgebung. Wir müssen nur schauen.
Hier, bei der Wiederverzauberung der Welt, setze ich mit Poesienahversorgung an. Den Blick zu weiten und zu vertiefen, zu sehen, wahrzunehmen, das uns Zufallende, das Phantasieanregende, das Schöne, das überall zu finden ist und uns erstaunt, erfreut, belebt, beruhigt, tröstet.
Dringend gebraucht in Zeiten der Bedrohung, Verwirrung, Überforderung. Gut mit Poesie versorgt werden wir resilienter, weniger angstanfällig. Und dann ist das Poetische durchaus politisch!
https://www.brigittahoepler.at/wp-content/uploads/2023/11/Brigitta-Hoepler-Logo-.png00Brigittahttps://www.brigittahoepler.at/wp-content/uploads/2023/11/Brigitta-Hoepler-Logo-.pngBrigitta2026-03-06 13:19:282026-07-15 12:01:07Poesienahversorgung – wer sieht in diesem Fleck eine tanzende Frau?
Der Stadt begegne ich im Oktober 2025 an der Draubrücke. Brücken und Flüsse sind immer gute Stadträume. Ein paar Tische, Sessel, Biest Café. Die Sonne kommt auch gerade heraus. Ich schaue hinüber auf die Stadt, die ich noch nicht kenne. Zu der ich nicht vor gelesen, zu der ich noch keine Bilder und Worte habe. Das Buch „Villach“ in der Reihe „Europa erlesen“ im Wieser Verlag habe ich zu spät vor meiner Abreise entdeckt und bestellt.
Vielleicht ist es ohnehin interessanter, wie ein leeres Blatt in eine Stadt zu kommen, sie zu durchstreifen und sich durchstreifen zu lassen. Gedanken an Henri Michaux „ich schreibe, um durch mich hindurchzustreifen“ und an Georges Perec, das Bewohnen von Räumen, von Strassen, Plätzen, Städten, von Wörtern. „So beginnt der Raum, nur mit Wörtern, aufs weiße Papier gebrachte Zeichen“.
Neben mir ein Ausstellungsraum, Schau.Räume. Partizipative Kunst. Ist nicht die ganze Stadt ein Schauraum, und partizipative Kunst, denke ich, während ich köstlichen Espresso trinke und meine Blicke über die Drau werfe.
Meine Blicke, die natürlich nicht unvoreingenommen sind, suchen den Text einer Stadt, die sichtbaren und unsichtbaren Erzählungen, die Schichten des Palimpsests (von griech. „wieder abgekratzt“, antike oder mittelalterliche Pergamenthandschrift, deren ursprünglicher Text abgeschabt und neu beschriftet wurde) einer Stadt, die Teile der Stadtcollage. Ich suche die Zwischenräume, die toten Winkel, die versteckte Poesie. Ich entkomme meiner Perspektive nicht.
Zu lesen gibt es viel. Allein die Straßennamen geben ein Bild einer Stadt. Erzählen von Orten, Menschen, Berufen, Ereignissen: Klagenfurterstraße, Rathausplatz, Kirchenplatz, Postgasse, Khevenhüllergasse, Widmanngasse, Lederergasse, Seilergasse, Gerbergasse, 8. Mai-Platz, 10. Oktober-Straße, …
Am Hauptplatz wohnten die Ärzte Doctor Anton Groh (Pest- und Tuberkuloseforscher), Wilhelm Bombast von Hohenheim und Philipp Teophrastus, auch genannt Paracelsus. Ich lese mich weiter durch die Stadt, Hinweise auf Häuser, die hier standen, Denkmalinschriften, die für mich nicht entzifferbaren Grabinschriften rund um die Kirche, wo früher auch einmal ein Friedhof war – Stadtschichten.
Und dann das ganz erstaunliche Kriegerdenkmal für die Gefallenen des 1. Weltkrieges. Das in Großbuchstaben geschriebenes Gedicht „Frieden“ der Dichterin Friederike Kempner. Eine Dichterin, von der ich noch nie gehört habe, zu der ich weiter recherchieren möchte, und wie ihr Gedicht auf das 2018 von Architekt Roland Winkler erweiterte Denkmal kommt.
Frieden Immer kämpfen, immer streiten Und das lohnt doch wahrlich nicht Und das Recht hat viele Seiten, Und der Frieden, er ist Pflicht.
Ich tauche tiefer in das Textfeld dieser Stadt ein. Das Denkmal der Namen in der Widmangasse. Aufgelistet die Namen, Geburtsdaten, Todesdaten und –orte jener Kinder, Frauen und Männer aus Villach vermerkt, die von den Nationalsozialisten während des Zweiten Weltkriegs ermordet worden sind.
LETTERS & LINES, ein Guerilla-Graffiti an einer Hauswand, vom Rosengarten aus lesbar. Kritzeleien in den schmalen Durchgangsgassen vom Hauptplatz weg. Sofort denke ich an den Graffiti-Künstler Friend: „das Malen im öffentlichen Raum ist für mich ein Ausdruck von Freiheit, von Menschlichkeit, von Handlungsfähigkeit. Städte ohne Graffiti verlieren an Charme, haben einen eigenartigen Beigeschmack, machen mir Angst“. Ich verstehe gut, was er meint. Villach hat diesen urbanen Charme, hat Lücken im Stadtgefüge. So passt es auch gut, dass ein Kollege von Friend, der Graffiti-Künstler Ruin für eine Wandbild in der Widmangasse eingeladen wurde. Die Künstlerin Isabella Toman, bekannt als Frau Isa, hat die Rückseite der Khevenhüller-Schule mit einer überdimensionalen Frau bemalt.
Im Rathaus, ein schlichter Bau von Karl Hayek aus den 1950er Jahren, dessen Stiegenhaus an die klassische Bauhausmoderne der 1920/30er Jahre erinnert, hängen zwei Schriftbilder von Valentin Oman. Sie passen gut ein eine Stadt mit so viel Text aus mehreren Jahrhunderten, Kulturen und Sprachen, legen Fäden zu den Räumen des Carinthischen Sommers, wo einige Bilder des Künstlers hängen.
In der Dauerausstellung im Rathaus über Villacher Frauen ist auch die Künstlerin und Illustratorin Angelika Kaufmann erwähnt, deren Arbeiten zwischen Text und Bild mich schon lange begleiten. Das Alphabet, die Schrift und damit verbunden die Handschrift stehen im Zentrum ihrer Werke.
Ich mäandere weiter durch die Stadt, auf dem Hans-Gasser-Platz „almost Triest“. Ein späthistorischer Bau, Palazzo Candolini. 2011 renoviert von Eugenie di Bona. Ganz oben an der Fassade vier Musen.
In der Auerspergstraße 19 ist jetzt das Kaffee Kunze, dort wo früher das Café Auersperg war, dessen Beislgeruch durch das Stiegenhaus gezogen ist. Ein guter Ort zum Schreiben, an meinen Europaverdichtungen, an meinen Erinnerungen.
Die Ausstellung POLYPHONIE/ 30 Jahre EU haben wir (Babsi Daum, Ingrid Gaier, Rita Kämmerer und ich) gestern fertig aufgebaut. Mein Beitrag sind Europaverdichtungen: unsere Hymne, eine handschriftliche Verdichtung der Ode an die Freude, und ein Zitat und Foto des slowakischen Autors, Übersetzers und Kulturarbeiters Michal Hvorecký bei den Protesten gegen die Regierung in Bratislava. Dann ein Plakat democracii, das ich während der Samtenen Revolution 1989 in Prag von einem Studenten geschenkt bekommen habe, kurz bevor der Autor und Dissident Václav Havel zum Präsidenten gewählt wurde. Ein europa-euphorischer Augenblick, in dem ich wirklich dachte „alles wird gut“. Und visuell-poetische Montagetexte, verdichtete Beiträge rund um europäische Themen aus dem Standard, von Juli bis August dieses Jahres.
Heute habe ich über Messenger Michal Hvorecký davon erzählt, Fotos aus der Ausstellung geschickt. Er wiederum hat mich zu einer Veranstaltung Ende September im Depot eingeladen, „culture in totalitarian systems“, in der Reihe „forming alliances“ und mir von seinem ersten auf Deutsch geschriebenen Buch erzählt, Dissident, ein persönliches Sachbuch über die Slowakei, neue Dissidenten und Widerstand gegen rechts, wird im Frühling 2026 im Tropen Verlag, Klett-Cotta erscheinen.
Rund um die Ausstellung entsteht ein Korrespondenzraum. Was, nach der Einladung zu dieser Ausstellung, meine erste Idee und Arbeitstitel war: Europa – ein Korrespondenzraum. Da dachte ich noch, das Manuskript „Dialektik einer Nachbarschaft“ von György Sebestyén und die Kulturzeitschrift PANNONIA mit hinein zu nehmen. Bei Recherchen dazu bin ich auf den Schweizer Historiker und Germanisten Oliver Sterchi gekommen, der seine Dissertation „Auf der Suche nach dem verlorenen Raum“ über die PANNONIA schreibt. Wir hatten mail-Austausch und ein Zoom-Gespräch.
Europaverdichtungen – ein alter Lederkoffer, überquellend mit Manuskripten im Arbeitszimmer des Schriftstellers György Sebestyén in der Auerspergstraße 19, die Redaktion der Kulturzeitschrift PANNONIA. Von 1987 bis 1990 habe ich als Studentin für ihn und so auch immer wieder für die PANNONIA gearbeitet. Briefe geschrieben, auf die Post gebracht, Manuskripte auf meiner Schreibmaschine abgetippt, Klebeumbruch gemacht, ein Redaktionstreffen in Wien organisiert. Ein Literaturraum, ein Korrespondenzraum über den Eisernen Vorhang hinweg. Da hat wohl schon mein Zug ostwärts begonnen, mein „donauisch“ *) sein, und mein Zuhause in Worten und Texten.
*) „Wir sind alle donauisch. Haben ein gemeinsames Land, Europa, von der Donau zusammengenäht.“ (Juri Andruchowytsch, zitiert bei Anna Weidenholzer, Gedanken für den Tag, An der Donau, 7. 1. 2025)
Ausstellungsansicht, im Vordergrund „Arbeit „FREUNDE – demokratie: unsere ansichten gehen als freunde auseinander (Zitat Ernst Jandl) 32 Mono-Siebdrucke von Babsi Daum, auf den Podesten Europa und der Stier, Komödie in 5 Akten, Assemblage von Rita Kämmer, an der Wand Europaverdichtungen von Brigitta Höpler
Plakat Prag 1989
Visuell-poetische Montagetexte, Beiträge aus der Zeitung „Der Standard“, Juni bis August 2025
https://www.brigittahoepler.at/wp-content/uploads/2023/11/Brigitta-Hoepler-Logo-.png00Brigittahttps://www.brigittahoepler.at/wp-content/uploads/2023/11/Brigitta-Hoepler-Logo-.pngBrigitta2025-08-12 12:52:412026-07-15 12:01:07Montagegedicht Brach liegen im Standard/Album, 2. August 2025