Europaverdichtungen
In der Auerspergstraße 19 ist jetzt das Kaffee Kunze, dort wo früher das Café Auersperg war, dessen Beislgeruch durch das Stiegenhaus gezogen ist. Ein guter Ort zum Schreiben, an meinen Europaverdichtungen, an meinen Erinnerungen.
Die Ausstellung POLYPHONIE/ 30 Jahre EU haben wir (Babsi Daum, Ingrid Gaier, Rita Kämmerer und ich) gestern fertig aufgebaut. Mein Beitrag sind Europaverdichtungen: unsere Hymne, eine handschriftliche Verdichtung der Ode an die Freude, und ein Zitat und Foto des slowakischen Autors, Übersetzers und Kulturarbeiters Michal Hvorecký bei den Protesten gegen die Regierung in Bratislava. Dann ein Plakat democracii, das ich während der Samtenen Revolution 1989 in Prag von einem Studenten geschenkt bekommen habe, kurz bevor der Autor und Dissident Václav Havel zum Präsidenten gewählt wurde. Ein europa-euphorischer Augenblick, in dem ich wirklich dachte „alles wird gut“. Und visuell-poetische Montagetexte, verdichtete Beiträge rund um europäische Themen aus dem Standard, von Juli bis August dieses Jahres.
Heute habe ich über Messenger Michal Hvorecký davon erzählt, Fotos aus der Ausstellung geschickt. Er wiederum hat mich zu einer Veranstaltung Ende September im Depot eingeladen, „culture in totalitarian systems“, in der Reihe „forming alliances“ und mir von seinem ersten auf Deutsch geschriebenen Buch erzählt, „Dissident“, ein persönliches Sachbuch über die Slowakei, neue Dissidenten und Widerstand gegen rechts, wird im Frühling 2026 im Tropen Verlag, Klett-Cotta erscheinen.
Rund um die Ausstellung entsteht ein Korrespondenzraum. Was, nach der Einladung zu dieser Ausstellung, meine erste Idee und Arbeitstitel war: Europa – ein Korrespondenzraum. Da dachte ich noch, das Manuskript „Dialektik einer Nachbarschaft“ von György Sebestyén und die Kulturzeitschrift PANNONIA mit hinein zu nehmen. Bei Recherchen dazu bin ich auf den Schweizer Historiker und Germanisten Oliver Sterchi gekommen, der seine Dissertation „Auf der Suche nach dem verlorenen Raum“ über die PANNONIA schreibt. Wir hatten mail-Austausch und ein Zoom-Gespräch.
Europaverdichtungen – ein alter Lederkoffer, überquellend mit Manuskripten im Arbeitszimmer des Schriftstellers György Sebestyén in der Auerspergstraße 19, die Redaktion der Kulturzeitschrift PANNONIA. Von 1987 bis 1990 habe ich als Studentin für ihn und so auch immer wieder für die PANNONIA gearbeitet. Briefe geschrieben, auf die Post gebracht, Manuskripte auf meiner Schreibmaschine abgetippt, Klebeumbruch gemacht, ein Redaktionstreffen in Wien organisiert. Ein Literaturraum, ein Korrespondenzraum über den Eisernen Vorhang hinweg. Da hat wohl schon mein Zug ostwärts begonnen, mein „donauisch“ *) sein, und mein Zuhause in Worten und Texten.
*) „Wir sind alle donauisch. Haben ein gemeinsames Land, Europa, von der Donau zusammengenäht.“ (Juri Andruchowytsch, zitiert bei Anna Weidenholzer, Gedanken für den Tag, An der Donau, 7. 1. 2025)

Ausstellungsansicht, im Vordergrund „Arbeit „FREUNDE – demokratie: unsere ansichten gehen als
freunde auseinander (Zitat Ernst Jandl) 32 Mono-Siebdrucke von Babsi Daum, auf den Podesten
Europa und der Stier, Komödie in 5 Akten, Assemblage von Rita Kämmer,
an der Wand Europaverdichtungen von Brigitta Höpler

Plakat Prag 1989

Visuell-poetische Montagetexte, Beiträge aus der Zeitung „Der Standard“, Juni bis August 2025
