Poesienahversorgung – wer sieht in diesem Fleck eine tanzende Frau?
Nahversorgung – darunter kann sich wahrscheinlich jede:r etwas vorstellen. Das Lebensnotwendige gut erreichbar in der Nähe zu bekommen. Ich denke sofort an die Trafik und Greisslerei meiner Kindheit. Für mich die Orte, wo es Micky Maus Hefte gab, die Zeitschrift „Wunderwelt“, Eis und Pez-Figuren. Also durchaus auch schon so eine Art Poesienahversorgung.
Poesie verstehe ich nicht im Sinne von Dichtung oder als Textsorte, sondern im griechischen Wortursprung, poiesis, schöpferisch tätig sein. Den Begriff poetisch verwenden wir, um die besondere Qualität eines Augenblicks, einer Stimmung, einer Atmosphäre zu bezeichnen. Ein magischer Moment, der uns staunen lässt.
Poesie als eine Art Weltwahrnehmung, als eine Frage der Fantasie und des Blicks. „Man schaut etwas an und ein Gedicht ist da“ steht auf einer Karte des Dichters Herbert Wimmer. Alles da, um uns herum, die Zufallskunst, die Gedichte, die Poesie auf unseren täglichen Wegen, in unserer gewohnten Umgebung. Wir müssen nur schauen.
Hier, bei der Wiederverzauberung der Welt, setze ich mit Poesienahversorgung an. Den Blick zu weiten und zu vertiefen, zu sehen, wahrzunehmen, das uns Zufallende, das Phantasieanregende, das Schöne, das überall zu finden ist und uns erstaunt, erfreut, belebt, beruhigt, tröstet.
Dringend gebraucht in Zeiten der Bedrohung, Verwirrung, Überforderung. Gut mit Poesie versorgt werden wir resilienter, weniger angstanfällig. Und dann ist das Poetische durchaus politisch!

