Ist Landschaft ein Ort oder ein Wort? Erinnerungen an die Filmemacherin und Autorin Margit Wagner

Wortmütter

„einmal schreibe ich
: es sind die Wortmütter,
die halten mich zusammen

Der Grund, auf dem ich Wörter
säe aus meinem Handgelenk
und Wörter derer, die ich
Wortmütter nenne
dass ich nicht nachlasse,
mich hinzuwenden“.

Frieda Paris


In ihrem Langgedicht Nachwasser schenkt mir die Dichterin ein Wort.
Wortmütter – die habe ich auch.
Die Radiojournalistin, Filmemacherin, Reiseschriftstellerin Margit Wagner (1911 – 2003) ist eine davon.

Landschaften

Könnte das nicht auch ein Verb sein?

landschaften, – die Schichten einer Landschaft freilegen, ihre Atmosphäre ergründen;  Landschaften durchstreifen; auflesen; eine Landschaft auf unterschiedliche Arten aufnehmen, übersetzen.

In Hörbilder, in Filme, in Reisebücher.
Korsika, Portugal, Jura, Schottland und immer wieder Irland.

Landschaften 1

Landschaftsbücher, eine Reihe im Prestel Verlag, von den 1950er bis in die 1990er Jahre. Literarische, persönliche, essayistische Reisebeschreibungen rund um Geschichte, Kunst, Architektur, Natur. Geschrieben nach ausgiebigem landschaften der Autor:innen.

Feine Hardcover Leinenbände, mit Fotografien, Drucken, Aquarellen (von Eugen Sporer in Margit Wagners Jura Buch). Reiselektüre, nicht Reiseführer. Wie ich solche Bücher vermisse!

Margit hat drei geschrieben: 1963 Irland (zahlreiche Neuauflagen bis 1990), 1979 Schottland, 1981 Jura.

Landschaften 2

„Mein Arbeitstisch steht vor den Bergen, eine Stunde Fahrt von der Stadt entfernt. Ich atme tiefer, wenn nach der Ankunft die Autotür hinter mir zugefallen ist,“ schreibt Margit Wagner in ihrem Text „Das Austraghaus“.

Neben ihrem Bett, an der Wand, ein gewidmeter Farbholzschnitt von Detlef Willand (1935-2022), aus dem Zyklus „Der Weg – eine Pilgerreise nach Santiago de Compostela“. Ein einsamer Wanderer in weiter Landschaft, schwarz-blau-braune Hügel.

Eigenständig unterwegs, denke ich immer, wenn ich dieses Bild anschaue. 
So wie Margit. 1946 auf der Suche nach Arbeit beim Bayrischen Rundfunk gelandet, der damals amerikanisch war. Englisch konnte sie. Alles Weitere im Tun gelernt: erste Features Radio München besucht … , die Reihe Hörbilder – unterwegs, für die sie mehr oder weniger alleine zuständig war, von der Idee über die Organisation bis zur Produktion. In den späten 1950er wechselte sie vom Radio zum Fernsehen, vom Wort zum Bild, – der Beginn von unzähligen Reisefilmen.

Er stellte meine Füße auf weiten Raum, diese Psalmzeile begleitete Margit ein Leben lang.

Welcome back

1990 der Auftrag des Prestel Verlages, das Irland Buch zu überarbeiten, zu aktualisieren. Margit ist 79, erbittet sich Reisbegleitung und lädt Thomas und mich dazu ein. Wir sind 24 und 26, unterbrechen für ein Monat unsere Studien und verbringen mit Margit den Mai in Irland, fahren knapp 4000 Kilometer durch das Land.

„Bei unserer Fahrt auf vertrauten Wegen haben mir zahlreiche Freunde geholfen. Ich möchte allen danken. Zunächst meinen Begleitern unterwegs, Thomas, Brigitta und Peter Höpler. Der Leser wird ihnen auf den Seiten dieses Buches begegnen.“ schreibt Margit im Vorwort zur überarbeiteten 6. Auflage.

„Am Flughafen in Dublin stand unsere Leihwagen. Thomas setzte sich ans Steuer. Brigitta machte es sich hinter ihm bequem. Sie war für die Fachbücher und Broschüren zuständig. Meine Aufgabe: Notizen fürs Buch zu machen und von Ort zu Ort den Freunden nach irischer Art Geschichten zu erzählen“.

Von Margit lernten wir eine Kunst des Reisens, von ihren irischen Freund:innen was Gastfreundschaft bedeutet: Begegnungen, in denen wir Leben teilten. Das irische Mischungsverhältnis für Gin Tonic hat dazu beigetragen, dass ich das auch auf Englisch konnte.

Wortmütter 1

Unterwegs schenkte mir Margit St. Brigids cross, mehr quadratisches Sonnensymbol als Kreuz, aus Gräsern kunstvoll geflochten. Was gut zu Brigid passt, keltische Lichtgöttin und christliche Heilige, Klostergründerin in Kildare.

Brigid, die Helle, die Strahlende. Beschützerin der Dichtkunst und der Poesie.

Lebe Licht in dunklen Zeiten, – ein lebensbegleitender Satz für Margit, wie sie in ihren Memoiren schrieb.  

Wortmütter 2

Dies ist ein weiblicher Text, geschrieben im 21. Jahrhundert. Wie spät es ist. Wie viel sich verändert hat. Wie wenig. Doireann Ní Ghríofa

Im September 1996 wurde Ruth geboren. Im Oktober war die Buchmesse in Frankfurt, Irland Gastland, Margit als Ehrengast eingeladen, aus ihrem Buch zu lesen. Auf dem Plakat des Prestel Verlags ein Foto, die Reiseschriftstellerin auf dem James Joyce Tower in Dublin. Thomas hat es gemacht.

Thomas begleitete sie auch auf die Buchmesse, zur Lesung, zu den Empfängen.
Eigentlich ist das meine Welt … Ich streifte währenddessen durch die herbstliche Landschaft, den Kinderwagen in der einen, eine Kastanie fest in der anderen Hand. Ich stillte mein Kind in leuchtendem Herbstlicht. Dachte an den nordirisch-britischen Schriftsteller Louis MacNeice (am 12. September 1907 in Belfast geboren): der September ist da, er gehört ihr, deren Leben stark wird im Herbst. War müde, glücklich und verwirrt in meinem neuen Leben,
mit der Frage: werde ich je wieder ….??

Meine Wochen teilen sich zwischen den beiden Kräften von Milch und Text auf, Wochen die bald schon in Monate und dann in Jahre übergehen. Ich richte mir meine Leben so ein, dass ich immer wieder, wenn ich mal sitze, gleichzeitig blasse Silben aus Milch von mir gebe und selbst dunkle Nahrung aus Tinte trinke. (Doireann Ní Ghríofa)

Ich werde, zwei Jahre später, Prestel Autorin. Kollegin von Margit sozusagen. Das Leben ist ein Traum – Marc Chagall. In der Reihe Abenteuer Kunst. Nach Leonie im Belvedere mein zweites Kunstbuch für Kinder.

Mobilis

Margit sprach immer wieder davon, den Kopf zu möblieren, während sie von Wohnraum zu Wohnraum (von München nach Schmitten, von Schmitten nach Seeshaupt) ihre Habseligkeiten auslichtete, vererbte, verschenkte.  

Möbel kommt von lat. mobilis, beweglich.

„Wenn man die Leute öffnen würde“, sagt die 81 jährige Agnès Varda in ihrem autobiografischen Film Les plages d‘Agnès, „würde man Landschaften finden.“

Kleine Rituale

Starker irischer Tee zum Frühstück, Toast mit Ingwer- und Orangenmarmelade. Jasmintee in dünnen, weißen Porzellanschalen am Nachmittag. In der blauen Stunde Sherry, aus kleinen Gläsern mit Goldrand.

Take care

Dieser irische Gruß hat mich immer wieder berührt, so wie die irischen Segenswünsche und die Idee des Segnens an sich.

Am Tag als meine Großmutter starb, kam mit der Post Margits Weihnachtsgeschenk, das Buch „Möge das Jahr dich mit seinen Geschenken beglücken – Segenswünsche aus Irland“. Ich steckte es in die Handtasche und war schon viel beruhigter auf dem Weg zu meiner toten Großmutter.

Im Buch fand ich den Segen für einen glücklichen Tod, mögen die, die dich lieben, im Himmel deine Gesellschafter sein. Zwei Jahre später, am 20. September 2003, schickte ich diesen Segen zu Margit.

Der weite Raum / Rediscovering Margit Wagner

Vor ein paar Jahren schrieb ich einen kurzen Text mit dem Titel Der weite Raum stellte ihn auf meinen Blog. Ich erzählte von ihrem Haus am See, unserer gemeinsamen Arbeit an ihren Manuskripten und den Fotos der Filmreisen. Erwähnte einige ihrer Filme, Das Jahr des schottischen Schäfers, Musik unter Portugals Himmel, Korsisches Abenteuer, Reisewege zur Kunst, Irland – Lieder für Träumer, Musik für Rebellen.

Und dann fällt eines ins andere. Gisela Holfter, Germanistin an der Universität Limerick, entdeckte diesen Text auf der Suche nach Margit und ihren Filmen, nahm Kontakt zu mir auf, ich verband sie mit Albrecht Wagner, Margits Sohn. Die Fäden verknüpfen sich zu Kooperationen (Irish Film Institute, Centre for Irish-German Studies) für die Filmreihe REDESCOVERING MARGIT WAGNER im August dieses Jahres in Dublin und im November in Limerick.

Verwendete Literatur:

Margit Wagner, Schottland, Prestel Verlag, München 1982
Margit Wagner, Jura, Prestel Verlag, München 1987
Margit Wagner, Irland, Ein Reisebegleiter, Prestel Verlag, München 1991
Annette von Aretin (Hg.), Die schönsten Geschichten vom Leben auf dem Lande, Gustav Lübbe Verlag, Bergisch Gladbach 1989
Hermann Multhaupt (Hg.), Möge das Jahr dich mit seinen Geschenken beglücken, Grünewald Verlag, Mainz 1999
Doireann Ní Ghríofa, Ein Geist in der Kehle, übersetzt von Cornelius Reiber und Jens Friebe, btb Verlag, Münche 2023
Frieda Paris, Nachwasser, AZUR im Verlag Voland und Quist, Berlin 2024

Foto von Thomas Höpler