Villach lesen

Der Stadt begegne ich im Oktober 2025 an der Draubrücke. Brücken und Flüsse sind immer gute Stadträume. Ein paar Tische, Sessel, Biest Café. Die Sonne kommt auch gerade heraus. Ich schaue hinüber auf die Stadt, die ich noch nicht kenne. Zu der ich nicht vor gelesen, zu der ich noch keine Bilder und Worte habe. Das Buch „Villach“ in der Reihe „Europa erlesen“ im Wieser Verlag habe ich zu spät vor meiner Abreise entdeckt und bestellt.

Vielleicht ist es ohnehin interessanter, wie ein leeres Blatt in eine Stadt zu kommen, sie zu durchstreifen und sich durchstreifen zu lassen. Gedanken an Henri Michaux „ich schreibe, um durch mich hindurchzustreifen“ und an Georges Perec, das Bewohnen von Räumen, von Strassen, Plätzen, Städten, von Wörtern. „So beginnt der Raum, nur mit Wörtern, aufs weiße Papier gebrachte Zeichen“.

Neben mir ein Ausstellungsraum, Schau.Räume. Partizipative Kunst. Ist nicht die ganze Stadt ein Schauraum, und partizipative Kunst, denke ich, während ich köstlichen Espresso trinke und meine Blicke über die Drau werfe.

Meine Blicke, die natürlich nicht unvoreingenommen sind, suchen den Text einer Stadt, die sichtbaren und unsichtbaren Erzählungen, die Schichten des Palimpsests einer Stadt, die Teile der Stadtcollage. Ich suche die Zwischenräume, die toten Winkel, die versteckte Poesie. Ich entkomme meiner Perspektive nicht.

Zu lesen gibt es viel. Allein die Straßennamen geben ein Bild einer Stadt. Erzählen von Orten, Menschen, Berufen, Ereignissen: Klagenfurterstraße, Rathausplatz, Kirchenplatz, Postgasse, Khevenhüllergasse, Widmanngasse, Lederergasse, Seilergasse, Gerbergasse, 8. Mai-Platz, 10. Oktober-Straße, …

Am Hauptplatz wohnten die Ärzte Doctor Anton Groh (Pest- und Tuberkuloseforscher), Wilhelm Bombast von Hohenheim und Philipp Teophrastus, auch genannt Paracelsus. Ich lese mich weiter durch die Stadt, Hinweise auf Häuser, die hier standen, Denkmalinschriften, die für mich nicht entzifferbaren Grabinschriften an der Apsis der Kirche.

Und dann das ganz erstaunliche Kriegerdenkmal für die Gefallenen des 1. Weltkrieges. Das in Großbuchstaben geschriebenes Gedicht „Frieden“ der Dichterin Friederike Kempner. Eine Dichterin, von der ich noch nie gehört habe, zu der ich weiter recherchieren möchte, und wie ihr Gedicht auf das 2018 von Architekt Roland Winkler erweiterte Denkmal kommt.

Frieden
Immer kämpfen, immer streiten
Und das lohnt doch wahrlich nicht
Und das Recht hat viele Seiten,
Und der Frieden, er ist Pflicht.

Ich tauche tiefer in das Textfeld dieser Stadt ein. Das Denkmal der Namen in der Widmangasse. Aufgelistet die Namen, Geburtsdaten, Todesdaten und –orte jener Kinder, Frauen und Männer aus Villach vermerkt, die von den Nationalsozialisten während des Zweiten Weltkriegs ermordet worden sind.

LETTERS & LINES, ein Guerilla-Graffiti an einer Hauswand, vom Rosengarten aus lesbar. Kritzeleien in den schmalen Durchgangsgassen vom Hauptplatz weg. Sofort denke ich an den Graffiti-Künstler Friend: „das Malen im öffentlichen Raum ist für mich ein Ausdruck von Freiheit, von Menschlichkeit, von Handlungsfähigkeit. Städte ohne Graffiti verlieren an Charme, haben einen eigenartigen Beigeschmack, machen mir Angst“. Ich verstehe gut, was er meint. Villach hat diesen urbanen Charme, hat Lücken im Stadtgefüge. So passt es auch gut, dass ein Kollege von Friend, der Graffiti-Künstler Ruin für eine Wandbild in der Widmangasse eingeladen wurde. Die Künstlerin Isabella Toman, bekannt als Frau Isa, hat die Rückseite der Khevenhüller-Schule mit einer überdimensionalen Frau bemalt.

Im Rathaus, ein schlichter Bau von Karl Hayek aus den 1950er Jahren, dessen Stiegenhaus an die klassische Bauhausmoderne der 1920/30er Jahre erinnert, hängen zwei Schriftbilder von Valentin Oman. Sie passen gut ein eine Stadt mit so viel Text aus mehreren Jahrhunderten und legen Fäden zu den Räumen des Carinthischen Sommers, wo einige Bilder des Künstlers hängen.

In der Dauerausstellung im Rathaus über Villacher Frauen ist auch die Künstlerin und Illustratorin Angelika Kaufmann, deren Arbeiten zwischen Text und Bild mich schon lange begleiten. Das Alphabet, die Schrift und damit verbunden die Handschrift stehen im Zentrum ihrer Werke.

Ich mäandere weiter durch die Stadt, auf dem Hans-Gasser-Platz „almost Triest“. Ein späthistorischer Bau, Palazzo Candolini. 2011 renoviert von Eugenie di Bona. Ganz oben an der Fassade vier Musen.

Termine 2026

Schreibworkshops

Regen(e)Ration – Reflexions- und Schreibworkshop, gemeinsam mit Regina Hügli, One Body of Water, Haus am Urmeer, Bisamberg, Samstag, 26. April 2026

Armutskonferenz, 28./29. April 2026, Salzburg

Zwischen Kunst und mir ein Blatt Papier, Schreibworkshop im Wien Museum, in der Ausstellung Schiele Peschka – eine Familienaufstellung, 30. Mai 2026, 1040 Wien

Papiergärten schreiben, 5. Juni 2026, Botanischer Garten, 1030 Wien

Walking Words – Gehen und Schreiben, 19. Juni 2026, BÖS – Berufsverband österreichischer Schreibpädagog:innen, 1120 Wien

Poesienahversorgung – eine poetische Praxis zwischen Wort, Bild und Welt, 26. bis 28. Juni 2026, Styrian Summer Art, Pöllau

Papiergärten schreiben, 2.Oktober 2026, Botanischer Garten, 1030 Wien

Urbane Textfelder, 26./27. September 2026, BÖS – Berufsverband österreichischer Schreibpädagog:innen, 1120 Wien

Ein Lebenskaleidoskop – Möglichkeiten des (auto)biografischen Schreibens, 16. bis 18. Oktober 2026, GEA Akademie Schrems

Diverses

Villach.Stadt.Entdecken. Carinthischer Sommer, 13. Juli 2026, 14. Juli 2026

Literatursalon BÖS, 10. Oktober 2026, 19 Uhr, 1120 Wien

Aus meinen (W)ORTE Fotonotizen,
eigene Fotos, Montagen mit Überschriften der Tageszeitung „Der Standard“.

MUTTER – ein Ausstellungsprojekt von Anne Vaupel

„Eine Mutter haben, keine Mutter (mehr) haben, eine Mutter sein, keine Mutter sein, sich wie eine Mutter fühlen, eine Mutter erträumen, eine Mutter vermissen.“

Das Thema „Mutter“ ist ein weites Feld, ein Feld voller Projektionen.

In der Mitte des Lebens verändert sich das eigene Mutter- oder Kind-sein noch einmal sehr. Dieser Prozess war der Anlass für eine Einladung an Kolleginnen und Kollegen, die eigene Situation zu reflektieren und daraus ein gemeinsames Ausstellungsprojekt zu machen.

MUTTER zeigt 25 künstlerische Positionen. Die Arbeiten kreisen um die eigene Mutter und fremde Mütter, um das eigene Muttersein, aber auch um die Idee einer „Mutter-Erde“ – sie reflektieren gute und schlechte Beziehungen, Liebe und Konflikt, Geheimnisse und Wahrheiten.

Die Probebühne in der Rentzelstraße wird zum ersten Mal zum Ausstellungsort und gibt Raum für Malerei, Fotografie, Zeichnung, Installation und Performance.

Ich freue mich sehr, mit meinem Bildgedicht aus Stadtschriften und einer Postkarte „Entlang der Milchstrasse oder von einer, die los zog, das Kümmern zu verlernen“ dabei zu sein.

smart

Die Salonage

Der Salon ist männlich, die Salonage weiblich.

Salonage klingt nach Bagage.
Nach lustvollem Feiern, Zusammenhalten und Ausprobieren.

Klingt nach Montage und Collage.
Die Dinge durcheinander bringen und neu zusammensetzen.
Die Realität, die Möglichkeiten, Träume, Wünsche und Notwendigkeiten kunterbunt vermischen.
Das Fragmentarische schätzen und pflegen.
Die Lücken lieben, die Risse aushalten.

Zwischenräume und Experimente vom Glück.
So etwas wie ein Leo, ein Raum wo wir nicht „abgeschlagen“ werden können.

Meine viele Jahre lang gefeierten Frauenabende am 8. März spielen mit hinein. Wir haben im geschützten Raum kleine private Lesungen, Ausstellungen, Konzerte ausprobiert, mit viel Verbundenheit, Solidarität und Ermutigung.  

Der Hagebuttenhimmel der Künstlerin Erika Kronabitter spielt mit hinein, entstanden aus der idee, in einem kleinen privaten raum fast in der baumkrone einer linde und eines kastanienbaumes kleine präsentationsräume zu schaffen für autorInnen, musikerInnen, video- und andere künstlerInnen mit der idee, in fünfminuten-vorträgen kunst und literatur zu präsentieren und anderen (nichtkünstlerInnen) vorzustellen, diese zu vernetzen. Dies alles beim gemeinsamen essen, trinken und plaudern und der freude, sich vielleicht wieder zu treffen

In Berlin hat die Autorin Isobel Markus im Literaturhaus Lettrétage das Format der Berliner Salonage geschaffen. Unabhängig voneinander haben wir den Begriff „Salonage“ kreiert, sie aus der Lettrétage, ich aus der Montage/Collage.

In Dénia, Spanien, betreibt die Autorin Daniela Gerlach einen Salon, la ñ, ein Kulturzimmer in der Tradition der europäischen Salons. Hier finden Ausstellungen, Lesungen, Vorträge, Mini-Performance, Musik und Aktionen statt.
Wir haben einander rund um das Café Entropy kennengelernt, Daniela hat im Frühling ein Wochenende in der Salonage gewohnt,

Lasst uns viele solche Räume schaffen und vernetzen!
Lasst uns einander Leo sein!

Bisherige Salonagen:

31. August 2021. Ich sehe den Bäumen die Stürme an. Sonja Knoll liest aus ihrem Buch „Es gibt nur deinen Weg“ und zeigt Collagen.

9. September 2022. Echo. Recherchen, Prozesse, Geschichten von Anja Stejskal und Brigitta Höpler.

24. November 2022. Von Mondhasen und anderen Geistern. Lesung von Johanna Hansen und Ulrike Schrimpf. Farbige Drucke auf Aquarellpapier von Johanna Hansen.

25. April 2023. Vom geziegelten Terassenheft in die Filmrolle. Lesung Katharina Ingrid Godler aus dem Gedichtband „Die Filmstadt am Rande der Kindheit“.

13. November 2023. Die Karten auf den Tisch legen. Arbeiten von Michaela Gebert-Lange.

13. Juni 2024. Sehnsucht nach Menschlichkeit. Fotografien von Michael Heiss, Texte von Brigitta Höpler.

Ausstellungsbeteiligung räume für notizen

Ich freue mich, bei der Ausstellung der diesjährigen räume für notizen in der Kunsttankstelle Ottakring dabei zu sein. Vernissage: Dienstag, 30. Jänner 2024, 18 Uhr. 1160 Wien, Grundsteingasse 45 – 47.

9. – 11. Nov. 2023 –  Transmediale Poesiegalerie

In der transmedialen Poesiegalerie 2023 zeige ich vier Collagen aus der Serie „Unterstützenswertes Umherschweifen“. 

Diese Text-Bild-Sequenzen montieren und verdichten meine Streifzüge, die Stadtfotografie, die Alltagsbeobachtungen, das Besondere im scheinbar Unscheinbaren. 

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