Am Gras festhalten

Bitte nehmen wir das Gras ernst, schreibt die Autorin und Biologin Andrea Grill.

Einer, der das getan hat, vor mehr als 500 Jahren, ist der Künstler Albrecht Dürer mit seinen Rasenstücken. Naturgenaue Aquarelle auf Papier. Jeder einzelne Grashalm ist zu erkennen, Wegerich, Löwenzahn und andere Pflanzen. Dürer feiert die Schöpfung in jedem Grashalm, in jedem Löwenzahnblatt. Für mich sind Dürers Arbeiten mehr Gras- als Rasenstücke. Ist Rasen doch das eher das allzu gepflegte, allzu abgemähte.

Der Künstler Richard Long zieht seine Linien auf einer Wiese, hin und her gehend, „a line made by walking“, 1967.

Notiz an uns alle: weniger abgrasen, mehr vergrasen, verwildern.

Grasen, wenn Weidetiere frisches Gras direkt mit dem Maul abrupfen und fressen.

viele tiere fressen gras und nur gras
viele schmetterlinge fressen gras und nur gras
alle getreide, die wir essen, zum beispiel weizen, hafer, hirse, mais und reis, sind gräser

(Andrea Grill)

Barfuß im taufeuchten Gras gehen
Die Grashalme zwischen die Daumen spannen und pfeifen.
Durch die Wiese streifen, „Hahn oder Henne“ spielen (die Grasblüte mit zwei Fingern zusammenschieben, sind sie ein gleichmäßig rundes Büschel oder haben sie einen Schweif)
Den Kühen beim grasen zuhören.
Vom Dachbodengebälk ins Heu springen.

Sie liegt in der Wiese und schaut in die Sterne, sie hält sich am Gras fest, sicherheitshalber.  

Sag:
Grasnarbe.
Sag es langsam.
Du sprichts
ein vollkommenes
Gedicht.

(Christine Busta)

Sag:

Aufrechte Trespe
Trespen-Federschwingel
Australisches Lampenputzergras
Weiches Honiggras
Zittergras
Wald -Flattergras
Felsen-Straussgras
Nickendes Perlgras

Man schaut etwas an und ein Gedicht ist da.
(Herbert Wimmer)

Aus der Serie „Sommerblätter – Texte ohne Worte“

Andrea Grill, Text für die Klimabiennale 2026
Entdeckung, aus: Christine Busta, Salzgärten, Otto Müller Verlag Salzburg 1975
Taschenatlas der Gräser, Verlag Werner Dausien, Hanau/Main 1983