Ameisenstraßen

Wo Ameisen
in Pflastersteinen landschaften
tröstende Wildnis
neben Zigarettenstummel.

Sie ziehen ihre Linien
entlang der Ritzen, Spalten,
querstadtein

Duftatmende
Erdarbeiterinnen
Honigtausammlerinnen
verbinden.

Foto von Michael Bruckner-Weinhuber, 2013
Text in der Ameisenklasse mit Andrea Grill
in der Schule für Dichtung entstanden, Juni 2026

Termine 2026

Schreibworkshops

Regen(e)Ration – Reflexions- und Schreibworkshop, gemeinsam mit Regina Hügli, One Body of Water, Haus am Urmeer, Bisamberg, Samstag, 26. April 2026

Armutskonferenz, 28./29. April 2026, Salzburg

Zwischen Kunst und mir ein Blatt Papier, Schreibworkshop im Wien Museum, in der Ausstellung Schiele Peschka – eine Familienaufstellung, 30. Mai 2026, 1040 Wien

Papiergärten schreiben, 5. Juni 2026, Botanischer Garten, 1030 Wien

Walking Words – Gehen und Schreiben, 19. Juni 2026, BÖS – Berufsverband österreichischer Schreibpädagog:innen, 1120 Wien

Papiergärten schreiben, 2.Oktober 2026, Botanischer Garten, 1030 Wien

Urbane Textfelder, 26./27. September 2026, BÖS – Berufsverband österreichischer Schreibpädagog:innen, 1120 Wien

Ein Lebenskaleidoskop – Möglichkeiten des (auto)biografischen Schreibens, 11. bis 13. Dezember 2026, GEA Akademie Schrems

Diverses

Villach.Stadt.Entdecken. Carinthischer Sommer, 13. Juli 2026, 14. Juli 2026

Literatursalon BÖS, 10. Oktober 2026, 19 Uhr, 1120 Wien

Aus meinen (W)ORTE Fotonotizen,
eigene Fotos, Montagen mit Überschriften der Tageszeitung „Der Standard“.

Am Gras festhalten

Bitte nehmen wir das Gras ernst, schreibt die Autorin und Biologin Andrea Grill.

Einer, der das getan hat, vor mehr als 500 Jahren, ist der Künstler Albrecht Dürer mit seinen Rasenstücken. Naturgenaue Aquarelle auf Papier. Jeder einzelne Grashalm ist zu erkennen, Wegerich, Löwenzahn und andere Pflanzen. Dürer feiert die Schöpfung in jedem Grashalm, in jedem Löwenzahnblatt. Für mich sind Dürers Arbeiten mehr Gras- als Rasenstücke. Ist Rasen doch das eher das allzu gepflegte, allzu abgemähte.

Der Künstler Richard Long zieht seine Linien auf einer Wiese, hin und her gehend, „a line made by walking“, 1967.
Lois Weinberger zieht bei der Documenta 14 in Kassel im Park der Karlsauen eine lange Schneise durch den englischen Rasen, um die freigelegte Erde dann sich selbst zu überlassen. Mit der Zeit füllt sie sich mit spontaner Vegetation, verbreitet von Wind, Insekten und Vögel.

Notiz an uns alle: weniger abgrasen, mehr vergrasen, verwildern.

Grasen, wenn Weidetiere frisches Gras direkt mit dem Maul abrupfen und fressen.

viele tiere fressen gras und nur gras
viele schmetterlinge fressen gras und nur gras
alle getreide, die wir essen, zum beispiel weizen, hafer, hirse, mais und reis, sind gräser

(Andrea Grill)

Barfuß im taufeuchten Gras gehen
Die Grashalme zwischen die Daumen spannen und pfeifen.
Durch die Wiese streifen, „Hahn oder Henne“ spielen (die Grasblüte mit zwei Fingern zusammenschieben, sind sie ein gleichmäßig rundes Büschel oder haben sie einen Schweif)
Den Kühen beim grasen zuhören.
Vom Dachbodengebälk ins Heu springen.

Sie liegt in der Wiese und schaut in die Sterne, sie hält sich am Gras fest, sicherheitshalber.  

Sag:
Grasnarbe.
Sag es langsam.
Du sprichst
ein vollkommenes
Gedicht.

(Christine Busta)

Sag:

Aufrechte Trespe
Trespen-Federschwingel
Australisches Lampenputzergras
Weiches Honiggras
Zittergras
Wald -Flattergras
Felsen-Straussgras
Nickendes Perlgras

Man schaut etwas an und ein Gedicht ist da.
(Herbert Wimmer)

Aus der Serie „Sommerblätter – Texte ohne Worte“
Brigitta Höpler, 2020

Andrea Grill, Text für die Klimabiennale 2026
Entdeckung, aus: Christine Busta, Salzgärten, Otto Müller Verlag Salzburg 1975
Taschenatlas der Gräser, Verlag Werner Dausien, Hanau/Main 1983

Villach lesen

Der Stadt begegne ich im Oktober 2025 an der Draubrücke. Brücken und Flüsse sind immer gute Stadträume. Ein paar Tische, Sessel, Biest Café. Die Sonne kommt auch gerade heraus. Ich schaue hinüber auf die Stadt, die ich noch nicht kenne. Zu der ich nicht vor gelesen, zu der ich noch keine Bilder und Worte habe. Das Buch „Villach“ in der Reihe „Europa erlesen“ im Wieser Verlag habe ich zu spät vor meiner Abreise entdeckt und bestellt.

Vielleicht ist es ohnehin interessanter, wie ein leeres Blatt in eine Stadt zu kommen, sie zu durchstreifen und sich durchstreifen zu lassen. Gedanken an Henri Michaux „ich schreibe, um durch mich hindurchzustreifen“ und an Georges Perec, das Bewohnen von Räumen, von Strassen, Plätzen, Städten, von Wörtern. „So beginnt der Raum, nur mit Wörtern, aufs weiße Papier gebrachte Zeichen“.

Neben mir ein Ausstellungsraum, Schau.Räume. Partizipative Kunst. Ist nicht die ganze Stadt ein Schauraum, und partizipative Kunst, denke ich, während ich köstlichen Espresso trinke und meine Blicke über die Drau werfe.

Meine Blicke, die natürlich nicht unvoreingenommen sind, suchen den Text einer Stadt, die sichtbaren und unsichtbaren Erzählungen, die Schichten des Palimpsests (von griech. „wieder abgekratzt“, antike oder mittelalterliche Pergamenthandschrift, deren ursprünglicher Text abgeschabt und neu beschriftet wurde) einer Stadt, die Teile der Stadtcollage. Ich suche die Zwischenräume, die toten Winkel, die versteckte Poesie. Ich entkomme meiner Perspektive nicht.

Zu lesen gibt es viel. Allein die Straßennamen geben ein Bild einer Stadt. Erzählen von Orten, Menschen, Berufen, Ereignissen: Klagenfurterstraße, Rathausplatz, Kirchenplatz, Postgasse, Khevenhüllergasse, Widmanngasse, Lederergasse, Seilergasse, Gerbergasse, 8. Mai-Platz, 10. Oktober-Straße, …

Am Hauptplatz wohnten die Ärzte Doctor Anton Groh (Pest- und Tuberkuloseforscher), Wilhelm Bombast von Hohenheim und Philipp Teophrastus, auch genannt Paracelsus. Ich lese mich weiter durch die Stadt, Hinweise auf Häuser, die hier standen, Denkmalinschriften, die für mich nicht entzifferbaren Grabinschriften rund um die Kirche, wo früher auch einmal ein Friedhof war – Stadtschichten.

Und dann das ganz erstaunliche Kriegerdenkmal für die Gefallenen des 1. Weltkrieges. Das in Großbuchstaben geschriebenes Gedicht „Frieden“ der Dichterin Friederike Kempner. Eine Dichterin, von der ich noch nie gehört habe, zu der ich weiter recherchieren möchte, und wie ihr Gedicht auf das 2018 von Architekt Roland Winkler erweiterte Denkmal kommt.

Frieden
Immer kämpfen, immer streiten
Und das lohnt doch wahrlich nicht
Und das Recht hat viele Seiten,
Und der Frieden, er ist Pflicht.

Ich tauche tiefer in das Textfeld dieser Stadt ein. Das Denkmal der Namen in der Widmangasse. Aufgelistet die Namen, Geburtsdaten, Todesdaten und –orte jener Kinder, Frauen und Männer aus Villach vermerkt, die von den Nationalsozialisten während des Zweiten Weltkriegs ermordet worden sind.

LETTERS & LINES, ein Guerilla-Graffiti an einer Hauswand, vom Rosengarten aus lesbar. Kritzeleien in den schmalen Durchgangsgassen vom Hauptplatz weg. Sofort denke ich an den Graffiti-Künstler Friend: „das Malen im öffentlichen Raum ist für mich ein Ausdruck von Freiheit, von Menschlichkeit, von Handlungsfähigkeit. Städte ohne Graffiti verlieren an Charme, haben einen eigenartigen Beigeschmack, machen mir Angst“. Ich verstehe gut, was er meint. Villach hat diesen urbanen Charme, hat Lücken im Stadtgefüge. So passt es auch gut, dass ein Kollege von Friend, der Graffiti-Künstler Ruin für eine Wandbild in der Widmangasse eingeladen wurde. Die Künstlerin Isabella Toman, bekannt als Frau Isa, hat die Rückseite der Khevenhüller-Schule mit einer überdimensionalen Frau bemalt.

Im Rathaus, ein schlichter Bau von Karl Hayek aus den 1950er Jahren, dessen Stiegenhaus an die klassische Bauhausmoderne der 1920/30er Jahre erinnert, hängen zwei Schriftbilder von Valentin Oman. Sie passen gut ein eine Stadt mit so viel Text aus mehreren Jahrhunderten, Kulturen und Sprachen, legen Fäden zu den Räumen des Carinthischen Sommers, wo einige Bilder des Künstlers hängen.

In der Dauerausstellung im Rathaus über Villacher Frauen ist auch die Künstlerin und Illustratorin Angelika Kaufmann erwähnt, deren Arbeiten zwischen Text und Bild mich schon lange begleiten. Das Alphabet, die Schrift und damit verbunden die Handschrift stehen im Zentrum ihrer Werke.

Ich mäandere weiter durch die Stadt, auf dem Hans-Gasser-Platz „almost Triest“. Ein späthistorischer Bau, Palazzo Candolini. 2011 renoviert von Eugenie di Bona. Ganz oben an der Fassade vier Musen.

Ungefähr genau

Mit meiner Freundin sitze ich im Cafe Weitzer. Ich erzähle von meinem Morgenespresso gegenüber der Franziskanerkirche, meine Blicke über die Mur hinweg, wie gerne ich diesen gotischen Kirchenraum mag, die Pauken schlagenden, trompetenden, Geigen spielenden Engel auf der Orgelempore. Meine Freundin spricht von der Uhr ohne Zeiger auf dem Turm und wie sie sich auf ihren Wegen daran freut. 

Ich sehe sie sofort vor mir, diese zeigerlose Uhr, ohne sie bewusst wahrgenommen zu haben. Zu wenig Gegenwart in meinem Blick auf diese Stadt voller Erinnerungen.

Später gehen wir über die Brücke auf die Uhr zu, ich fotografiere und denke an Patti Smith, ihren Text „Uhr ohne Zeiger“. Auch sie besessen von Kaffeehäusern. Oft aus der Zeit gefallene Orte, mit stehen gebliebenen Uhren an der Wand.

Wie kann ich diese Uhr ohne Zeiger nicht sofort lieben!? Das Fehlen der goldenen Zeiger und die daraus entstandene Unterbrechung der fortlaufenden Zeit versprechen ihren eigenen Glanz. Mehr Kairos als Chronos. Mehr Augenblicksglück als getaktete Zeit. 

Dem entsprechen auch meine beiden Armbanduhren.  Der Schriftzug „JETZT“ von Leo Zogmayer und Zeiger ohne Ziffernblatt auf einer weißen Fläche. Zeit nicht in Abschnitte, Striche und Zahlen unterteilt. Meine andere Uhr, eine alte Omega, ungefähr genau.


Wir lebten rund um die Uhr, nahmen die Tage und Nächte ohne große Rücksicht auf Zeit.
(Patti Smith)

Alltage, Orte, Worte. 26. Februar, Graz

Zu Gast auf der Alltagsbühne

„Die Mehrfachbelastung Welt 
ins Gras fallen lassen 
etwas für sich selbst machen

Häng ich so zwischen
zeichnen und gezeichnet werden
sehr viel und nichts
Eine Dunkelheit als Raststation
Warten auf das Unerhörte […]“

Die Kunst im Alltäglichen finden und das Besondere im scheinbar toten Winkel.
Das Schöne den Menschen näherbringen und die Menschen miteinander verbinden. Autorin sein. Und Mensch.

Aus dem Alltag begrüßt Brigitta Höpler.
„Boulevardverdichtungen“ wurde heute veröffentlicht.

Aus dem Alltag

Texte, zum Geschenk. Jeden Dienstag, jeden Freitag.
Weil nicht wertlos sein muss, was keinen Preis hat.

Boulevardverdichtungen – Aus dem Alltag

Dezemberrituale

Jeden Dezember gehe ich ins Kunsthistorische. Zu den Winterbildern der Niederländer. Das Valkenborchsche Schneegestöber war als Kind mein Lieblingsbild. Ich mag es immer noch. Die Winterlandschaften von Avercamp und Brueghel. Immer kaufe ich Karten dieser Winterbilder, setze mich ins Café in der Kuppelhalle und schreibe sie. Dieses Jahr nicht. Es ist dermaßen voll, Schlangen vor dem Café.

Beinahe sehnsüchtig denke ich an den Dezemberlockdown 2021. Ich war mit meiner Freundin, der Dichterin Hillary Keel im Museum. Ich für mein Dezemberritual, sie für Vermeer rund um ihr Schreibprojekt. Unabgesprochen haben wir beide darüber geschrieben.

Eine gewisse Leere
16. Dezember 2021, im Lockdown

Mit meiner Freundin Hillary im Kunsthistorischen Museum
Vermeers Licht trifft uns unerwartet neu
Wir vermissen manche Winterbilder
die Betrachtenden
den Kaffee in der Kuppelhalle
während die Sessel gestapelt auf Marmortischen
Wir vermessen die Leere
Sacherwürstel und Bier im Burggarten
der ausgelassene Teich wird gereinigt
Bauzäune um die Wiesen
ein älteres Paar geht seiner Wege Hand in Hand.

Ausschnitte aus dem Text A perfect world von Hillary Keel:

We miss Winter

Landscape by Avercamp

but then find Bruegel’s,

Hunters in the Snow,

and those skaters on

ponds, the bridges,

waterways all frozen,

she points out flames

coming from a cottage

chimney, a tiny detail,

alarmed figures stand by,

the meager amount of game

carried by the hunters,

the dogs are starving,

and a snowy scape

suddenly turns

sinister.

We sit on the sofa

in the center of

Wednesday afternoon

thinking of coffee

and then move

onward to the

next rectangular

gallery, paintings

lined one after

another, among

them to my left

The Art of Painting,

by Johannes Vermeer.

Eingeschriebenes, Aufgelesenes

Stadtstreunen, mit dem Rad, stundenlang.
Auflesen. Fotografieren. Notieren.
Das Textfeld Stadt bearbeiten. Stadtschriften sammeln.
Die Fotos ausdrucken, hin und her schieben.
Zu Bildgedichten, Kurzprosa, zu Feststellungen, Aufrufen, Anklagen.

Mehr poetisieren, als dokumentieren
Da und dort wohl auch romantisieren.
Und trotzdem: immer auch politisieren.

Dort, wo das Ich
als Verlängerung in die Welt hinein
eine Kunstform der Übersetzung

(aus den Boulevardverdichtungen)