Der Stadt begegne ich im Oktober 2025 an der Draubrücke. Brücken und Flüsse sind immer gute Stadträume. Ein paar Tische, Sessel, Biest Café. Die Sonne kommt auch gerade heraus. Ich schaue hinüber auf die Stadt, die ich noch nicht kenne. Zu der ich nicht vor gelesen, zu der ich noch keine Bilder und Worte habe. Das Buch „Villach“ in der Reihe „Europa erlesen“ im Wieser Verlag habe ich zu spät vor meiner Abreise entdeckt und bestellt.
Vielleicht ist es ohnehin interessanter, wie ein leeres Blatt in eine Stadt zu kommen, sie zu durchstreifen und sich durchstreifen zu lassen. Gedanken an Henri Michaux „ich schreibe, um durch mich hindurchzustreifen“ und an Georges Perec, das Bewohnen von Räumen, von Strassen, Plätzen, Städten, von Wörtern. „So beginnt der Raum, nur mit Wörtern, aufs weiße Papier gebrachte Zeichen“.
Neben mir ein Ausstellungsraum, Schau.Räume. Partizipative Kunst. Ist nicht die ganze Stadt ein Schauraum, und partizipative Kunst, denke ich, während ich köstlichen Espresso trinke und meine Blicke über die Drau werfe.
Meine Blicke, die natürlich nicht unvoreingenommen sind, suchen den Text einer Stadt, die sichtbaren und unsichtbaren Erzählungen, die Schichten des Palimpsests einer Stadt, die Teile der Stadtcollage. Ich suche die Zwischenräume, die toten Winkel, die versteckte Poesie. Ich entkomme meiner Perspektive nicht.
Zu lesen gibt es viel. Allein die Straßennamen geben ein Bild einer Stadt. Erzählen von Orten, Menschen, Berufen, Ereignissen: Klagenfurterstraße, Rathausplatz, Kirchenplatz, Postgasse, Khevenhüllergasse, Widmanngasse, Lederergasse, Seilergasse, Gerbergasse, 8. Mai-Platz, 10. Oktober-Straße, …
Am Hauptplatz wohnten die Ärzte Doctor Anton Groh (Pest- und Tuberkuloseforscher), Wilhelm Bombast von Hohenheim und Philipp Teophrastus, auch genannt Paracelsus. Ich lese mich weiter durch die Stadt, Hinweise auf Häuser, die hier standen, Denkmalinschriften, die für mich nicht entzifferbaren Grabinschriften an der Apsis der Kirche.
Und dann das ganz erstaunliche Kriegerdenkmal für die Gefallenen des 1. Weltkrieges. Das in Großbuchstaben geschriebenes Gedicht „Frieden“ der Dichterin Friederike Kempner. Eine Dichterin, von der ich noch nie gehört habe, zu der ich weiter recherchieren möchte, und wie ihr Gedicht auf das 2018 von Architekt Roland Winkler erweiterte Denkmal kommt.
Frieden Immer kämpfen, immer streiten Und das lohnt doch wahrlich nicht Und das Recht hat viele Seiten, Und der Frieden, er ist Pflicht.
Ich tauche tiefer in das Textfeld dieser Stadt ein. Das Denkmal der Namen in der Widmangasse. Aufgelistet die Namen, Geburtsdaten, Todesdaten und –orte jener Kinder, Frauen und Männer aus Villach vermerkt, die von den Nationalsozialisten während des Zweiten Weltkriegs ermordet worden sind.
LETTERS & LINES, ein Guerilla-Graffiti an einer Hauswand, vom Rosengarten aus lesbar. Kritzeleien in den schmalen Durchgangsgassen vom Hauptplatz weg. Sofort denke ich an den Graffiti-Künstler Friend: „das Malen im öffentlichen Raum ist für mich ein Ausdruck von Freiheit, von Menschlichkeit, von Handlungsfähigkeit. Städte ohne Graffiti verlieren an Charme, haben einen eigenartigen Beigeschmack, machen mir Angst“. Ich verstehe gut, was er meint. Villach hat diesen urbanen Charme, hat Lücken im Stadtgefüge. So passt es auch gut, dass ein Kollege von Friend, der Graffiti-Künstler Ruin für eine Wandbild in der Widmangasse eingeladen wurde. Die Künstlerin Isabella Toman, bekannt als Frau Isa, hat die Rückseite der Khevenhüller-Schule mit einer überdimensionalen Frau bemalt.
Im Rathaus, ein schlichter Bau von Karl Hayek aus den 1950er Jahren, dessen Stiegenhaus an die klassische Bauhausmoderne der 1920/30er Jahre erinnert, hängen zwei Schriftbilder von Valentin Oman. Sie passen gut ein eine Stadt mit so viel Text aus mehreren Jahrhunderten und legen Fäden zu den Räumen des Carinthischen Sommers, wo einige Bilder des Künstlers hängen.
In der Dauerausstellung im Rathaus über Villacher Frauen ist auch die Künstlerin und Illustratorin Angelika Kaufmann, deren Arbeiten zwischen Text und Bild mich schon lange begleiten. Das Alphabet, die Schrift und damit verbunden die Handschrift stehen im Zentrum ihrer Werke.
Ich mäandere weiter durch die Stadt, auf dem Hans-Gasser-Platz „almost Triest“. Ein späthistorischer Bau, Palazzo Candolini. 2011 renoviert von Eugenie di Bona. Ganz oben an der Fassade vier Musen.
Regen(e)Ration – Reflexions- und Schreibworkshop, gemeinsam mit Regina Hügli, One Body of Water, Haus am Urmeer, Bisamberg, Samstag, 26. April 2026
Armutskonferenz, 28./29. April 2026, Salzburg
Zwischen Kunst und mir ein Blatt Papier, Schreibworkshop im Wien Museum, in der Ausstellung Schiele Peschka – eine Familienaufstellung, 30. Mai 2026, 1040 Wien
In der Auerspergstraße 19 ist jetzt das Kaffee Kunze, dort wo früher das Café Auersperg war, dessen Beislgeruch durch das Stiegenhaus gezogen ist. Ein guter Ort zum Schreiben, an meinen Europaverdichtungen, an meinen Erinnerungen.
Die Ausstellung POLYPHONIE/ 30 Jahre EU haben wir (Babsi Daum, Ingrid Gaier, Rita Kämmerer und ich) gestern fertig aufgebaut. Mein Beitrag sind Europaverdichtungen: unsere Hymne, eine handschriftliche Verdichtung der Ode an die Freude, und ein Zitat und Foto des slowakischen Autors, Übersetzers und Kulturarbeiters Michal Hvorecký bei den Protesten gegen die Regierung in Bratislava. Dann ein Plakat democracii, das ich während der Samtenen Revolution 1989 in Prag von einem Studenten geschenkt bekommen habe, kurz bevor der Autor und Dissident Václav Havel zum Präsidenten gewählt wurde. Ein europa-euphorischer Augenblick, in dem ich wirklich dachte „alles wird gut“. Und visuell-poetische Montagetexte, verdichtete Beiträge rund um europäische Themen aus dem Standard, von Juli bis August dieses Jahres.
Heute habe ich über Messenger Michal Hvorecký davon erzählt, Fotos aus der Ausstellung geschickt. Er wiederum hat mich zu einer Veranstaltung Ende September im Depot eingeladen, „culture in totalitarian systems“, in der Reihe „forming alliances“ und mir von seinem ersten auf Deutsch geschriebenen Buch erzählt, „Dissident“, ein persönliches Sachbuch über die Slowakei, neue Dissidenten und Widerstand gegen rechts, wird im Frühling 2026 im Tropen Verlag, Klett-Cotta erscheinen.
Rund um die Ausstellung entsteht ein Korrespondenzraum. Was, nach der Einladung zu dieser Ausstellung, meine erste Idee und Arbeitstitel war: Europa – ein Korrespondenzraum. Da dachte ich noch, das Manuskript „Dialektik einer Nachbarschaft“ von György Sebestyén und die Kulturzeitschrift PANNONIA mit hinein zu nehmen. Bei Recherchen dazu bin ich auf den Schweizer Historiker und Germanisten Oliver Sterchi gekommen, der seine Dissertation „Auf der Suche nach dem verlorenen Raum“ über die PANNONIA schreibt. Wir hatten mail-Austausch und ein Zoom-Gespräch.
Europaverdichtungen – ein alter Lederkoffer, überquellend mit Manuskripten im Arbeitszimmer des Schriftstellers György Sebestyén in der Auerspergstraße 19, die Redaktion der Kulturzeitschrift PANNONIA. Von 1987 bis 1990 habe ich als Studentin für ihn und so auch immer wieder für die PANNONIA gearbeitet. Briefe geschrieben, auf die Post gebracht, Manuskripte auf meiner Schreibmaschine abgetippt, Klebeumbruch gemacht, ein Redaktionstreffen in Wien organisiert. Ein Literaturraum, ein Korrespondenzraum über den Eisernen Vorhang hinweg. Da hat wohl schon mein Zug ostwärts begonnen, mein „donauisch“ *) sein, und mein Zuhause in Worten und Texten.
*) „Wir sind alle donauisch. Haben ein gemeinsames Land, Europa, von der Donau zusammengenäht.“ (Juri Andruchowytsch, zitiert bei Anna Weidenholzer, Gedanken für den Tag, An der Donau, 7. 1. 2025)
Ausstellungsansicht, im Vordergrund „Arbeit „FREUNDE – demokratie: unsere ansichten gehen als freunde auseinander (Zitat Ernst Jandl) 32 Mono-Siebdrucke von Babsi Daum, auf den Podesten Europa und der Stier, Komödie in 5 Akten, Assemblage von Rita Kämmer, an der Wand Europaverdichtungen von Brigitta Höpler
Plakat Prag 1989
Visuell-poetische Montagetexte, Beiträge aus der Zeitung „Der Standard“, Juni bis August 2025
https://www.brigittahoepler.at/wp-content/uploads/2023/11/Brigitta-Hoepler-Logo-.png00Brigittahttps://www.brigittahoepler.at/wp-content/uploads/2023/11/Brigitta-Hoepler-Logo-.pngBrigitta2025-08-12 12:52:412025-08-12 12:53:41Montagegedicht Brach liegen im Standard/Album, 2. August 2025
Wie kommt eine Collage zustande? Was tut man eigentlich, wenn man eine Collage begeht? Wie fängt das an und was ist der Beweggrund, eine solche Tat durchzuführen? Welche Nebenwirkungen verursacht eine Collage?
Während der Visualisierung einer Idee ist man bereits auf der Suche nach dem oder den anderen Elementen, die mit dem schon vorhandenen interagieren könnten, entweder als destabilisierende Agenten oder als Störenfriede. Wenn beide – das erste und das zweite – aufeinanderprallen entsteht eine gedankliche Bewegung, ein bezeichnender Bruch.
Dieser Bruch eröffnet eine Sequenz von Dekontextualisierung und Rekontextualisierung, die das Erscheinen von etwas Anderem ermöglicht; EtwasAnderem, das autonom und den Bedeutungsträgern der ursprünglichen Komponenten bereits fremd ist. Es handelt sich also um eine semiotische Kollision innerhalb einer mentalen Operation, einen Eingriff in die Sprache und in der Sprache, sei es die visuelle oder die linguistische.
Um die durchschnittliche Geschwindigkeit zu berechnen, mit der dieser Angriff erfolgt, gilt eine einfache mathematische Formel: Wenn man darüber nachdenkt, ist es bereits geschehen.
Dieser erste virtuelle Prozess verwirklicht sich in Form einer selektiven Spurensuche im w.w.w., in gedruckten Medien, auf Flohmärkten oder wo auch immer man die Elemente für die Tat – die Collage/ Assemblage – sammelt. Das selektive Aufspüren stimuliert wiederum den Ideengenerierungsapparat, so dass es eine Rückkopplungsschleife zwischen den beiden Vorgängen gibt.
Hier gibt es jedoch keine mathematische Formel:
Manchmal findet man, was man sucht, manchmal, was man nicht sucht, und oft sind es die Dinge selbst, die einen finden.
In der finalen Phase kommen schließlich das Skalpell, die Tasten Steuerung c / Steuerung v, der Uhu-Stick oder auch andere Instrumente, Geräte oder Werkzeuge zum Einsatz. Hier werden nur die physischen Elemente, aus denen sich das endgültige Werk zusammensetzt, fixiert; nicht aber die Knoten, die Abschweifungen, die sprachlichen Widersprüche oder die Synchronitäten, die die Elemente verknüpfen. All diese Verknüpfungen werden in einem instabilen, vorläufigen, virtuellen Chaos aufrechterhalten.
Vierte Frage: Welche Nebenwirkungen verursacht eine Collage?
Nur der Betrachter ist in der Lage, all diese chaotische Materie wieder zu stabilisieren oder sich in dieses begriffliche Gewirr hineinzuwagen, um neue Zusammenhänge zu finden.
Diese Ausstellung wurde nicht als eine Ausstellung verschiedener Positionen konzipiert, sondern als eine Collage selbst; eigentlich als eine Collage aus Collagen, bei der jedes Werk mit den anderen in der Sprache der Collage interagieren soll.
Als Gebrauchsanweisung hier dennoch ein kurzer Kommentar zu den TeilnehmerInnen:
In den Gedanken einer Amazone, einer Serie von Wilfried Gerstel, wird „Wonder Woman“, die erste weibliche Komikheldin, in Bildzitate diverser historischer Gemälde eingebunden. Von ihrem Goldlasso berührt, ist kein Mensch mehr imstande, unaufrichtig zu sein. Jeder muss die Wahrheit sagen. In der Verschränkung dieser unterschiedlichen Bilderwelten eröffnen sich neue Sichtweisen. Die konfrontative Koppelung der zitierten Werke der Kunstgeschichte bietet Assoziationsraum für aktuelle und zeitlose Interpretationsmöglichkeiten, wie auch einen neuen Blick auf die Rolle der Comic-Heldin als Frau in der Gesellschaft.
Die Stadt als Collage ist das Leitmotiv der Arbeiten von Brigitta Höpler Es geht ihr um eine „Poetologie“ der Alltagsbeobachtung. Auf ihren Streifzügen durch den urbanen Raum trifft sie auf Situationen, die sie intuitiv berühren, und, die sie im Moment fotografisch festhält. In weiterer Folge wird die Fotografie mit Textzitaten und Bildausschnitten in einem Spiegelspiel kombiniert. Das Visuelle der Sprache und die Sprache des Visuellen gehen eine Symbiose ein, die uns BetrachterInnen einlädt, die unterschiedlichen Räume im Bild zu interpretieren und assoziativ aufzuladen.
Henriette Leinfellners Werk Palimpsest, bei dem das Licht die verschiedenen Schichten der Collage transparent macht, lässt sich als stratigrafische Topografie beschreiben; der Titel wird hier zum Programm. Die Serie kleinformatiger Collagen und die Serie E –Druckgrafik und Collage– von Henriette Leinfellner und Javier Pérez Gil, die als Divertimento begonnen wurden, kristallisierten sich im Lauf der Zeit zu mehrjährigen gemeinsamen Projekten, die zwei Hauptprämissen folgten: Austausch und Experiment; und einer einzigen Regel: Keine Regeln.
Wie in einem anatomischen Theater seziert Javier Pérez Gil in der Serie Summa – einem transversalen und anachronistischen Kompendium – verschiedene Charaktere und Themen aus Kunst, Kultur und Wissenschaft. In Yuri Gagarin folgt er auf poetische Weise den Lebensspuren des berühmten sowjetischen Kosmonauten und seinen merkwürdigen Reisegefährten: des Konstrukteurs Rodtschenko, der Muse Brik und des Futuristen Majakowski.
Herbert Starek nimmt uns mit auf eine faszinierende Reise in die Gedankenwelt von Amadeus Cavori. Der in Lugano ansässige Universalgelehrte, ein erklärter Surrealist, unermüdlicher Jäger literarischer Zitate und Poet der kleinen Dinge hat die ganze Welt bereist, ohne seine Heimat zu verlassen. Wie ein zeitgenössischer Marco Polo hat er Dinge erlebt und gesehen, die wir kaum glauben können. Manche setzen ihn auch gleich mit Raymundus Lullius, dem Erbauer der Ars Magna, der Maschine, die jeden denkbaren Gedanken wiedergeben kann.
Robert Svoboda konfrontiert uns in seinen Assemblagen – Miniaturinstallationen und Stillleben – erschütternd, gleichzeitig berührend – durch humorvolle Einblicke mit todernsten Themen. Probleme, Katastrophen, soziale, kulturelle und politische Fragen, aktuelle oder vergangene, alles wird in einer Zigarrenkiste oder auf einem kleinen Altar gleich dem Modell eines Bühnenbildes inszeniert.
Henriette Leinfellner, Javier Pérez Gil
Stadtcollagen Brigitta Höpler
Blick in die Ausstellung
Blick in die Ausstellung
https://www.brigittahoepler.at/wp-content/uploads/2023/11/Brigitta-Hoepler-Logo-.png00Brigittahttps://www.brigittahoepler.at/wp-content/uploads/2023/11/Brigitta-Hoepler-Logo-.pngBrigitta2025-07-16 14:25:172025-07-23 18:08:14Text von Henriette Leinfellner und Javier Pérez Gil zur Eröffnung der Ausstellung Operation Collage in der Künstlerhaus Factory
Am Sonntag waren wir wieder im Kulturbahnhof Altenmarkt – eine Haltestelle für Kunst aus allen Richtungen. Ein Liederabend von Monika Hosp, Luca Monti am Klavier, und für ein Stück auch Matthias Schorn mit der Klarinette. Albert Hosp hat moderiert. Die Atmosphäre war warmherzig und konzentriert. Matthias Schorn hat davon gesprochen, dass wir einander haben, und die Musik. Das bringt sofort Zuversicht. Wir können gar nicht genug solcher Räume, Dorfplätze schaffen und pflegen! Deswegen möchte ich gerne meinen Text wieder veröffentlichen, den ich im Mai 2019 geschrieben habe, damals war auch Willi Resetarits dabei, der immer noch in den Fotos von Lukas Beck präsent ist, im Wartesaal/Konzertsaal, im Buffetwagen.
Wenn aus Orten Räume werden, Mai 2019
Immer wieder frage ich mich, wie – abseits physikalischer Gesetzmäßigkeiten – Raum entsteht. Immer wieder finde ich Räume, wo das gelungen ist. Immer wieder suche ich diese atmosphärischen Raumfaktoren aufzuspüren und zu benennen.
Die Gedanken anderer helfen beim Denken, wie überhaupt Kunst, Literatur und Musik in meinem Leben immer wieder Hilfe sind.
Michel de Certeau denkt, dass „Raum ein Geflecht von beweglichen Elementen ist, ein Resultat von Aktivitäten, die ihn mit einer Geschichte verbinden. Dass der Raum insgesamt ein Ort ist, an dem man etwas macht.“
Gustav Schörghofer lädt ein, „die Erde als einen Ort der Rast zu gestalten. Mit Musik, mit Kunst, mit Dichtung. Mit Essen und Trinken. Mit Gespräch. Mit Aufmerksamkeit. Mit Demut. Mit Vertrauen. Mit Wissen. Mit Können“.
Ianinina Ilitcheva schreibt, „dass sich so vieles bewegen kann, wenn man sich austauscht, wenn man Gemeinsamkeiten findet, wenn man Diskussionen führen kann, die Anregen zu denken, zu fühlen, auf neue Ideen zu stoßen.“
Das alles sind für mich raumbildende Faktoren, die etwas verändern, etwas bewirken. Menschen, die gestalten, die etwas miteinander machen, die andere dazu einladen. Menschen, die mit Orten Möglichkeiten eröffnen, für Gespräche und Begegnungen – mit sich selbst, mit anderen, mit Kunst, mit Musik, mit Literatur. Mit Poesie im mehrfachen Wortsinn: der poetische, magische Augenblick. Und der griechische Wortursprung, poiesis, etwas erschaffen.
So einen Möglichkeitsraum haben Matthias und Daniela Schorn mit dem aufgelassenen Bahnhof Altenmarkt-Thenneberg entdeckt und gestaltet. Ein Ort, der für sie „eine Energie des Begegnens und des Haltmachens“ hat.
Der Kaffee im umgebauten Schienenbus ist stark und köstlich. Die Scheiben sind beschlagen, es lässt sich ein Herz malen. Der Wein kommt aus der Familie. Das Bier aus einem der Nachbarorte. Die Musiker und Musikerinnen kommen aus allen Richtungen. Die Musik berührt in der verdichteten Atmosphäre des ehemaligen Warteraums den ganzen Körper.
So werden aus Orten Räume, von denen es nicht genug geben kann!
Michel de Certeau, Kunst des Handelns, aus dem Französischen von Ronald Vouillié, Merve Verlag Berlin 1988 Gustav Schörghofer, Drei im Blau, Residenz Verlag, Salzburg 2013 Ianina Ilitcheva, 183 Tage, Kremayr & Scheriau, Wien 2015
https://www.brigittahoepler.at/wp-content/uploads/2023/11/Brigitta-Hoepler-Logo-.png00Brigittahttps://www.brigittahoepler.at/wp-content/uploads/2023/11/Brigitta-Hoepler-Logo-.pngBrigitta2025-05-27 10:17:472025-05-27 10:48:27Über das Schaffen von Räumen – eine Wiederveröffentlichung
Mit meiner Freundin sitze ich im Cafe Weitzer. Ich erzähle von meinem Morgenespresso gegenüber der Franziskanerkirche, meine Blicke über die Mur hinweg, wie gerne ich diesen gotischen Kirchenraum mag, die Pauken schlagenden, trompetenden, Geigen spielenden Engel auf der Orgelempore. Meine Freundin spricht von der Uhr ohne Zeiger auf dem Turm und wie sie sich auf ihren Wegen daran freut.
Ich sehe sie sofort vor mir, diese zeigerlose Uhr, ohne sie bewusst wahrgenommen zu haben. Zu wenig Gegenwart in meinem Blick auf diese Stadt voller Erinnerungen.
Später gehen wir über die Brücke auf die Uhr zu, ich fotografiere und denke an Patti Smith, ihren Text „Uhr ohne Zeiger“. Auch sie besessen von Kaffeehäusern. Oft aus der Zeit gefallene Orte, mit stehen gebliebenen Uhren an der Wand.
Wie kann ich diese Uhr ohne Zeiger nicht sofort lieben!? Das Fehlen der goldenen Zeiger und die daraus entstandene Unterbrechung der fortlaufenden Zeit versprechen ihren eigenen Glanz. Mehr Kairos als Chronos. Mehr Augenblicksglück als getaktete Zeit.
Dem entsprechen auch meine beiden Armbanduhren. Der Schriftzug „JETZT“ von Leo Zogmayer und Zeiger ohne Ziffernblatt auf einer weißen Fläche. Zeit nicht in Abschnitte, Striche und Zahlen unterteilt. Meine andere Uhr, eine alte Omega, ungefähr genau.
Wir lebten rund um die Uhr, nahmen die Tage und Nächte ohne große Rücksicht auf Zeit. (Patti Smith)
Poesie im Sinn des griechischen Wortursprungs, poiesis, machen, verfertigen, schöpferisch tätig sein.
Das nährende, stärkende einer poetischen Weltwahrnehmung – und aber trotzdem.
„Indes kann das Verlangen nach Schönheit in Zeiten der Bedrohung auch widerständig und selbstaktivierend sein.“ (Lexikon der Schönheit, Literaturhaus Stuttgart, 2020)
Möglichkeiten:
Espressoschreiben – wach werden in der Wachheit. Unterschiedliche Schreibimpulse und Anregungen aus Kunst und Literatur.
Villach lesen
/in Allgemein, Orte, Texte, VeranstaltungDer Stadt begegne ich im Oktober 2025 an der Draubrücke. Brücken und Flüsse sind immer gute Stadträume. Ein paar Tische, Sessel, Biest Café. Die Sonne kommt auch gerade heraus. Ich schaue hinüber auf die Stadt, die ich noch nicht kenne. Zu der ich nicht vor gelesen, zu der ich noch keine Bilder und Worte habe. Das Buch „Villach“ in der Reihe „Europa erlesen“ im Wieser Verlag habe ich zu spät vor meiner Abreise entdeckt und bestellt.
Vielleicht ist es ohnehin interessanter, wie ein leeres Blatt in eine Stadt zu kommen, sie zu durchstreifen und sich durchstreifen zu lassen. Gedanken an Henri Michaux „ich schreibe, um durch mich hindurchzustreifen“ und an Georges Perec, das Bewohnen von Räumen, von Strassen, Plätzen, Städten, von Wörtern. „So beginnt der Raum, nur mit Wörtern, aufs weiße Papier gebrachte Zeichen“.
Neben mir ein Ausstellungsraum, Schau.Räume. Partizipative Kunst. Ist nicht die ganze Stadt ein Schauraum, und partizipative Kunst, denke ich, während ich köstlichen Espresso trinke und meine Blicke über die Drau werfe.
Meine Blicke, die natürlich nicht unvoreingenommen sind, suchen den Text einer Stadt, die sichtbaren und unsichtbaren Erzählungen, die Schichten des Palimpsests einer Stadt, die Teile der Stadtcollage. Ich suche die Zwischenräume, die toten Winkel, die versteckte Poesie. Ich entkomme meiner Perspektive nicht.
Zu lesen gibt es viel. Allein die Straßennamen geben ein Bild einer Stadt. Erzählen von Orten, Menschen, Berufen, Ereignissen: Klagenfurterstraße, Rathausplatz, Kirchenplatz, Postgasse, Khevenhüllergasse, Widmanngasse, Lederergasse, Seilergasse, Gerbergasse, 8. Mai-Platz, 10. Oktober-Straße, …
Am Hauptplatz wohnten die Ärzte Doctor Anton Groh (Pest- und Tuberkuloseforscher), Wilhelm Bombast von Hohenheim und Philipp Teophrastus, auch genannt Paracelsus. Ich lese mich weiter durch die Stadt, Hinweise auf Häuser, die hier standen, Denkmalinschriften, die für mich nicht entzifferbaren Grabinschriften an der Apsis der Kirche.
Und dann das ganz erstaunliche Kriegerdenkmal für die Gefallenen des 1. Weltkrieges. Das in Großbuchstaben geschriebenes Gedicht „Frieden“ der Dichterin Friederike Kempner. Eine Dichterin, von der ich noch nie gehört habe, zu der ich weiter recherchieren möchte, und wie ihr Gedicht auf das 2018 von Architekt Roland Winkler erweiterte Denkmal kommt.
Frieden
Immer kämpfen, immer streiten
Und das lohnt doch wahrlich nicht
Und das Recht hat viele Seiten,
Und der Frieden, er ist Pflicht.
Ich tauche tiefer in das Textfeld dieser Stadt ein. Das Denkmal der Namen in der Widmangasse. Aufgelistet die Namen, Geburtsdaten, Todesdaten und –orte jener Kinder, Frauen und Männer aus Villach vermerkt, die von den Nationalsozialisten während des Zweiten Weltkriegs ermordet worden sind.
LETTERS & LINES, ein Guerilla-Graffiti an einer Hauswand, vom Rosengarten aus lesbar. Kritzeleien in den schmalen Durchgangsgassen vom Hauptplatz weg. Sofort denke ich an den Graffiti-Künstler Friend: „das Malen im öffentlichen Raum ist für mich ein Ausdruck von Freiheit, von Menschlichkeit, von Handlungsfähigkeit. Städte ohne Graffiti verlieren an Charme, haben einen eigenartigen Beigeschmack, machen mir Angst“. Ich verstehe gut, was er meint. Villach hat diesen urbanen Charme, hat Lücken im Stadtgefüge. So passt es auch gut, dass ein Kollege von Friend, der Graffiti-Künstler Ruin für eine Wandbild in der Widmangasse eingeladen wurde. Die Künstlerin Isabella Toman, bekannt als Frau Isa, hat die Rückseite der Khevenhüller-Schule mit einer überdimensionalen Frau bemalt.
Im Rathaus, ein schlichter Bau von Karl Hayek aus den 1950er Jahren, dessen Stiegenhaus an die klassische Bauhausmoderne der 1920/30er Jahre erinnert, hängen zwei Schriftbilder von Valentin Oman. Sie passen gut ein eine Stadt mit so viel Text aus mehreren Jahrhunderten und legen Fäden zu den Räumen des Carinthischen Sommers, wo einige Bilder des Künstlers hängen.
In der Dauerausstellung im Rathaus über Villacher Frauen ist auch die Künstlerin und Illustratorin Angelika Kaufmann, deren Arbeiten zwischen Text und Bild mich schon lange begleiten. Das Alphabet, die Schrift und damit verbunden die Handschrift stehen im Zentrum ihrer Werke.
Ich mäandere weiter durch die Stadt, auf dem Hans-Gasser-Platz „almost Triest“. Ein späthistorischer Bau, Palazzo Candolini. 2011 renoviert von Eugenie di Bona. Ganz oben an der Fassade vier Musen.
Termine 2026
/in Allgemein, Biografiepoesie, Orte, Texte, VeranstaltungSchreibworkshops
Regen(e)Ration – Reflexions- und Schreibworkshop, gemeinsam mit Regina Hügli, One Body of Water, Haus am Urmeer, Bisamberg, Samstag, 26. April 2026
Armutskonferenz, 28./29. April 2026, Salzburg
Zwischen Kunst und mir ein Blatt Papier, Schreibworkshop im Wien Museum, in der Ausstellung Schiele Peschka – eine Familienaufstellung, 30. Mai 2026, 1040 Wien
Papiergärten schreiben, 5. Juni 2026, Botanischer Garten, 1030 Wien
Walking Words – Gehen und Schreiben, 19. Juni 2026, BÖS – Berufsverband österreichischer Schreibpädagog:innen, 1120 Wien
Poesienahversorgung – eine poetische Praxis zwischen Wort, Bild und Welt, 26. bis 28. Juni 2026, Styrian Summer Art, Pöllau
Papiergärten schreiben, 2.Oktober 2026, Botanischer Garten, 1030 Wien
Urbane Textfelder, 26./27. September 2026, BÖS – Berufsverband österreichischer Schreibpädagog:innen, 1120 Wien
Ein Lebenskaleidoskop – Möglichkeiten des (auto)biografischen Schreibens, 16. bis 18. Oktober 2026, GEA Akademie Schrems
Diverses
Villach.Stadt.Entdecken. Carinthischer Sommer, 13. Juli 2026, 14. Juli 2026
Literatursalon BÖS, 10. Oktober 2026, 19 Uhr, 1120 Wien
Aus meinen (W)ORTE Fotonotizen,
eigene Fotos, Montagen mit Überschriften der Tageszeitung „Der Standard“.
Europaverdichtungen
/in AllgemeinIn der Auerspergstraße 19 ist jetzt das Kaffee Kunze, dort wo früher das Café Auersperg war, dessen Beislgeruch durch das Stiegenhaus gezogen ist. Ein guter Ort zum Schreiben, an meinen Europaverdichtungen, an meinen Erinnerungen.
Die Ausstellung POLYPHONIE/ 30 Jahre EU haben wir (Babsi Daum, Ingrid Gaier, Rita Kämmerer und ich) gestern fertig aufgebaut. Mein Beitrag sind Europaverdichtungen: unsere Hymne, eine handschriftliche Verdichtung der Ode an die Freude, und ein Zitat und Foto des slowakischen Autors, Übersetzers und Kulturarbeiters Michal Hvorecký bei den Protesten gegen die Regierung in Bratislava. Dann ein Plakat democracii, das ich während der Samtenen Revolution 1989 in Prag von einem Studenten geschenkt bekommen habe, kurz bevor der Autor und Dissident Václav Havel zum Präsidenten gewählt wurde. Ein europa-euphorischer Augenblick, in dem ich wirklich dachte „alles wird gut“. Und visuell-poetische Montagetexte, verdichtete Beiträge rund um europäische Themen aus dem Standard, von Juli bis August dieses Jahres.
Heute habe ich über Messenger Michal Hvorecký davon erzählt, Fotos aus der Ausstellung geschickt. Er wiederum hat mich zu einer Veranstaltung Ende September im Depot eingeladen, „culture in totalitarian systems“, in der Reihe „forming alliances“ und mir von seinem ersten auf Deutsch geschriebenen Buch erzählt, „Dissident“, ein persönliches Sachbuch über die Slowakei, neue Dissidenten und Widerstand gegen rechts, wird im Frühling 2026 im Tropen Verlag, Klett-Cotta erscheinen.
Rund um die Ausstellung entsteht ein Korrespondenzraum. Was, nach der Einladung zu dieser Ausstellung, meine erste Idee und Arbeitstitel war: Europa – ein Korrespondenzraum. Da dachte ich noch, das Manuskript „Dialektik einer Nachbarschaft“ von György Sebestyén und die Kulturzeitschrift PANNONIA mit hinein zu nehmen. Bei Recherchen dazu bin ich auf den Schweizer Historiker und Germanisten Oliver Sterchi gekommen, der seine Dissertation „Auf der Suche nach dem verlorenen Raum“ über die PANNONIA schreibt. Wir hatten mail-Austausch und ein Zoom-Gespräch.
Europaverdichtungen – ein alter Lederkoffer, überquellend mit Manuskripten im Arbeitszimmer des Schriftstellers György Sebestyén in der Auerspergstraße 19, die Redaktion der Kulturzeitschrift PANNONIA. Von 1987 bis 1990 habe ich als Studentin für ihn und so auch immer wieder für die PANNONIA gearbeitet. Briefe geschrieben, auf die Post gebracht, Manuskripte auf meiner Schreibmaschine abgetippt, Klebeumbruch gemacht, ein Redaktionstreffen in Wien organisiert. Ein Literaturraum, ein Korrespondenzraum über den Eisernen Vorhang hinweg. Da hat wohl schon mein Zug ostwärts begonnen, mein „donauisch“ *) sein, und mein Zuhause in Worten und Texten.
*) „Wir sind alle donauisch. Haben ein gemeinsames Land, Europa, von der Donau zusammengenäht.“ (Juri Andruchowytsch, zitiert bei Anna Weidenholzer, Gedanken für den Tag, An der Donau, 7. 1. 2025)
Ausstellungsansicht, im Vordergrund „Arbeit „FREUNDE – demokratie: unsere ansichten gehen als
freunde auseinander (Zitat Ernst Jandl) 32 Mono-Siebdrucke von Babsi Daum, auf den Podesten
Europa und der Stier, Komödie in 5 Akten, Assemblage von Rita Kämmer,
an der Wand Europaverdichtungen von Brigitta Höpler
Plakat Prag 1989
Visuell-poetische Montagetexte, Beiträge aus der Zeitung „Der Standard“, Juni bis August 2025
Zypressenzeilen
/in Allgemein, Naturpoesie, Orte, VeröffentlichungenDie Insel, die Zypresse, die Grillen, die Sonnenflecken, der Feigenduft, der Rosmarin, die Leichtigkeit, …
Montagegedicht Brach liegen im Standard/Album, 2. August 2025
/in Allgemein, Texte, VeröffentlichungenText von Henriette Leinfellner und Javier Pérez Gil zur Eröffnung der Ausstellung Operation Collage in der Künstlerhaus Factory
/in AllgemeinWie kommt eine Collage zustande?
Was tut man eigentlich, wenn man eine Collage begeht?
Wie fängt das an und was ist der Beweggrund, eine solche Tat durchzuführen?
Welche Nebenwirkungen verursacht eine Collage?
Während der Visualisierung einer Idee ist man bereits auf der Suche nach dem oder den anderen Elementen, die mit dem schon vorhandenen interagieren könnten, entweder als destabilisierende Agenten oder als Störenfriede. Wenn beide – das erste und das zweite – aufeinanderprallen entsteht eine gedankliche Bewegung, ein bezeichnender Bruch.
Dieser Bruch eröffnet eine Sequenz von Dekontextualisierung und Rekontextualisierung, die das Erscheinen von etwas Anderem ermöglicht; Etwas Anderem, das autonom und den Bedeutungsträgern der ursprünglichen Komponenten bereits fremd ist. Es handelt sich also um eine semiotische Kollision innerhalb einer mentalen Operation, einen Eingriff in die Sprache und in der Sprache, sei es die visuelle oder die linguistische.
Um die durchschnittliche Geschwindigkeit zu berechnen, mit der dieser Angriff erfolgt, gilt eine einfache mathematische Formel: Wenn man darüber nachdenkt, ist es bereits geschehen.
Dieser erste virtuelle Prozess verwirklicht sich in Form einer selektiven Spurensuche im w.w.w., in gedruckten Medien, auf Flohmärkten oder wo auch immer man die Elemente für die Tat – die Collage/ Assemblage – sammelt. Das selektive Aufspüren stimuliert wiederum den Ideengenerierungsapparat, so dass es eine Rückkopplungsschleife zwischen den beiden Vorgängen gibt.
Hier gibt es jedoch keine mathematische Formel:
Manchmal findet man, was man sucht, manchmal, was man nicht sucht, und oft sind es die Dinge selbst, die einen finden.
In der finalen Phase kommen schließlich das Skalpell, die Tasten Steuerung c / Steuerung v, der Uhu-Stick oder auch andere Instrumente, Geräte oder Werkzeuge zum Einsatz. Hier werden nur die physischen Elemente, aus denen sich das endgültige Werk zusammensetzt, fixiert; nicht aber die Knoten, die Abschweifungen, die sprachlichen Widersprüche oder die Synchronitäten, die die Elemente verknüpfen. All diese Verknüpfungen werden in einem instabilen, vorläufigen, virtuellen Chaos aufrechterhalten.
Vierte Frage: Welche Nebenwirkungen verursacht eine Collage?
Nur der Betrachter ist in der Lage, all diese chaotische Materie wieder zu stabilisieren oder sich in dieses begriffliche Gewirr hineinzuwagen, um neue Zusammenhänge zu finden.
Diese Ausstellung wurde nicht als eine Ausstellung verschiedener Positionen konzipiert, sondern als eine Collage selbst; eigentlich als eine Collage aus Collagen, bei der jedes Werk mit den anderen in der Sprache der Collage interagieren soll.
Als Gebrauchsanweisung hier dennoch ein kurzer Kommentar zu den TeilnehmerInnen:
In den Gedanken einer Amazone, einer Serie von Wilfried Gerstel, wird „Wonder Woman“, die erste weibliche Komikheldin, in Bildzitate diverser historischer Gemälde eingebunden. Von ihrem Goldlasso berührt, ist kein Mensch mehr imstande, unaufrichtig zu sein. Jeder muss die Wahrheit sagen. In der Verschränkung dieser unterschiedlichen Bilderwelten eröffnen sich neue Sichtweisen. Die konfrontative Koppelung der zitierten Werke der Kunstgeschichte bietet Assoziationsraum für aktuelle und zeitlose Interpretationsmöglichkeiten, wie auch einen neuen Blick auf die Rolle der Comic-Heldin als Frau in der Gesellschaft.
Die Stadt als Collage ist das Leitmotiv der Arbeiten von Brigitta Höpler Es geht ihr um eine „Poetologie“ der Alltagsbeobachtung. Auf ihren Streifzügen durch den urbanen Raum trifft sie auf Situationen, die sie intuitiv berühren, und, die sie im Moment fotografisch festhält. In weiterer Folge wird die Fotografie mit Textzitaten und Bildausschnitten in einem Spiegelspiel kombiniert. Das Visuelle der Sprache und die Sprache des Visuellen gehen eine Symbiose ein, die uns BetrachterInnen einlädt, die unterschiedlichen Räume im Bild zu interpretieren und assoziativ aufzuladen.
Henriette Leinfellners Werk Palimpsest, bei dem das Licht die verschiedenen Schichten der Collage transparent macht, lässt sich als stratigrafische Topografie beschreiben; der Titel wird hier zum Programm. Die Serie kleinformatiger Collagen und die Serie E –Druckgrafik und Collage– von Henriette Leinfellner und Javier Pérez Gil, die als Divertimento begonnen wurden, kristallisierten sich im Lauf der Zeit zu mehrjährigen gemeinsamen Projekten, die zwei Hauptprämissen folgten: Austausch und Experiment; und einer einzigen Regel: Keine Regeln.
Wie in einem anatomischen Theater seziert Javier Pérez Gil in der Serie Summa – einem transversalen und anachronistischen Kompendium – verschiedene Charaktere und Themen aus Kunst, Kultur und Wissenschaft. In Yuri Gagarin folgt er auf poetische Weise den Lebensspuren des berühmten sowjetischen Kosmonauten und seinen merkwürdigen Reisegefährten: des Konstrukteurs Rodtschenko, der Muse Brik und des Futuristen Majakowski.
Herbert Starek nimmt uns mit auf eine faszinierende Reise in die Gedankenwelt von Amadeus Cavori. Der in Lugano ansässige Universalgelehrte, ein erklärter Surrealist, unermüdlicher Jäger literarischer Zitate und Poet der kleinen Dinge hat die ganze Welt bereist, ohne seine Heimat zu verlassen. Wie ein zeitgenössischer Marco Polo hat er Dinge erlebt und gesehen, die wir kaum glauben können. Manche setzen ihn auch gleich mit Raymundus Lullius, dem Erbauer der Ars Magna, der Maschine, die jeden denkbaren Gedanken wiedergeben kann.
Robert Svoboda konfrontiert uns in seinen Assemblagen – Miniaturinstallationen und Stillleben – erschütternd, gleichzeitig berührend – durch humorvolle Einblicke mit todernsten Themen. Probleme, Katastrophen, soziale, kulturelle und politische Fragen, aktuelle oder vergangene, alles wird in einer Zigarrenkiste oder auf einem kleinen Altar gleich dem Modell eines Bühnenbildes inszeniert.
Henriette Leinfellner, Javier Pérez Gil
Stadtcollagen Brigitta Höpler
Blick in die Ausstellung
Über das Schaffen von Räumen – eine Wiederveröffentlichung
/in Allgemein, Orte, VeranstaltungAm Sonntag waren wir wieder im Kulturbahnhof Altenmarkt – eine Haltestelle für Kunst aus allen Richtungen. Ein Liederabend von Monika Hosp, Luca Monti am Klavier, und für ein Stück auch Matthias Schorn mit der Klarinette. Albert Hosp hat moderiert. Die Atmosphäre war warmherzig und konzentriert. Matthias Schorn hat davon gesprochen, dass wir einander haben, und die Musik. Das bringt sofort Zuversicht. Wir können gar nicht genug solcher Räume, Dorfplätze schaffen und pflegen! Deswegen möchte ich gerne meinen Text wieder veröffentlichen, den ich im Mai 2019 geschrieben habe, damals war auch Willi Resetarits dabei, der immer noch in den Fotos von Lukas Beck präsent ist, im Wartesaal/Konzertsaal, im Buffetwagen.
Wenn aus Orten Räume werden, Mai 2019
Immer wieder frage ich mich, wie – abseits physikalischer Gesetzmäßigkeiten – Raum entsteht. Immer wieder finde ich Räume, wo das gelungen ist. Immer wieder suche ich diese atmosphärischen Raumfaktoren aufzuspüren und zu benennen.
Die Gedanken anderer helfen beim Denken, wie überhaupt Kunst, Literatur und Musik in meinem Leben immer wieder Hilfe sind.
Michel de Certeau denkt, dass „Raum ein Geflecht von beweglichen Elementen ist, ein Resultat von Aktivitäten, die ihn mit einer Geschichte verbinden. Dass der Raum insgesamt ein Ort ist, an dem man etwas macht.“
Gustav Schörghofer lädt ein, „die Erde als einen Ort der Rast zu gestalten. Mit Musik, mit Kunst, mit Dichtung. Mit Essen und Trinken. Mit Gespräch. Mit Aufmerksamkeit. Mit Demut. Mit Vertrauen. Mit Wissen. Mit Können“.
Ianinina Ilitcheva schreibt, „dass sich so vieles bewegen kann, wenn man sich austauscht, wenn man Gemeinsamkeiten findet, wenn man Diskussionen führen kann, die Anregen zu denken, zu fühlen, auf neue Ideen zu stoßen.“
Das alles sind für mich raumbildende Faktoren, die etwas verändern, etwas bewirken. Menschen, die gestalten, die etwas miteinander machen, die andere dazu einladen. Menschen, die mit Orten Möglichkeiten eröffnen, für Gespräche und Begegnungen – mit sich selbst, mit anderen, mit Kunst, mit Musik, mit Literatur. Mit Poesie im mehrfachen Wortsinn: der poetische, magische Augenblick. Und der griechische Wortursprung, poiesis, etwas erschaffen.
So einen Möglichkeitsraum haben Matthias und Daniela Schorn mit dem aufgelassenen Bahnhof Altenmarkt-Thenneberg entdeckt und gestaltet. Ein Ort, der für sie „eine Energie des Begegnens und des Haltmachens“ hat.
Der Kaffee im umgebauten Schienenbus ist stark und köstlich. Die Scheiben sind beschlagen, es lässt sich ein Herz malen. Der Wein kommt aus der Familie. Das Bier aus einem der Nachbarorte. Die Musiker und Musikerinnen kommen aus allen Richtungen. Die Musik berührt in der verdichteten Atmosphäre des ehemaligen Warteraums den ganzen Körper.
So werden aus Orten Räume, von denen es nicht genug geben kann!
Michel de Certeau, Kunst des Handelns, aus dem Französischen von Ronald Vouillié, Merve Verlag Berlin 1988
Gustav Schörghofer, Drei im Blau, Residenz Verlag, Salzburg 2013
Ianina Ilitcheva, 183 Tage, Kremayr & Scheriau, Wien 2015
Ungefähr genau
/in Allgemein, Orte, TexteMit meiner Freundin sitze ich im Cafe Weitzer. Ich erzähle von meinem Morgenespresso gegenüber der Franziskanerkirche, meine Blicke über die Mur hinweg, wie gerne ich diesen gotischen Kirchenraum mag, die Pauken schlagenden, trompetenden, Geigen spielenden Engel auf der Orgelempore. Meine Freundin spricht von der Uhr ohne Zeiger auf dem Turm und wie sie sich auf ihren Wegen daran freut.
Ich sehe sie sofort vor mir, diese zeigerlose Uhr, ohne sie bewusst wahrgenommen zu haben. Zu wenig Gegenwart in meinem Blick auf diese Stadt voller Erinnerungen.
Später gehen wir über die Brücke auf die Uhr zu, ich fotografiere und denke an Patti Smith, ihren Text „Uhr ohne Zeiger“. Auch sie besessen von Kaffeehäusern. Oft aus der Zeit gefallene Orte, mit stehen gebliebenen Uhren an der Wand.
Wie kann ich diese Uhr ohne Zeiger nicht sofort lieben!? Das Fehlen der goldenen Zeiger und die daraus entstandene Unterbrechung der fortlaufenden Zeit versprechen ihren eigenen Glanz. Mehr Kairos als Chronos. Mehr Augenblicksglück als getaktete Zeit.
Dem entsprechen auch meine beiden Armbanduhren. Der Schriftzug „JETZT“ von Leo Zogmayer und Zeiger ohne Ziffernblatt auf einer weißen Fläche. Zeit nicht in Abschnitte, Striche und Zahlen unterteilt. Meine andere Uhr, eine alte Omega, ungefähr genau.
Wir lebten rund um die Uhr, nahmen die Tage und Nächte ohne große Rücksicht auf Zeit.
(Patti Smith)
Alltage, Orte, Worte. 26. Februar, Graz
Gedicht des Tages – Poesiegalerie
/in Allgemein, Texte, VeröffentlichungenPoesienahversorgung
/in AllgemeinMehr Glanz in unserem Alltag,
wach werden in der Wachheit,
leben, nicht gelebt werden.
Zwischenräume ausloten.
Zeichen setzen.
Schlupfwinkel schützen.
Verbindungen herstellen.
Poesie im Sinn des griechischen Wortursprungs,
poiesis, machen, verfertigen, schöpferisch tätig sein.
Das nährende, stärkende einer poetischen Weltwahrnehmung –
und aber trotzdem.
„Indes kann das Verlangen nach Schönheit in Zeiten der Bedrohung auch widerständig und selbstaktivierend sein.“
(Lexikon der Schönheit, Literaturhaus Stuttgart, 2020)
Möglichkeiten:
Aus der Reihe „Kleine Collagen“, Brigitta Höpler